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Ein Knall, viel Rauch und fette Beute

Wenn sie flüchten, bleibt ein Trümmerfeld aus Scherben und Schrott zurück: Immer häufiger werden Geldautomaten in die Luft gejagt. Baden-Württemberg dürfte bald einen Höchstwert erreichen.

Landeskriminalamt zeigt gesprengten Geldautomaten
Ein zu Versuchszwecken gesprengter Geldautomat steht bei einem Pressetermin im LKA Baden-Württemberg. Foto: Anna Ross/DPA
Ein zu Versuchszwecken gesprengter Geldautomat steht bei einem Pressetermin im LKA Baden-Württemberg.
Foto: Anna Ross/DPA

In Esslingen und in Riedlingen hat es bereits geknallt, in einem Lebensmittelmarkt im Ortenaukreis und in Wiernsheim (Enzkreis) auch, gleich zwei Mal sogar in Lahr. Allein in den vergangenen zwei Monaten haben Räuber mindestens einen Geldautomaten pro Woche in die Luft gejagt, meistens nachts. Die Zahl der Beutezüge dürfte in diesem Jahr im Südwesten einen Höchststand erreichen. Wer sind die Täter, wo schlagen sie zu und lässt sich gar nichts machen gegen ihre brachiale Gewalt?

DIE TÄTER

Immer wieder führen die Spuren in die Niederlande. Auch eine mutmaßliche Bande, gegen die nach möglicherweise Dutzenden Taten allein in Baden-Württemberg und Bayern bald Anklage in Bamberg erhoben werden soll, stammt aus dem Nachbarland. »Wir wissen aus unseren Ermittlungen, dass es sich um feste Strukturen handelt«, sagte der Präsident des baden-württembergischen Landeskriminalamts (LKA), Andreas Stenger. »Die trainieren die Tat, sie schulen sich.« Getrieben von Habgier und überaus professionell schlagen sie nach Angaben Stengers zu. Die Staatsanwaltschaft Bamberg spricht von »organisierter Kriminalität, die sich deutschen Boden sucht«. In den Niederlanden werde zunehmend elektronisch mit Karte bezahlt, die Zahl der Geldautomaten gehe zurück und die noch vorhandenen, aber immer besser gesicherten Geräte speicherten nur noch kleinere Summen.

DIE TATEN

Die Automatensprenger haben ihre zerstörerischen Spuren seit Jahren am stärksten in Nordrhein-Westfalen hinterlassen. Dort nutzen sie nach Erkenntnissen der Ermittler vor allem den schnellen Fluchtweg über die Grenze in die Niederlande. Aber auch in Baden-Württemberg nimmt die Zahl der Sprengungen deutlich zu. Im vergangenen Jahr stieg sie im Südwesten um 40 Prozent, 34 Mal schlugen die oft unbekannten Täter nach LKA-Angaben zu. In diesem Jahr sind es bislang sogar 39 Taten, nur 2 weniger als beim bisherigen Höchststand im Jahr 2020. »Es ist trotz aller Maßnahmen nicht zu erkennen, dass die Zahl der Automatensprengungen zurückgeht«, sagte der Präsident des Hessischen Landeskriminalamtes (HLKA), Andreas Röhrig, im vergangenen September mit Blick auf die bundesweite Spur, die die Täter hinterlassen. »Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht irgendwo ein Geldautomat gesprengt wird.«

DIE TATORTE

Meistens fliegen Geldautomaten in den kleinen Vororten und den grenznahen Gemeinden in die Luft. In Riedlingen (Kreis Biberach) und in Hohberg (Ortenaukreis), in Stutensee bei Karlsruhe und in Haigerloch (Zollernalbkreis) zum Beispiel. Am häufigsten knallte es in diesem Jahr im Gebiet des Polizeipräsidiums Reutlingen (acht Mal), sechs Mal schlugen Räuber in den Regionen Freiburg und Offenburg zu, nur ein Mal rund um Konstanz.

DIE BEUTE

Das Sprengen von Automaten ist nach Angaben von Ermittlern ein oft lohnendes, aber auch ein enorm risikoreiches Geschäft. Während der zunehmende Gebrauch von Festsprengstoff das schlecht zu kontrollierende und zeitraubende Einleiten von Gas abgelöst hat, fliehen die Räuber teils halsbrecherisch vom Tatort. »Sie nehmen dabei jedes Risiko für sich und auch für andere in Kauf«, sagt Stenger.

Immer wieder hat das Folgen: Schlagzeilen machte unter anderem ein mutmaßlicher Sprenger, der vor rund eineinhalb Wochen mit seinem Fluchtwagen auf der Autobahn 6 bei Heilbronn als Geisterfahrer frontal gegen einen Transporter prallte. Er sowie zwei weitere Männer waren schwer verletzt worden. Zuvor soll der Mann nach LKA-Angaben gemeinsam mit zwei Kumpanen einen Geldautomaten in Wiernsheim (Enzkreis) gesprengt haben. Im Fluchtwagen fand die Polizei 40 000 Euro Bargeld aus dem explodierten Automaten sowie Sprengstoff.

Ungefähr bei jedem dritten Mal müssen die Räuber unverrichteter Dinge, zumindest aber ohne Geld wieder abziehen. Abgesehen von der Millionenbeute, die sie dennoch machen, liegt der Schaden, den sie in den Banken, den Vorräumen von Supermärkten und vor allem auch an den Gebäuden hintererlassen, viel höher. Aufgeklärt werden die Fälle allerdings auch nur selten. Die Quote für das Jahr 2022 liegt laut dem Innenministerium bei 15 Prozent. Die Höhe der Beute hingegen lag im Jahr 2022 bei insgesamt rund 2,5 Millionen Euro, der geschätzte Schaden an Gebäuden und Material bei 4 Millionen Euro.

DIE FORSCHUNG

Mit ausrangierten Geldautomaten wollen die Stuttgarter LKA-Ermittler herausfinden, wie Splitter fliegen und wie sich nach dem großen Knall der Druck verteilt. »Das ist in strafrechtlicher Hinsicht von Belang, da sich die konkreten Gefahren für unbeteiligte Personen auch auf das Strafmaß für die Täterinnen und Täter auswirken«, erklärt Stenger. Die Täter gingen skrupellos vor, da könne bei einer Sprengung auch der Vorwurf eines versuchten Tötungsdeliktes in Betracht kommen. Bei seinen Testsprengungen hat das LKA die Banken und Sparkassen in Baden-Württemberg im Boot. Sie sind interessiert, die Automaten sicherer zu machen, scheuen aber angesichts des zurückgehenden Bargeldverkehrs auch höhere Investitionen.

Das LKA empfiehlt nach den Testsprengungen vor allem eine Technik, mit der die in den Automaten aufbewahrten Scheine bei einem gewaltsamen Zugriff eingefärbt werden und damit nicht mehr zu gebrauchen sind. »Nach unserem Dafürhalten ist es ideal, wenn das Geld nicht mehr genutzt werden kann«, sagt Stefan Knapp, der beim Landeskriminalamt in Stuttgart den Entschärfungsdienst verantwortet. Bei mehreren Fällen in jüngerer Zeit waren Täter auch durch eine Nebelanlage in die Flucht geschlagen worden. Viele Geldhäuser sperren inzwischen die Räume, in denen Automaten stehen, nachts zu.

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV/Berlin) hatte vor wenigen Monaten angekündigt, zum Schutz vor Angriffen auf Geldautomaten künftig auch auf Klebesysteme setzen zu wollen. Dabei werden die Geldscheine nach der Explosion zu einem Klumpen, lassen sich nicht mehr nutzen und meist auch nicht mehr zählen. Oder die Automaten werden gleich ganz abgebaut, wenn sich die Aufrüstung an bestimmten Orten nach eingehender Prüfung nicht lohne, wie es beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (Berlin) heißt.

Zahl der Geldautomaten in Deutschland

© dpa-infocom, dpa:231121-99-27173/5