REUTLINGEN/STUTTGART. Noch gibt es nicht viele E-Autos auf den Straßen des Landes. Und die meisten von ihnen fahren auch. Sollte aber mal eines in einen Unfall verwickelt sein oder aus einem anderen Grund in Brand geraten, stellt das die Feuerwehr vor neue Herausforderungen. Denn E-Autos brennen ein wenig anders als andere Fahrzeuge. Herausforderungen allerdings, die die Brandschützer vor keine unlösbaren Aufgaben stellen.
Ist das Elektroauto das Fortbewegungsmittel der Zukunft? Bleiben doch die Diesel und Benziner die gängigsten Erscheinungen im Straßenbild? Oder sind gar Fahrzeuge, die mit einer Brennstoffzelle angetrieben werden, jene, denen die Zukunft gehört? Darüber streiten sich die Wissenschaftler, vieles ist eine Glaubensfrage und manches einfach eine Frage des Geldbeutels.
Eine Personengruppe gibt es jedenfalls, für die sind alle Fahrzeuge gleich. Die Feuerwehr. Zumindest dann, wenn sie mit dem Löschen eines brennenden Autos beschäftigt ist. »Fahrzeugbrand ist Fahrzeugbrand«, sagt Michael Reitter und zuckt mit den Schultern, als er auf die Gefahren angesprochen wird, die speziell von einem brennenden E-Auto ausgehen. Der Abteilungsleiter bei der Reutlinger Berufsfeuerwehr – dort auch zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – erklärt, E-Autos seien zwar eine neue Herausforderung für die Feuerwehr, »aber keine, die wir nicht in den Griff kriegen könnten«.
»Kühlen, kühlen, kühlen heißt die Devise«
Sein stellvertretender Kommandant, Adrian Röhrle, erläutert die Herangehens- weise an brennende E-Autos etwas genauer. »Kühlen, kühlen, kühlen«, heiße die Devise. Und das erreiche man wie bei jedem anderen Brand. »Wasser und ein Strahlrohr«, so Röhrle, »mehr brauchen wir nicht.« Dennoch gibt es Gefahren, die beim Brand eines E-Autos lauern, die sich von denen beim Verbrennungsmotor unterscheiden. Und die liegen eben in den Akkus der alternativ betriebenen Fahrzeuge. »Wenn man ein Auto mit Verbrennungsmotor gelöscht hat, ist der Brand in den allermeisten Fällen wirklich gelöscht«, erläutert Röhrle. »Das ist bei E-Autos eben nicht der Fall. Da besteht eine erhebliche Rückzündungsgefahr«.

Der stellvertretende Kommandant erklärt, worin diese Gefahr liegt: In den gängigen Lithium-Ionen-Akkumulatoren, die in den allermeisten E-Autos verbaut werden, liegt zwischen Kathode und Anode, also zwischen Plus- und Minuspol, eine Trennfolie. Die schmilzt bei einer Temperatur von etwa 150 Grad. »Auch wenn das E-Auto auf den ersten Blick gelöscht scheint, können innerhalb des Akkus weitere Kurzschlüsse mit Lichtbögen über 150 Grad erfolgen, die Folie kann dann schmelzen, es kommt zu weiteren Kurzschlüssen, die einen erneuten Brand auslösen«, führt Röhrle weiter aus.
»Beim Brand eines E-Autos besteht also keine völlig neuartige Gefahrenlage. Die bisher vom Brand eines herkömmlichen Fahrzeugs bekannten Gefahren bestehen einfach länger. Ein Einsatz ist einfach zeitintensiver«, ergänzt Reitter. Braucht die Feuerwehr beim Vollbrand eines Verbrennungsmotors etwa 20 bis 30 Minuten, um ihn zu löschen, kann sich das beim E-Auto bis zu vier Stunden hinziehen.
Schnell wie die Feuerwehr – das Tempo der Brandschützer ist sprichwörtlich. Beim Brand eines Elektroautos spielt der Faktor Zeit noch mal eine ganz besondere Rolle. Wird der Brand bereits im Entstehen gelöscht, wird auch die Temperatur im Akku relativ niedrig gehalten. Übersteigt sie dort allerdings die 600-Grad-Grenze, ist ein sogenannter »thermal runaway« (thermisches Durchgehen) nicht mehr zu stoppen. Das heißt, das Schmelzen der Trennfolie lässt sich nicht mehr verhindern, es kommt immer wieder zu Kurzschlüssen innerhalb des Akkus, der Brand wird immer wieder angefacht, der Wagen steht in kürzester Zeit im Vollbrand.
Wenn Röhrle sachlich-nüchtern die möglichen Szenarien beschreibt, klingt das nach für Feuerwehrleute überschaubaren Risiken und eher unspektakulären Einsätzen. »Aber bis wir so weit waren, mussten wir eine ganze Reihe von Erfahrungen sammeln«, berichtet Röhrle, »denn wir konnten ja auf kein Erfahrungswissen irgendeiner Feuerwehr aus ganz Deutschland zurückgreifen. Für alle war dieses Problem ja neu.«
Bei ihrem ersten Zusammentreffen mit einem brennenden E-Auto – es war ein E-Smart im Jahr 2017 – waren die Männer von der Reutlinger Feuerwehr so von den ständigen Rückzündungen überrascht, dass sie den Smart kurzerhand an den Haken eines Krans hängten und in einen Container hievten, den sie schnell noch mit Löschwasser gefüllt hatten. Dann war Ruhe im Karton.
Um die Einsatztaktik zu verbessern – nicht immer ist ein Container mit Löschwasser zur Hand – arbeiten Röhrle & Co. eng mit Diplom-Ingenieur Jürgen Kunkelmann vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zusammen, der sich dort intensiv mit Lithium-Ionen-Akkus beschäftigt. Im Nachgang zu dem Einsatz mit dem brennenden E-Smart haben die Reutlinger Feuerwehrler eine Löschlanze entwickelt. E-Autos haben ihren Akku meist am Fahrzeugboden. Die Löschlanze wird an einen Schlauch angeschlossen, unters brennende Auto geschoben und das Wasser kühlt den Akku effektiv von unten. Einfach, aber wirksam.
»Den Smart haben wir in einen Container voller Wasser gehievt«
Über einen direkten Draht zum Kraftfahr-Bundesamt (KBA) können Feuerwehren schon bei der Fahrt zum Einsatzort – sofern sie die Autonummer des brennenden Wagens kennen – sich Details zum betreffenden Auto geben lassen. Handelt es sich um ein herkömmliches Auto, um eins mit Hybrid-Antrieb oder um eines mit Gas- oder Elektro-Antrieb? Im Fall eines E-Autos gibt das KBA sogar schon Hinweise, wo im Wagen sich der Akku befindet. Jede Minute zählt. (GEA)
LANDESFEUERWEHRVERBAND
»Wer um die Gefahren weiß, bekommt die auch in den Griff«
Grundsätzlich keine besonderen Probleme oder Schwierigkeiten sieht der Geschäftsführer des Landesfeuerwehrverbandes, Gerd Zimmermann, für die gesamten Feuerwehren im Land beim Umgang mit brennenden Elektrofahrzeugen. »Die Feuerwehrleute bei uns im Land sind gut ausgebildet. Die Herangehensweise bei einem brennenden E-Auto ist die gleiche wie bei jedem anderen Brand: Gefahren erkennen, und die entsprechenden Maßnahmen ergreifen«, erklärte Zimmermann dem GEA auf Anfrage.
Immer wieder gebe es natürlich neue Herausforderungen, für die neue Lösungen gefunden werden müssten. Aufgearbeitet werden diese Fragestellungen etwa auf der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal. Von dort wird das Wissen an die Ausbilder auf Kreis- und schließlich auf kommunaler Ebene weitergegeben. »Dann funktioniert das«, so Zimmermann, der noch von keiner Feuerwehr im Land gehört hat, die mit einem brennenden E-Auto nicht fertiggeworden wäre. »Wenn man um die Gefahren weiß, bekommt man die auch in den Griff. Beim E-Auto heißt das, ganz normal mit Wasser zu löschen, nur eben ein bisschen länger als normal.«
Zahlenmäßig fallen brennende Autos mit alternativen Antriebsarten ohnehin nicht ins Gewicht, sagt Gerd Zimmermann. Und auch Michael Reitter von der Reutlinger Feuerwehr bestätigt, dass es in den zurückliegenden Jahren noch keine zehn Einsätze wegen brennender E-Autos gegeben habe. (oje)

