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Aktuell Reportage

Im Stuttgarter Rage Room ist Zerstören erwünscht

Im Rage Room Stuttgart kann man ganz legal Dinge zerstören. Und damit Wut, Stress und Frust abbauen. Viele nutzen das Angebot aber aus Spaß. Vor allem Frauen. Ein Besuch im Wutraum.

Anni auf viel Kleinholz.
Anni auf viel Kleinholz. Foto: Andreas Stephan
Anni auf viel Kleinholz.
Foto: Andreas Stephan

STUTTGART. Ein ohrenbetäubendes Klirren hallt durch den dunklen Raum, als der Baseballschläger mit voller Wucht auf die vielen Gläser, Tassen und Teller trifft. Das Geschirr, eben noch auf einem modernen Tisch penibel angerichtet, fliegt in tausend Scherben durch den gesamten Kellerraum. Jeder, der in der Nähe steht, nimmt die Arme schützend vors Gesicht. Die Splitter prallen gegen die Wände, gegen die Decke, gegen den Unrat, der sich bereits in dem Raum angesammelt hat. Schließlich haben alle Scherben ihren Platz gefunden. Es kehrt wieder Stille ein. Anni steht im knappen Brautkleid und mit Haarreif neben den Resten des Geschirrs. Es ist ihr Junggesellinnenabschied. Sie lächelt. »Geil«, fährt es aus ihr heraus. Sie holt erneut aus. Und nimmt sich nun den Tisch vor.

Das Gebäude im Stuttgarter Nobelviertel hat seine besten Zeiten hinter sich

Anni ist im Rage Room (deutsch: Wutraum). Ein unscheinbares Gebäude in der Planckstraße im Stuttgarter Nobelviertel Gänsheide. Viele alte Möbel, herumstehende Spiegel und Fenster und ein Container im Hof lassen zwar erahnen, dass das Haus unbewohnt ist. Was aber darin geschieht, ist ungewöhnlich. Durchschreitet man die Eingangstür, sieht man Chaos. Überall stehen Schränke, Tische, Elektronikgeräte, Deko. Manche Räume kann man nicht betreten, weil sie voll gestellt sind. Ein Treppenhaus führt nach unten. Es riecht modrig, rauchig. Zerschlagene Scheiben, Löcher in den Wänden und Türen, überall Scherben und Dreck. Hier hat schon lange niemand mehr gewohnt.

Mit einem wuchtigen Schlag läutet Anni die Zerstörung ein.
Mit einem wuchtigen Schlag läutet Anni die Zerstörung ein. Foto: Andreas Stephan
Mit einem wuchtigen Schlag läutet Anni die Zerstörung ein.
Foto: Andreas Stephan

Einige Räume dieses Hauses kann man aber mieten. Und darin eine Stunde mit einem Baseballschläger alles kurz und klein schlagen, was einem vorgesetzt wird. Im Rage Room kann man Stress abbauen, seine Wut loswerden oder einfach nur Spaß haben.

Auktionator Andreas von Brühl hat den Rage Room vor zwei Jahren eröffnet

Das Konzept des kontrollierten Stressabbaus wurde bereits kurz nach der Jahrtausendwende in Japan entwickelt. Die Idee für den Rage Room in der Landeshauptstadt hatte Andreas Graf von Brühl vor zwei Jahren. Der Stuttgarter mit dem noblen Namen führt ein Auktionshaus und ein Entrümpelungsunternehmen. Er bezeichnet sich selbst als »Starverkäufer«. Durch viele Wohnungsauflösungen hat er Zugang zu unzähligen alten Möbeln und Einrichtungsgegenständen. Was sich bei seinen Auktionen, im Online-Shop oder auf dem Flohmarkt nicht weiter verkaufen lässt, stellt von Brühl in den Rage Room. Das hat praktische Gründe: »Ich bekomme zehnmal mehr Ware rein, als ich verkaufen kann«, sagt von Brüh. Um für Platz zu sorgen, lässt er die Dinge von seinen Kunden klein schlagen. Und nebenbei verdiene er damit genug, um die Entsorgung der Reste zu bezahlen, erzählt der 39-Jährige.

100 Euro pro Person kostet es, eine Stunde lang in den Räumen Dampf abzulassen. Das Werkzeug dafür, ein Baseballschläger, ist dabei inklusive. Knapp 25 Mal im Jahr werde im Rage Room gewütet, der nur samstags seine Tore öffnet. Die Kunden kommen aus unterschiedlichsten Gründen. »80 Prozent machen es aus Spaß«, sagt der Auktionator. »Die anderen 20 wollen etwas verarbeiten.« Darunter seien Trennungen, Todesfälle - aber auch Steuernachzahlungen. Auffällig sei, dass 90 Prozent der Kundschaft Frauen sind, wie von Brühl erzählt.

Freude und Verarbeitung

So wie Anni. Sie zerlegt gerade einen Holzschrank. Mit voller Wucht hämmert sie auf das Möbelstück. Es ist massiv. Schweiß steht ihr auf der Stirn. Mit jedem Schlag vibriert der Schrank stärker. Es dröhnt dumpf durch den Raum. Als sie schließlich dem Möbelstück den Rest gibt, ist der Jubel bei ihr und ihren Freunden groß.

Florian Steiner (links) und Andreas von Brühl bringen Nachschub in den Rage Room. Auch diese Standuhr muss dran glauben.
Florian Steiner (links) und Andreas von Brühl bringen Nachschub in den Rage Room. Auch diese Standuhr muss dran glauben. Foto: Andreas Stephan
Florian Steiner (links) und Andreas von Brühl bringen Nachschub in den Rage Room. Auch diese Standuhr muss dran glauben.
Foto: Andreas Stephan

Ein Stockwerk höher ist die Stimmung eine andere. Eine junge Frau zerbeult hier einen Kühlschrank. Sie möchte anonym bleiben. Und nicht von sich erzählen. Etwas weiter hinten wartet ihre Freundin und beobachtet, wie sich ihre Begleitung am schrottreifen Inventar abarbeitet. Aus der Musikbox, die die zwei mitgebracht haben, ertönt Heavy Metal Musik. Schnell wird klar, dass die Zwei nicht aus Spaß und Neugier hier sind. Die Frau mit dem Schläger ist wütend. Sie muss sich abreagieren. Was ihr geschehen ist, bleibt ihr Geheimnis. Sie erklärt sich einverstanden zu einem Bild. Dann will sie alleine sein. Nachdem die Tür zugefallen ist, hört man sie weiter auf den Kühlschrank einschlagen. Es kracht und hämmert.

Es kann nur ein Ventil sein

Ob es ihr hilft? »Durch das Agieren kommt man körperlich an seine Gefühle«, sagt der Gomaringer Diplom-Psychologe Maik Lietzow-Karaba. Das Zerstören im Rage Room könne somit »einen klärenden Effekt« für die Verarbeitung des Erlebten haben. Wichtig sei aber zu betonen, dass damit keine nachhaltigen psychologischen Wirkungen erzielt werden könnten. Es sie lediglich ein Ventil. Und damit nur ein Stück Heilung. »Nach dem Rage Room fängt die Arbeit eigentlich erst richtig an«, sagt er Experte.

Voller Kraft schlägt die junge Frau auf den Kühlschrank ein. Sie will nicht erkannt werden.
Voller Kraft schlägt die junge Frau auf den Kühlschrank ein. Sie will nicht erkannt werden. Foto: Andreas Stephan
Voller Kraft schlägt die junge Frau auf den Kühlschrank ein. Sie will nicht erkannt werden.
Foto: Andreas Stephan

Anni und ihre Freunde dagegen wollen nur Spaß haben. Dass man den beim Zerstören haben kann, findet Lietzow-Karaba nachvollziehbar. »Es macht Spaß, weil man im Rage Room die Erlaubnis hat, etwas sozial nicht Anerkanntes tun zu dürfen.« Das gehe laut Lietzow-Karaba auf ein frühkindliches Bedürfnis zurück: Die Erkenntnis, dass man Dinge erschaffen - aber auch selbst zerstören kann und das Ergebnis unmittelbar sieht.

Auch für den sehr hohen Frauenanteil im Wutraum hat der Psychologe eine Erklärung: In unserer Gesellschaft sei es oft nicht gern gesehen, wenn Frauen ihren Emotionen freien Lauf lassen. »Im Rage Room können sie ihre Gefühle ausdrücken. Das kann befreiend wirken.« Generell sagt der Psychologe: »Wut gehört zur Grundausstattung des Menschen. Sie darf nur nicht unterdrückt werden, sonst richtet sie sich gegen einen selbst.«

Im Rage Room wird auf einen reibungslosen Ablauf geachtet

Kontrolle also im Umgang mit den Emotionen. Und auch Kontrolle im Rage Room. Damit vor Ort alles funktioniert, kümmert sich Florian Steiner um den reibungslosen Ablauf. Der 35-Jährige schafft mit seinen Kollegen nicht nur das Inventar in und aus dem Haus. Er nimmt auch die Kunden in Empfang und führt mit ihnen eine Sicherheitseinweisung durch. Es gibt strikte Regeln zum Schutz aller Beteiligten. Alkohol ist verboten, eine Schutzbrille vorgeschrieben, nur ein Teilnehmer hat einen Baseballschläger. Alle anderen halten Abstand. Weitere Schutzkleidung ist optional. Trotzdem gibt es immer wieder Zwischenfälle: »Häufiger sind Schnittwunden von den Scherben oder Splittern.« Ein Verbandskasten sei immer griffbereit. Und das Sprühpflaster regelmäßig im Einsatz. »Größere Verletzungen gibt es eigentlich nicht.« Nur einmal sei jemand unabsichtlich vom Baseballschläger getroffen worden und habe einen Cut erlitten, erzählt Steiner.

Die Scherben spritzen durch den Kellerraum.
Die Scherben spritzen durch den Kellerraum. Foto: Andreas Stephan
Die Scherben spritzen durch den Kellerraum.
Foto: Andreas Stephan

Annis Kraft neigt sich langsam dem Ende. Sie gibt den Baseballschläger weiter, denn jeder will mal zuschlagen. Inzwischen liegt schon viel Kleinholz im Raum. Und der nächste Nachschub kommt. Ein weiterer kleiner Tisch und zwei Kartons Geschirr werden in den Raum getragen. Der Nachschub versiegt nie. Für Anni und ihre Freunde hat es auch jeden Fall gereicht. Sie haben schließlich alles zerlegt. Nach getaner Arbeit steht Anni vor dem Gebäude im Hof. Sie ist sichtlich erschöpft. Aber zufrieden: »Es hat sich richtig befreiend angefühlt. Das hätte ich nicht gedacht.«

Auch das Werkzeug hat gelitten.
Auch das Werkzeug hat gelitten. Foto: Andreas Stephan
Auch das Werkzeug hat gelitten.
Foto: Andreas Stephan

Und auch die junge Frau aus dem ersten Untergeschoss kommt langsam die Treppe wieder nach oben. Zwei Wunden mit Sprühpflaster versorgt. Ein Finger ist angeschwollen. Kollateralschaden. Als sie vorbeiläuft, lächelt sie für einen kurzen Augenblick. »Das hat gut getan«, sagt sie leise.

Den zerbeulten Baseballschläger hat sie, und auch Anni, noch in der Hand. Sie nehmen ihn mit. Als Andenken an die Stunde, in der es okay war, zu wüten. (GEA)