TÜBINGEN. Seit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner Deutschland kürzlich als den »Puff Europas« bezeichnet hat und eine Verschärfung der gesetzlichen Regeln für Prostitution forderte, wird wieder das Thema Sexkaufverbot diskutiert. Wir haben mit der Tübingerin Marie Kaltenbach von der Organisation Sisters e.V. über Prostitution in Deutschland, das nordische Modell und die bittere Realität der Sexarbeiterinnen gesprochen.
GEA: Frau Kaltenbach, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat Deutschland kürzlich als den »Puff Europas« bezeichnet. Sehen Sie das genauso?
Marie Kaltenbach: Ja, dem kann man so zustimmen. Deutschland ist zu einem Land des internationalen Sextourismus geworden. Es ist für Freier hier einfach, Frauen für sexuelle Handlungen zu finden und zu bezahlen, ohne irgendwelche rechtlichen Konsequenzen fürchten zu müssen, da sie per Gesetz als Kunden definiert sind. Mit der Legalisierung des Prostitutionsmarktes 2002 ist eine Infrastruktur für die sexuelle Ausbeutung von Frauen entstanden. In jeder größeren Stadt gibt es Rotlichtviertel, dazu noch Riesenbordelle, wie etwa das Paradise in Stuttgart, das Pascha in Köln, das Artemis in Berlin, die weit über Deutschland hinaus bekannt dafür sind, dass Sexkauf hier nicht nur einfach, sondern auch billig ist. Eine Stadt wie Hamburg wirbt offensiv mit seinem Rotlichtviertel, der Reeperbahn. Man kann Touren nach Deutschland buchen, um Sex zu kaufen. Und deshalb hat Julia Klöckner recht mit ihrer Aussage.
»Prostitution ist für viele Frauen oft der letzte Weg, um zu überleben«
GEA: Ihre Organisation Sisters e.V. hilft Prostituierten, will aber auch über die Realität der Prostitution aufklären. Wie sieht diese Realität Ihrer Erfahrung nach aus?
Kaltenbach: Die bittere Realität sieht für die meisten Frauen so aus, dass Prostitution für sie keine Wahlmöglichkeit unter vielen war, sondern oft der letzte Weg, um zu überleben. Der Großteil der Frauen gerät aus einer Notlage in die Prostitution. Für viele ist es die letzte Möglichkeit, Geld für die Familie zu verdienen, andere geraten durch die Loverboy-Methode, bei denen ihnen die große Liebe und eine bessere Zukunft vorgespielt wird, in das ausbeuterische System der Prostitution. Instabile Familienverhältnisse, psychische Probleme kommen oft hinzu. Sobald die Frauen dann in der Prostitution gelandet sind, sind sie extrem fremdbestimmt. Wir treffen oft auf Frauen, die nicht wissen, in welcher Stadt sie sind, da sie alle ein bis zwei Wochen an einen anderen Ort gebracht werden, um den Freiern dort ein »neues Angebot« zu bieten. Die Zimmermieten für Bordellzimmer liegen zwischen 150 und 180 Euro am Tag. Bei 30 bis 50 Euro für Geschlechtsverkehr kann man sich ausrechnen, wie viele Freier eine Frau am Tag braucht, um allein dieses Zimmer zu bezahlen und nicht noch mehr Schulden anzuhäufen. Die Prostitution erleben die Frauen als Gewalt. Wenn man sie fragt, dann sagen sie, Prostitution ist für sie keine Arbeit, sondern bezahlte Vergewaltigung.
GEA: In welchem Zustand sind die Prostituierten, die bei Ihrer Organisation Hilfe suchen?
Kaltenbach: Die Sprechstunden bei unserer Gynäkologin sind immer ausgebucht. Viele Frauen kommen mit Geschlechtskrankheiten zu uns, weil Freier auf das Kondom verzichten wollen und dafür 10 Euro extra zahlen. Die Frauen kommen zu uns mit Kiefergelenkproblemen, mit inneren Prellungen. Das hat auch damit zu tun, dass die Praktiken, die nachgefragt werden, immer brutaler werden. Auch psychisch sind die Frauen sehr belastet.
Woher kommen die Frauen, die sich in Deutschland prostituieren?
Die allermeisten Frauen kommen aus Südosteuropa, aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn. Seit dem Krieg in der Ukraine sind auch mehr Frauen aus der Ukraine in der Prostitution. Mittlerweile sind aber auch Frauen aus Kolumbien und aus China hier. Deutsche Frauen sind in der Minderheit. Prostitution trifft die vulnerabelsten Frauen zuerst. Und dazu gehören Migrantinnen und Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit.
»Die Praktiken, die nachgefragt werden, werden immer brutaler «
Kann man sagen, wie viele der Prostituierten bei uns unter Zwangsprostitution leiden?
Hier gibt es ein riesiges Dunkelfeld, denn ein Opfer von Zwangsprostitution wird erst dann als Opfer in der Statistik geführt, wenn es polizeilich als solches identifiziert wurde. Und dies ist eben sehr oft nicht der Fall. In Deutschland unterscheiden wir zwischen der »schlechten Prostitution«, also Zwangsprostitution und Menschenhandel, und der »guten, legalen Prostitution«, die wir im Prostituiertenschutzgesetz versuchen zu regeln. In der Realität gibt es aber nur einen Prostitutionsmarkt. Die Nachfrage nach Prostitution ist hoch und so viele Freiwillige gibt es gar nicht, die in einem Bordell am Tag von rund zehn Freiern sexuelle Handlungen an sich ausführen lassen. Deshalb ist Deutschland ein Zielland für Menschenhandel geworden. Und deshalb muss man davon ausgehen, dass der Anteil von Frauen, die unter Zwang und Gewalt in die Prostitution gebracht wurden, sehr, sehr hoch ist.
Wie beurteilen Sie die momentane Rechtslage zur Prostitution in Deutschland, das durch das seit 2017 geltende Prostituiertenschutzgesetz geregelt ist?
Das geltende Prostituiertenschutzgesetz sollte unserer Meinung nach eher Freierschutzgesetz oder Profiteurschutzgesetz heißen. Und zwar deshalb, weil es genau diesen beiden Gruppen dient und etwas legalisiert hat, das für die Frauen Gewalt und Ausbeutung bedeutet. Das Ziel, mit diesem Gesetz die Prostituierten zu schützen, wurde nicht erreicht und wird auch nie erreicht werden, weil Prostitution an sich Gewalt ist.
Zur Person
Marie Kaltenbach (31) engagiert sich seit rund zehn Jahren beim bundesweit aktiven Verein Sisters e.V., der Prostituierten in Notsituationen sowie beim Ausstieg aus der Prostitution hilft. Die Tübingerin hat die Ortsgruppe Tübingen/Reutlingen des Vereins mitgegründet, mittlerweile sitzt sie im Vorstand. Kaltenbach erhielt 2021 für ihr Engagement für prostituierte Frauen den Beginenpreis der Beginenstiftung Tübingen. (GEA)
Was fordert Ihre Organisation vor diesem Hintergrund?
Wir fordern eine 180-Grad-Wende: Prostitution darf nicht länger als sexuelle Dienstleistung gelten, sondern als eine Form von geschlechtsspezifischer Gewalt. Und deshalb fordern wir ein Gesetz, das sich am nordischen Modell orientiert. Nach Schweden haben dieses auch Norwegen, Island, Frankreich und Irland eingeführt. Das nordische Modell kriminalisiert den Sexkauf, während Prostituierte entkriminalisiert werden und Ausstiegshilfen bereitgestellt bekommen. Es braucht aber auch einen gesellschaftlichen Perspektivwechsel. In einer Gesellschaft, in der man die Gleichstellung der Geschlechter verwirklichen will, sollten Männer den sexuellen Konsens nicht mit Geld umgehen können.


