STUTTGART. Die Mehrheit der Lehrkräfte im Land befürwortet laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Inklusion an Regelschulen. Gleichzeitig sprechen sich aber rund drei Viertel der befragten Lehrkräfte (74 Prozent) für die Unterrichtung von Kindern mit Behinderungen an speziellen Förderschulen aus. Anders ausgedrückt: Nur 23 Prozent der Befragten halten den gemeinsamen Unterricht derzeit für praktisch sinnvoll und umsetzbar. An der Umfrage hatten 500 Lehrkräfte aus Baden-Württemberg teilgenommen.
Weitere Ergebnisse der Umfrage für den Südwesten: Gerade Grundschullehrkräfte erleben die zusätzlichen Herausforderungen durch sonderpädagogische Förderbedarfe oft als belastend. Generell fühlen sich Lehrkräfte durch die bestehenden Strukturen nicht ausreichend unterstützt. Die Barrierefreiheit an vielen Schulen ist lückenhaft und stellt für eine erfolgreiche Inklusion eine große Hürde dar. Vier von zehn Lehrkräften (43 Prozent) berichten, dass ihre Schule baulich nicht barrierefrei ist, bei den Grundschulen ist es sogar jede zweite Lehrkraft (53 Prozent). Und: Sowohl in der Lehrkräfteausbildung als auch in der Fortbildung bestehen im Bereich Inklusion erhebliche Defizite: Die Zahl der inklusiv unterrichtenden Lehrkräfte, die von sich behaupten, über fundierte sonderpädagogische Kenntnisse zu verfügen, hat sich seit 2015 von 25 auf 12 Prozent halbiert. Ganze 76 Prozent der Lehrkräfte berichten, dass Inklusion in ihrer Ausbildung keine Rolle gespielt habe.
»Lehrkräfte mit dieser Last allein zu lassen, ist nicht nur ineffizient – es ist unverantwortlich«
An rund 60 Prozent der Schulen sind außerdem keine multiprofessionellen Teams im Einsatz. Diese sind laut VBE aber ein entscheidender Faktor für individuell abgestimmte Förderung: »Diese unzureichende Unterstützung macht echte, individuelle Förderung praktisch unmöglich. Lehrkräfte mit dieser Last allein zu lassen, ist nicht nur ineffizient – es ist unverantwortlich«, kritisiert Gerhard Brand, Landesvorsitzender des VBE Baden-Württemberg. Er mahnt: »Inklusion funktioniert nicht von allein. Wenn die Strukturen fehlen, wird aus einem pädagogischen Ideal schnell eine tägliche Überforderung – für Kinder wie für Lehrkräfte.«
Mit Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich Deutschland bereits 2009 verpflichtet, ein inklusives Schulsystem zu verwirklichen. Kinder und Jugendliche mit Behinderungen haben seither das Recht auf inklusive Bildung, also den Anspruch, zusammen mit nicht behinderten Kindern an Regelschulen unterrichtet zu werden.
Als Reaktion auf VBE-Umfrage und Kritik, teilte das Kultusministerium mit, die Landesregierung habe in den vergangenen Jahren 1.350 zusätzliche Stellen zur Ausgestaltung inklusiver Bildungsangebote geschaffen. Auch die Studienkapazitäten seien deutlich ausgebaut worden, an den PH-Standorten im Land stünden nun insgesamt fast 700 Plätze für Studienanfänger zur Verfügung. Nach Angaben des Ministeriums werden im laufenden Schuljahr rund 9.500 Kinder mit einer Behinderung an Regelschulen unterrichtet. Fünf Jahre zuvor waren es noch rund 8.900 gewesen. An den sogenannten sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) lernen im Südwesten derzeit gut 56.000 Schüler. Fünf Jahre zuvor waren es knapp 52.000 gewesen. Hier habe man in den letzten Jahren vor allem im Bereich der geistigen Entwicklung einen drastischen Zuwachs verzeichnet.
»Es kommt immer darauf an, wie Inklusion fachlich umgesetzt wird«
Mit der Veröffentlichung der Umfrageergebnisse fordert der VBE-Vorsitzende Brand »eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen«. Derzeit sei die inklusive Beschulung in vielen Fällen weder kindgerecht noch praktikabel für die Lehrkräfte. »Wenn die Politik weiterhin den Ist-Zustand schönredet, dann lässt sie nicht nur die Lehrkräfte im Stich – sie verspielt auch das Vertrauen in die Idee der Inklusion selbst. Und die Leidtragenden sind am Ende die Kinder.«
Auch der Tübinger OB Boris Palmer hatte sich in der Vergangenheit negativ zum Thema Inklusion an Regelschulen geäußert. Im März forderte er etwa im SWR-Fernsehen einen »pragmatischen Mittelweg«zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Inklusion an allen Schulen hält Palmer für »hochgradig ineffizient«. Er sprach sich dafür aus, die Mittel an »Sonderschulen«, die im Land Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) heißen, zu bündeln, denn »dort werde sehr gute Arbeit gemacht«. Inklusion an jeder Schule bezeichnete Palmer als »ineffizient«.
»Palmer ist Pragmatiker, negiert aber das Menschenrecht auf Bildung. «
Thomas Poreski (Grüne), Landtagsabgeordneter aus Reutlingen und Sprecher für Bildung und Inklusion, hat beim Thema Inklusion eine ganz andere Sichtweise als Palmer und sagt: »Es kommt immer darauf an, wie es fachlich umgesetzt wird und ob es eine ausreichende Personalausstattung gibt.« In den PISA Siegerstaaten sei Inklusion selbstverständlich, effizient und fachlich verankert. Und auch bei uns, etwa im Schulamtsbezirk Tübingen-Reutlingen, gebe es gelingende Beispiele, ermöglicht durch eine gut entwickelte Kooperation von allgemeinbildenden Schulen, Sonderpädagogik, Schulverwaltung und Jugendämtern. »Diese Erfahrungen wollen wir für alle nutzbar machen, ohne irgendetwas aufzuzwingen«, so Poreski.
Tatjana Teufel, Fachanwältin für Sozialrecht aus Rottenburg, hat vor zehn Jahren vor Gericht erfolgreich das Recht auf eine bezahlte Schulbegleitung an einer Regelschule für ihre geistig behinderte Tochter erstritten. Sie macht sich auch heute noch für Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen stark, fordert mehr Geld an den Schulen und kritisiert das Schulsystem, das es der Inklusion schwer mache. Teufel sagt: »Die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) sind laut UN-Behindertenkonvention flächendeckend rechtswidrig und gehören deshalb konsequenterweise abgeschafft.« Alle Kinder in Deutschland sollten in großen Schulzentren gemeinsam unterrichtet werden, wo auch Kinder mit einer Behinderung Chancen hätten. Zu den Aussagen des Tübinger OBs sagt sie: »Palmer ist Pragmatiker, negiert aber das Menschenrecht auf Bildung. Das ist natürlich falsch!«

