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Aktuell Aufarbeitung

Evangelische Kirche will sexuellen Missbrauch aufarbeiten

Geschwiegen und verdunkelt wurde lange in der evangelischen und auch in der katholischen Kirche. In kleinen Schritten wird nun nach der Wahrheit gesucht und Gerechtigkeit angestrebt. Die evangelische Landeskirche wählt den direkten Weg: Sie spricht mit den Opfern.

Ein Kind hält die Hände vor das Gesicht. Foto: Nicolas Armer/Illustration
Ein Kind hält die Hände vor das Gesicht. Foto: Nicolas Armer/Illustration

STUTTGART. Nach Dutzenden Hinweisen auf Missbrauchsfälle in ihren kirchlichen Internaten vor allem in den 1950 und -60er Jahren will die württembergische Landeskirche das Thema der sexualisierten Gewalt in den eigenen Reihen weiter aufarbeiten. Ziel einer neuen Studie sei es vor allem, Betroffenen eine Stimme und ein Forum zu geben und Wege zu finden, wie junge Menschen heute und künftig besser vor Übergriffen geschützt werden können, teilte die Evangelische Landeskirche in Württemberg mit. Details zum Projekt wollen Experten der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm am Mittwoch (13.30 Uhr) präsentieren.

Lange war die evangelische Kirche überzeugt davon, es gebe nur wenige Missbrauchsfälle in ihren Reihen und Gemeinden. Auch hochrangige Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) haben lange betont, strukturellen Missbrauch wie in der katholischen Kirche gebe es bei den Protestanten nicht, es handele sich um Einzelfälle. Inzwischen haben sich nach eigenen Angaben aber bereits rund 150 Betroffene an die unabhängige Kommission der württembergischen Landeskirche gewendet. Bislang wurden 900 000 Euro als Anerkennungsleistung überwiesen, sagte ein Sprecher.

Vor wenigen Jahren gingen zudem nach einem Aufruf knapp 30 Meldungen zu sexuellen Übergriffen an den Seminaren bei der Stabsstelle für Prävention der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ein. Die meisten gingen nach Angaben der Kirche auf ein und denselben mutmaßlichen Täter zurück.

Ziel der neuen Studie sei es, mit Blick auf diese bekannten Missbrauchsfälle mehr über die Opfer und ihren Umgang mit dem Erlebten, aber auch über Täter und Mitwisser zu erfahren. Institutionen hätten die Pflicht, den Betroffenen eine Aufarbeitung des Erlebten zu ermöglichen, teilten die Kirche und die Projektleiter im Vorfeld der Studie mit.

Grundsätzlich sind Missbrauchsfälle vor allem in Heimen der evangelischen Diakonie seit Jahren bekannt. Schon 2011 baten EKD und Diakonie die Betroffenen um Verzeihung und sprachen von einem »Versagen der evangelischen Heimerziehung in den Nachkriegsjahren«. Erst vor kurzem aber hat die EKD eine zentrale Aufarbeitung in Angriff genommen. Zuvor war der Druck auf die evangelische Kirche stärker geworden, weil die katholische Deutsche Bischofskonferenz im Herbst 2018 ihre große Missbrauchsstudie vorgelegt und erschreckend viele Fälle von sexualisierter Gewalt offengelegt hatte.

Inzwischen gibt es in den Landeskirchen unabhängige Kommissionen zu dem Thema. Betroffene kritisieren aber, dass diese Kommissionen durch die Landeskirchen berufen würden und somit nicht wirklich unabhängig seien. Außerdem wurde der Schutz vor sexualisierter Gewalt in einer EKD-weiten Gewaltschutzrichtlinie als Aufgabe festgeschrieben. Die Kirche hat zudem bundesweit eine Aufarbeitungsstudie in Auftrag gegeben, um ein umfangreiches Bild über Fehler der Vergangenheit und Gegenwart sowie besondere Risiken zu bekommen. Ergebnisse der Studie sollen im Herbst 2023 vorliegen.

Der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gehören rund zwei Millionen evangelische Christen an. (dpa)