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Gezeichnet von Narben: Opfer sagt zu Messerattacke aus

Sie lernte ihn beim Kickboxen kennen, er war ihr Trainer. Sie verliebten sich ineinander, es folgten Spaziergänge und Ausflüge. Bis sich das Blatt wendete. Nun sind sie vor Gericht, in einem Mordprozess. Doch aufeinandertreffen sollen sie dort nicht.

Prozess wegen Mordes in Freiburg
Ein Angeklagter begrüßt seinen Verteidiger. Foto: Philipp von Ditfurth/DPA
Ein Angeklagter begrüßt seinen Verteidiger.
Foto: Philipp von Ditfurth/DPA

Wenige Momente vor dem blutigen Messerangriff nannte er seine Ex-Freundin noch beim Spitznamen: »Muckelchen«. So sagen es der 63-jährige Angeklagte und die 30-Jährige am Montag vor dem Freiburger Landgericht übereinstimmend aus. Dann stach der Mann auf die Frau und ihre Mutter ein. Wahl- und ziellos, wie es in einer Erklärung des Deutschen heißt, die dessen Anwalt vorträgt.

Die 59 Jahre alte Mutter starb bei der Attacke vor der Haustür der Tochter an jenem Januarmorgen. Diese überlebte lebensgefährlich verletzt. Ist heute von Narben insbesondere am Kopf gezeichnet, die sie kaum verdecken kann, die ihr Unbehagen in der Öffentlichkeit bereiten. Sie habe Alpträume und Schlafstörungen gehabt, spreche mindestens einmal die Woche mit ihrer Psychotherapeutin, sagt sie.

Sie sitzt in einem anderen Raum, wird per Video in den Gerichtssaal IV übertragen - damit sie dem Angeklagten nicht begegnet. Was sie nicht sagt: seinen Namen. Sie spricht nur von »er« und »ihn«.

Während der rund zweieinhalbstündigen Vernehmung wirkt die 30-Jährige weitgehend gefasst. Ruhig und sachlich äußert sie sich über die Beziehung mit dem verheirateten Mann, ihrem Kampfsporttrainer, die im Februar 2020 begann. Über das Sexleben der beiden. Über Spaziergänge und Ausflüge.

Und über das, was sie vom Tattag erinnert: wie sich die Mutter schützend vor sie stellte, wie sie selbst laut um Hilfe schrie, wie sie die Tür aber nicht geöffnet kriegte und wie der erste Stich sie an den Augen traf. Dort halte heute eine Metallplatte die zertrümmerten Knochen zusammen, sagt sie. Wie es danach weiterging, wisse sie nicht mehr: »Ich hab von dem Moment keine Bilder im Kopf.«

Mit den Tränen kämpft sie erst, als es um die Folgen geht. Die körperlichen und die seelischen. Ihre ganze Familie sei in Therapie. Sie seien immer alle sehr eng gewesen, berichtet die 30-Jährige. Jetzt könne sie nicht mehr Mama anrufen, wenn es eine Neuigkeit gebe. Wegen des Altersunterschieds und der Ehe ihres damaligen Freundes habe sie ihrer Familie lange Zeit nichts von der Beziehung erzählt.

Der Angeklagte weiß, dass er Schuld auf sich geladen hat, räumt die Tat in seiner Erklärung klar ein. Er schäme sich und bereue zutiefst, was geschehen sei, liest sein Verteidiger vor. Er habe das Leben des Menschen zerstört, der das Beste für ihn gewesen sei. Bei der Frau bleibe eine tiefe Narbe, die nicht verheilen werde. »Vielleicht wird es ihr helfen, dass ich jahrelang im Gefängnis sein werde.«

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich der Deutsche für die Trennung rächen wollte. In der Erklärung des 63-Jährigen heißt es indes, er habe mit der Frau lediglich sprechen wollen. »Muckelchen, ich will mit dir reden«, habe er gesagt. Plötzlich habe er das Messer in der Hand gehabt und zugestochen. An den genauen Ablauf erinnere er sich nicht mehr. »Ich habe aufgehört, ich wollte das nicht.«

Gefängnis sei für seinen Mandanten die Hölle, sagt der Anwalt. Weil er fast jede Sekunde darüber nachdenke, welche Tat er begangen habe. Die sei das Gegenteil dessen gewesen, was er eigentlich gewollt habe.

Der Angeklagte erzählt selbst, dass er in einer »kaputten« Familie großgeworden sei, ein paar Jahre im Heim lebte. Fünf Mal war er im Gefängnis - die längste Phase sieben Jahre, wegen Drogendelikten.

In der Vernehmung geht es auch um ein Sexvideo, das er ohne Absprache drehte und mit dem er sie erpresste. Es geht um eine Art Vertrag, mit dem er die Beziehung der beiden regeln wollte. Es geht um Drohungen. Er habe auf der Straße und im Gefängnis gelernt, dass man Druck ausüben müsse. »Ich habe mich durchgeschlagen, durchgeboxt - im wahrsten Sinne des Wortes«, sagt der Angeklagte. Die 30-Jährige sagt, sie habe sich zunehmend unwohler gefühlt. Schließlich ging sie zur Polizei, zeigte den Mann an, erwirkte ein Annäherungsverbot.

»Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es so schlimm wird«, sagt die Frau. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, wie sie mit all dem umgehe, antwortete die 30-Jährige: »Man arbeitet dran.« Seit Mai arbeite sie wieder voll. »Das gibt mir Struktur und Halt.«

Damalige Polizeimitteilung

© dpa-infocom, dpa:230716-99-423802/4