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Aktuell Klimawandel

Ein Grad wärmer und trotzdem noch Skifahren

Eine neue Studie zeigt, dass es im Allgäu in den nächsten 30 Jahren genügend Schnee geben wird.

Es ist angerichtet: Rupert Schön, Betreiber der Schwärzenlifte Eschach, freut sich über die aktuell gute Schneelage
Es ist angerichtet: Rupert Schön, Betreiber der Schwärzenlifte Eschach, freut sich über die aktuell gute Schneelage Foto: Frank Schwaibold
Es ist angerichtet: Rupert Schön, Betreiber der Schwärzenlifte Eschach, freut sich über die aktuell gute Schneelage
Foto: Frank Schwaibold

ESCHACH. Rupert Schön ist zufrieden. 20 bis 30 Zentimeter Neuschnee liegen dieses Jahr bereits auf seinen Pisten. Minusgrade in der Nacht erlauben zudem den Einsatz seiner Schneekanonen. Das sorgt für eine stabile und dichte Schneedecke. Deshalb hat er mit seinen Schwärzenliften in Eschach bereits am vorletzten November-Wochenende den Betrieb aufnehmen können.

Dabei liegt das kleine Skigebiet mit vier Schleppliften nur auf 1000 Höhenmeter. Doch dank der neuen Beschneiungsanlage – rund 2,5 Millionen Euro hat Schön in die Technik investiert – kommt er bisher gut über die Runden. »Der vergangene Winter war bei uns der beste aller Zeiten«, sagt er stolz und verweist auf 120 Betriebstage in der Saison 2024/25.

1965 hat sein Vater in dem Allgäuer Teilort des Marktes Buchenberg den ersten Pendellift gebaut. Seither ist der Betrieb stetig gewachsen. »Generationen von Kindern haben hier Skifahren gelernt«, betont Geschäftsführer Stefan Egenter von der Allgäu GmbH. Egal ob vom württembergischen Isny und Leutkirch oder vom bayrischen Kempten: Sie alle kommen zu den Schwärzenliften. Mittlerweile gibt es drei Kinderseillifte, vier Zauberteppiche, zwei Kombibänder für Ski und Rodel und die Gletscheralp zum Einkehren.

Die Fortschrittslandkarte zeigt, was im Allgäu aus touristischer Sicht in welcher Höhenlage künftig zu tun ist
Die Fortschrittslandkarte zeigt, was im Allgäu aus touristischer Sicht in welcher Höhenlage künftig zu tun ist Foto: Allgäu GmbH
Die Fortschrittslandkarte zeigt, was im Allgäu aus touristischer Sicht in welcher Höhenlage künftig zu tun ist
Foto: Allgäu GmbH

Doch bleibt dies auch in Zukunft so oder wird der Klimawandel für solche Skigebiete wie in Eschach über kurz oder lang das Aus bedeuten? Überraschend deutlich »Nein« sagen jetzt mehrere Wissenschaftler. Basis ihres Urteils ist eine neue Studie im Auftrag der Allgäu GmbH und weiteren Partnern, die von Geosphere Austria in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) umgesetzt wurde. Die Untersuchung der klimabedingten Entwicklung auf Dauer der Naturschneedecke und der meteorologischen Bedingungen für technische Beschneiung zeigt: In den kommenden 30 Jahren ist im Winter zwar mit einem Temperaturanstieg um weitere 0,8 bis 1,1 Grad Celsius zu rechnen.

Das führt je nach Höhenlage zu einer Verkürzung der Dauer der Naturschneedecke um etwa 15 Prozent. Und im Bereich der Talstationen ist mit einem Rückgang der potenziellen Beschneizeiten um etwa ein Fünftel zu rechnen. Allerdings besteht auch eine leichte Tendenz zu mehr Winterniederschlag. Ein Beispiel aus der Studie zeigt für eine Höhenlage von 800 Metern, dass es dort künftig nur noch 237 statt 297 Beschneistunden im Dezember geben wird. Der Wert reicht allerdings immer noch aus, um ein Skigebiet wirtschaftlich zu betreiben. Zumal die modernen Beschneiungsanlagen immer leistungsfähiger werden und innerhalb weniger Tage viel Schnee produzieren können.

Unterm Strich ziehen die Wissenschaftler als Fazit, dass das Allgäu auch in den kommenden Jahrzehnten weiterhin geeignete Voraussetzungen für Wintersport bietet. Allemal, wenn der globale Klimaschutz konsequent vorangetrieben werden, so wie im Pariser Klimaschutzabkommen vereinbart. Aber selbst unter pessimistischen Klimaszenarien, also einer fossilen Welt ohne großen Klimaschutz, »bleibt die Schneesicherheit weitgehend erhalten – sowohl durch natürliche Schneedecke als auch durch günstige Bedingungen für technischen Beschneiung«, heißt es weiter.

Der Klimaphysiker Dr. Andreas Gobiet von Geosphere Austria hat fürs Allgäu eine Klimastudie erstellt,
Der Klimaphysiker Dr. Andreas Gobiet von Geosphere Austria hat fürs Allgäu eine Klimastudie erstellt, Foto: Frank Schwaibold
Der Klimaphysiker Dr. Andreas Gobiet von Geosphere Austria hat fürs Allgäu eine Klimastudie erstellt,
Foto: Frank Schwaibold

Dr. Andreas Gobiet von Geosphere sagt: »Wir sind weit davon entfernt zu sagen, dass es in den nächsten 30 Jahren keinen Schnee mehr geben wird.« Auch der Kölner Sportprofessor Dr. Ralf Roth erklärt: »Wir glauben an den Winter im Allgäu. Der Skisport dort ist ein Alleinstellungsmerkmal bei den deutschen Mittelgebirgen.« Zudem sei das Allgäu eine der ersten Alpenregionen, die das Thema Klimawandel »vernetzt aufgreift«. Soll es allerdings auch in 60 Jahren noch genügend Schnee geben, dann sei die Umsetzung des Paris-Szenarios zwingend.

Im Allgäu jedenfalls hat man aus den Erkenntnissen der Wissenschaft nun eine »Fortschrittslandkarte« abgeleitet, die den Wandel in den nächsten 30 Jahren sichtbar macht. In Gebieten zwischen 900 und 1200 Metern beispielsweise »müssen die touristischen Orte flexible Angebote anbieten und sich breiter aufstellen«, betont Sportprofessor Roth. Er plädierte für den Aufbau von »hybriden Winterdestinationen als Rückzugsorte für Sport, Bergnatur, Genuss und Gesundheit«.

Betroffen sind auch Oberstaufen und Bad Hindelang. Für Bad Hindelang fordert Roth schneesichere Loipen und gleichzeitig weiße Winterwanderwege. In Oberstaufen wiederum müsse das Skigebiet Imberg besser beschneit werden und im Rahmen eines »Winterzaubers« der Weihnachtsmarkt und Konzertreihen bis zum 6. Januar verlängert werden. Der Sportwissenschaftler sagt: »Es kommt mehr denn je auf die unternehmerische Anpassungsfähigkeit und auf die Ganzjahresausrichtung an.«

Seit 1965 wird in Eschach auf 1000 Metern Seehöhe Ski gefahren.
Seit 1965 wird in Eschach auf 1000 Metern Seehöhe Ski gefahren. Foto: Frank Schwaibold
Seit 1965 wird in Eschach auf 1000 Metern Seehöhe Ski gefahren.
Foto: Frank Schwaibold

Zudem bieten die Übergangszeiten, insbesondere der Herbst, neue Perspektiven für den Bergsport und Outdoor-Aktivitäten. Denn die Zahl der trockenen Wandertage nehme zwar »im Sommer wegen der Hitze ab, aber im Frühling und Herbst zu«, prophezeit der Klimaphysiker Gobiet. Der Touristikexperte Egenter ergänzt: »Wir müssen einerseits das Kernangebot rund um das Skifahren und den Schneesport weiterentwickeln und auf der anderen Seite Angebote schaffen, die mit und ohne Schnee attraktive Reiseanlässe liefern.«

Zumal der Chef der Allgäu GmbH weiß, wie wichtig der Tourismus als Wirtschaftsfaktor ist: Allein im Jahr 2024 sorgte der Tourismus im Allgäu für einen Bruttoumsatz von 3,9 Milliarden Euro. 65.000 Menschen arbeiten im Dreieck zwischen Oberstdorf, Leutkirch und Kaufbeuren in dieser Branche. Deshalb hat er sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: das Allgäu soll nicht nur eine Ganzjahresdestination bleiben, sondern für Wanderer sogar zur führenden Ganzjahresdestination etabliert werden. Klimaforscher Gobiet ist zuversichtlich, dass es gelingt. »Das Allgäu ist ein Vorreiter und denkt den Tourismus längst ganzheitlich.«