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Hebammen im Land schlagen Alarm

Durch den neuen Hebammenhilfevertrag sehen sich Beleghebammen finanziell und bürokratisch unter starkem Druck. Viele von ihnen haben bereits gekündigt, wie etwa das komplette Team an der Helios Klinik in Rottweil. Ist die Hebammenversorgung in Gefahr?

Ein neues Vergütungsmodell für freiberufliche Hebammen könnte viele zur Aufgabe ihres Berufes bewegen.
Ein neues Vergütungsmodell für freiberufliche Hebammen könnte viele zur Aufgabe ihres Berufes bewegen. Foto: Caroline Seidel/dpa
Ein neues Vergütungsmodell für freiberufliche Hebammen könnte viele zur Aufgabe ihres Berufes bewegen.
Foto: Caroline Seidel/dpa

REUTLINGEN. Kalt erwischt wurde Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor Kurzem in der Sendung »ARD Arena«, in der Bürger Fragen stellen können. Eine freiberufliche Hebamme konfrontierte den Kanzler mit ihren immensen Verdiensteinbußen durch den neuen Hebammenhilfevertrag und wollte wissen, wie er hier helfen könne. Seine verdutzte Antwort: »Ich kenne das Problem bisher nicht.«

Warum schlagen Beleghebammen gerade Alarm?

Seit 1. November 2025 gilt der neue Hebammenhilfevertrag, durch den Beleghebammen nach eigenen Angaben Einkommenseinbußen von bis zu 40 Prozent haben. Der Hebammenverband Baden-Württemberg spricht sogar von Einbußen zwischen 30 und 60 Prozent.

Während der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) von einer Vereinfachung durch den neuen Vertrag spricht, angibt, dass dieser die Vergütung für freiberuflich tätige Hebammen »deutlich« verbessere, gleichzeitig Bürokratie abbaue, erleben die Beleghebammenteams laut dem Hebammenverband das genaue Gegenteil: Weniger Verdienst und ein deutliches Plus an Verwaltungsarbeit. Dieser sei ein »Bürokratiemonster, das wertvolle Zeit frisst und die Versorgung massiv beeinträchtigt. Was früher in wenigen Minuten erledigt war, erfordert heute ein komplexes, aufwendiges, schwerfälliges Abrechnungssystem.«

Um das Abrechnungssystem korrekt zu bedienen, würden Patientinnen teilweise zwischen verschiedenen Hebammen hin- und hergegeben, weil einzelne Betreuungsschritte abrechnungstechnisch nicht anders abgebildet werden könnten. »Damit geht verloren, was Geburtshilfe ausmacht: Kontinuität, Sicherheit und eine verlässliche Bezugsperson«, so die Kritik des Verbands.

Was ist an der Helios Klinik in Rottweil passiert?

Spätestens die Kündigung des gesamten Beleghebammenteams der Helios Klinik in Rottweil Anfang November machte auf das Problem aufmerksam. »Wir sind alle völlig am Rande«, beschrieb Simone Fischer, Beleghebamme an der Rottweiler Klinik, die Situation damals dem Schwarzwälder Boten. »Es ist eine Katastrophe. Unser ganzer Frust und die Wut gelten dem GKV! Er zerstört ein bisher sehr gut funktionierendes System und will uns damit in die Anstellung zwingen, weil dies für die Krankenkassen günstiger ist.«

In Baden-Württemberg haben inzwischen acht von zwanzig Beleghebammenteams ihre Beleghebammenverträge gekündigt, ein weiteres Team ist laut Verband gerade dabei, ihren Vertrag zu kündigen.

Was sind Beleghebammen?

Eine Beleghebamme ist eine freiberuflich tätige Hebamme, die einen Belegvertrag mit einer oder mehreren Kliniken abgeschlossen hat. Dadurch kann sie wie fest angestellte Hebammen auf die Kreißsäle und die Infrastruktur der Kliniken (Ärzte, Medikamente, Material etc.) zugreifen. Es gibt Begleit-Beleghebammen und Dienst-Beleghebammen. Eine Begleit-Beleghebamme übernimmt die Betreuung vor, während und nach der Geburt. Um den Entbindungstermin herum ist sie für die Schwangere rufbereit. Eine Dienst-Beleghebamme arbeitet wie eine fest angestellte Klinikhebamme im Schichtsystem. Rund 20 Prozent der Geburten in Deutschland werden von Beleghebammen betreut.

Zehn Euro für schnelle Geburten?

Eine Regelung des neuen Vertrags, die ebenfalls im Zentrum der Kritik steht: Geburten, die weniger als 15 Minuten dauern, werden nur mit rund 10 Euro vergütet. »Dies steht im deutlichen Widerspruch zur Realität der klinischen Geburtshilfe«, so der Hebammenverband. Eine kurze Geburtsdauer bedeute keinesfalls einen geringen Betreuungsaufwand, meint der Verband und erklärt: »Unter diese Kategorie fallen beispielsweise Situationen, in denen Frauen in fortgeschrittener Pressphase in den Kreißsaal kommen und die kindlichen Herztöne zunächst nicht auffindbar sind, Fälle mit akuten Blutungen oder Situationen, in denen unmittelbar nach Aufnahme ein Notkaiserschnitt vorbereitet werden muss. Solche Verläufe sind medizinisch anspruchsvoll und erfordern schnelle, präzise Entscheidungen.« Vor diesem Hintergrund sei die Bewertung solcher Geburten mit unter 10 Euro fachlich nicht nachvollziehbar und stehe in keinem Verhältnis zu Verantwortung und Risiko.

Ist die Hebammenversorgung von Schwangeren gefährdet?

Der Bundesverband der Hebammen warnte kürzlich: Wenn Hebammen die Existenzgrundlage wegbreche, könne dies »eine verheerende Versorgungsknappheit für die Frauen und Familien bedeuten«. Der baden-württembergische Verband spricht vor einem »alarmierenden Signal für die gesamte Geburtshilfe«. »Wenn 40 Prozent aller Beleghebammenteams in Baden-Württemberg sich gezwungen sehen, ihre Verträge zu kündigen oder umzustrukturieren – darunter eines der ältesten Teams des Landes, das seit 1997 besteht – zeigt das die ganze Dramatik der Lage.«

Dieser Umbruch bleibe für die Patientinnen vorerst weitgehend unsichtbar, da andere Hebammen wie schon so oft die massiven Defizite auffangen würden. »Sie springen ein, übernehmen zusätzliche Dienste, gleichen Ausfälle aus und arbeiten erneut weit über ihre Belastungsgrenzen, damit der Kreißsaalbetrieb weiterhin aufrechterhalten werden kann«, schreibt der Verband. Genau diese Mehrarbeit könnte am Ende jedoch dazu führen, dass immer mehr Hebammen die Geburtshilfe verlassen und so das Problem weiter verschärft würde.

Was fordern die Beleghebammen konkret?

Der Hebammenverband im Land fordert die politisch Verantwortlichen dazu auf, umgehend strukturelle und finanzielle Rahmenbedingungen sowie notwendige Nachbesserungen im Hebammenhilfevertrag zu schaffen, um die Geburtshilfe zu stabilisieren und eine sichere Versorgung zu gewährleisten. Auch die Öffentlichkeit bittet der Hebammenverband um Hilfe: »Wir brauchen Unterstützung, denn die Kolleginnen sind nach Jahren des Kämpfens und des Nicht-gehört-Werdens an einem Punkt angekommen, an dem ihre Kräfte aufgebraucht sind.«

Bewegt sich in der Sache bereits etwas?

Es gebe zwar Nachverhandlungen, doch laut Lisa Kunz vom baden-württembergischen Hebammenverband stocken die Gespräche. Ein Eilantrag des Deutschen Hebammenverbands gegen das neue Vergütungsmodell wurde vom Sozialgericht Berlin-Brandenburg am 11. Dezember abgelehnt.