TÜBINGEN. Harald Lesch erklärt den Deutschen die Welt. Egal, ob Kosmos, Klima, künstliche Intelligenz: Der Fernseh-Star hat zu allem etwas zu sagen. Und die Menschen hören ihm zu. In Tübingen kommen am Mittwoch Tausende zu seinem Vortrag über »Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde«. Obwohl der Thermometer die 30-Grad-Marke reißt, obwohl die Warteschlange sich halb um die Neue Aula windet, obwohl der Festsaal nicht klimatisiert ist.
Und obwohl Wissen und Wissenschaftler in manchen Gesellschaftskreisen inzwischen mit Skepsis beäugt werden. Dort verlangt man nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme, vertraut blind den Antworten von ChatGPT und bewundert skrupellose Narzissten wie Donald Trump. Lesch ist der Anti-Trump: ein Intellektueller, der für das Miteinander, das Analoge, das Langsame wirbt. Umso mehr überrascht es, dass einer wie er bei den Leuten ankommt. Wer Leschs Beliebtheit verstehen will, der begleitet ihn auf seinem Weg durch die Universitätsstadt am Neckar – und entdeckt Erstaunliches.
Das geht schon los bei der Verabredung: Eine Mail mit der Bitte um ein Gespräch an seine Adresse bei der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort arbeitet Lesch als Professor für Astrophysik, erforscht den Kosmos, erklärt Studenten Quantenmechanik – alles Dinge, von denen sich die meisten Laien überfordert fühlen. Die Antwort folgt prompt: »Gern, am besten Sie melden sich per Telefon.« Anbei die private Nummer. Einen Anruf später steht das Treffen. Ins Café neben seinem Hotel kommt Lesch mit beigem Wanderhut, blauem Baumwollhemd und kurzer Hose. Ein unauffälliger Mittsechziger, der sich an einen Tisch setzt und ein alkoholfreies Bier bestellt. Alles ganz selbstverständlich, unkompliziert, normal, kein elitäres Gehabe.
Dann erzählt Lesch von seiner Begeisterung für den Weltraum: »Ich bin 1960 geboren, die Amis sind 1969 auf dem Mond gelandet. Das gab den Ausschlag.« Als Neunjähriger baute er die Trägerrakete Saturn V nach, bewarb sich bei der NASA – und kassierte eine Absage: US-Astronaut könne er nicht werden als Deutscher und mit Brille, hieß es. Doch die Raumfahrt-Behörde gab dem Jungen einen Rat: »Wenn du dich mit dem Himmel beschäftigen willst, dann studiere Astronomie.« Der Brief hängt jetzt über Leschs Schreibtisch.
Die Empfehlung hat Lesch beherzigt. Fast zumindest: Statt bei Astronomie landete er bei Astrophysik. »Ich will wissen, wie die Natur funktioniert«, erklärt er. »Die physikalischen Gesetze auf der Erde gelten im ganzen Universum. Dort lassen sie sich jedoch besser beobachten, weil der Mensch sie nicht verfälscht hat.« Lesch begreift Wissenschaft nicht als dröge Theorie, sondern als spannendes Abenteuer.
Leschs Enthusiasmus steckt an – so sehr, dass andere Menschen ihn begleiten wollen auf seiner Entdeckungsreise zu den Grundprinzipien des Lebens. Darum hat der Professor seinen Wirkungskreis erweitert: raus aus dem Münchner Hörsaal, rein in die deutschen Fernseher. Seit einem Vierteljahrhundert moderiert er Wissenschafts-Sendungen, erst im ZDF, dann in der ARD. »Leschs Kosmos« und »Terra X« verzeichnen zweistellige Einschaltquoten. Der Youtube-Kanal »Terra X, Lesch & Co.« zählt über eine Million Abonnenten.
Längst erklärt Lesch nicht mehr bloß, was Schwarze Löcher sind, wie viel die Milchstraße wiegt und ob es Außerirdische gibt. Inzwischen spricht er auch darüber, wie wir die Klimaerwärmung stoppen, die Energiewende schaffen und künstliche Intelligenz bändigen. Lesch ist ein Generalist, der vor keinem Thema zurückschreckt. Er will aufklären, damit alle zusammen die Welt zu einem besseren Ort machen.
Die Leute nehmen ihm das ab, sowohl die gute Absicht als auch den Sachverstand. Lesch hat für seine Arbeit über 30 Auszeichnungen gewonnen. Besonders stolz ist er auf die Ehrennadel der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. »Das Lob von Physikern ist ein seltenes Gut im Universum«, witzelt er. »Das reicht mir.«
Trotz seiner Verdienste gibt der Professor nicht den Oberlehrer. Stattdessen beschränkt er sich auf das Wesentliche, spricht einfach und klar und vor allem: hat jede Menge Spaß. »Ich freue mich tierisch, wenn ich anderen Leuten was erzählen kann«, sagt Lesch. Beim Spaziergang durch Tübingen passiert er einen Straßenimbiss, ein junger Mann lächelt und nickt, Lesch grüßt freundlich zurück und wünscht guten Appetit. »Ich werde oft angesprochen«, sagt er. »Die Reaktionen sind immer positiv.« Das liegt auch an Leschs Charme: Er ist locker, zugewandt, nahbar. Ein Grenzgänger, der die Wissenschaft aus dem akademischen Elfenbeinturm holt und auf die Straße bringt.
Angekommen bei der Neuen Aula, zieht sich die Warteschlange bis zum Alten Botanischen Garten. Manche stehen seit zweieinhalb Stunden an, einige ducken sich unter Sonnenschirme, andere stricken Schals. Alle wollen Leschs Vortrag zur Mediendozentur hören. Die Veranstaltung von Universität und SWR findet zum 20. Mal statt und begrüßte zuletzt so illustre Redner wie die heute-journal-Moderatorin Dunja Hayali, die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und den Blogger Sascha Lobo. Diesmal sind die 1.300 Karten für den Festsaal nach 25 Minuten weg, die Rede wird zusätzlich in drei Hörsäle übertragen, das Youtube-Video hat bis jetzt 15.000 Aufrufe.
Eine Stunde lang macht Lesch sich vor Publikum Sorgen: um das Allgemeinwissen der Gesellschaft, ihre geistige Fitness, ihre politische Mündigkeit. Schließlich würden wir in einer informationsfeindlichen Umgebung leben: Private Medien machten öffentlich-rechtlichen Medien das Publikum streitig. Dort ginge es aber mehr um das große Geld als um die seriöse Information. Die Menschen müssten immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit bewältigen – zumindest glaubten sie das. Beachtung fänden nur noch kurze, knackige Nachrichten ohne Hintergrund und Zusammenhang. Populisten witterten hier ihre Chance, soziale Medien auch. Ihre einfachen Antworten auf komplexe Fragen führten aber in die Irre.
Für Lesch ist das ein Frontalangriff auf seine Profession. Wissenschaftserklärer wie er, Ranga Yogeshwar und Mai Thi Nguyen-Kim stemmen sich gegen die Volks-Verblödung. Sie kooperieren mit öffentlich-rechtlichen Medien und staatlichen Behörden. Lesch outet sich als Fan: »Informieren Sie sich vor allem über die Kanäle, die Sie mit Ihren Beiträgen und Steuern finanzieren«, rät er dem Publikum. »Treten Sie in den analogen Widerstand! Schalten Sie den digitalen Diktator auch mal ab!« Und siehe da: Plötzlich bleibt Zeit, um Menschen in der echten Welt zu treffen, um sich bei Rotem Kreuz, Technischem Hilfswerk oder Freiwilliger Feuerwehr zu engagieren. »Wir brauchen das Wir«, fordert Lesch. »Nur als Gemeinschaft können wir die Probleme lösen.«
Was Lesch sagt, ist weder neu noch spektakulär. Es ist ein Sowohl-Als-auch, ein Spagat zwischen Altem und Neuem, das Beste aus beiden Welten. Aber vielleicht gerade darum hat die Lesch-Methode gute Chancen auf Erfolg. Sie lebt den Kompromiss und stellt sich »der Wirklichkeit, die so widerspenstig und so wahnsinnig und so wunderbar ist«. »Bleiben Sie Mensch!«, ruft Lesch dem Saal zu. Der erste Schritt ist schon getan: Die Leute dort haben den Bildschirm verlassen, sind raus unter Menschen gegangen und haben selbst nachgedacht – wenn auch nur für eine Stunde. (GEA)





