Logo
Aktuell Natur

Der Wald im Klimastress: So geht es unseren Bäumen wirklich

Der Gesundheitszustand der Wälder in Baden-Württemberg lässt zu wünschen übrig. Das untermauert der Waldzustandsbericht 2024. Aber es gibt Hoffnung.

Die Wälder in Baden-Württemberg haben zunehmend unter dem Klimawandel zu leiden.
Die Wälder in Baden-Württemberg haben zunehmend unter dem Klimawandel zu leiden. Foto: Steffen Schanz
Die Wälder in Baden-Württemberg haben zunehmend unter dem Klimawandel zu leiden.
Foto: Steffen Schanz

REUTLINGEN. Der Wald stirbt. So lautet zumindest eine verbreitete Meinung über den für uns so wichtigen Forst. Doch wie steht es wirklich um unseren Lebensspender? Um diese Frage zu beantworten, erstellt die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) Freiburg jährlich den Waldzustandsbericht, der vom Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR) veröffentlicht wird. Die Erkenntnisse aus dem neuesten Bericht lassen kurz aufatmen, aber täuschen nicht über einen Trend hinweg.

Wie geht es dem Wald im Land?

»Die extreme Witterung der letzten Jahre seit 2018 mit Hitze- und Dürreperioden hat den Gesundheitszustand der Wälder stark beeinträchtigt. Die geschwächten Bäume konnten so leichter von Insekten oder Pilzen befallen werden«, heißt es aus dem MLR. Vor allem der Buchdrucker, die häufigste Borkenkäfer-Art, habe viele Fichten befallen und zum Absterben ganzer Waldbestände geführt. Zudem seien auch viele Laubbaum-Arten, wie die Buche, von den Auswirkungen des Klimawandels mit häufigeren Extremwetter-Ereignissen betroffen.

Aber: Im Jahr 2024, als der jüngste Waldzustandsbericht veröffentlicht wurde, hat sich der Gesundheitszustand im Vergleich zum Vorjahr leicht verbessert. Grund dafür ist vor allem die gute Wasserversorgung durch die ergiebigen Niederschläge von Herbst 2023 bis Sommerbeginn 2024. Dennoch sind die Trockenschäden der letzten Jahre in den Wäldern weiterhin sichtbar, beispielsweise in Form von abgestorbenen Kronenteilen und schlechter Belaubung.

Wie wird der Waldzustand ermittelt?

»Ein wichtiger Indikator für den aktuellen Gesundheitszustand der Wälder ist der mittlere Nadel- und Blattverlust der Waldbäume«, erklärt das Ministerium. Weitere Kriterien zur Ermittlung des Waldzustands sind die Vergilbung, also das Verbleichen oder Gelbwerden der Blätter aufgrund von Nährstoffunterversorgung, sowie weitere Schäden an Stamm oder Krone, die die Gesundheit des Baumes beeinflussen. Diese kommen zustande durch Pilze oder Insekten, Auswirkungen des Wetters oder Nährstoffmangel. Weitere Faktoren sind der Bodenzustand und Verunreinigungen aus der Luft.

Gibt es regionale Unterschiede?

Als Schwerpunktregion für Schäden gilt die Oberrheinebene. Hier weisen die Wälder seit Jahren deutliche Schädigungen auf, viele Bäume sterben ab. Das dortige Klima ist geprägt durch hohe Temperaturen, geringe Winterniederschläge und lange Trockenphasen im Sommer. Eine weitere Region mit vielen geschädigten Bäumen ist der Enzkreis, aber auch in der Region des Odenwalds, des Neckarlands und der Schwäbischen Alb, sowie im Landkreis Waldshut sind die Bäume teilweise sehr strapaziert. Dagegen weisen die Landkreise Calw, Lörrach, Heidenheim und der Ortenaukreis vergleichsweise wenig Nadel- und Blattverlust auf. »Der Gesundheitszustand der Wälder hängt stark vom jeweiligen Regionalklima, den Bodenbeschaffenheiten und der Baumartenzusammensetzung ab«, erläutert das MLR.

Wie hat sich der Zustand des Waldes in den vergangenen Jahren verändert?

Seit 1985 wird der Nadel- und Blattverlust der Bäume jährlich im Waldzustandsbericht veröffentlicht. Dabei ist ein steigender Trend seit Beginn der Aufzeichnungen zu beobachten. »Besonders ausgeprägt ist er bei den Bäumen mit einem Alter ab 61 Jahren«, so das MLR. Klimabelastungen wie Dürren und hohe Sommertemperaturen setzten den Bäumen zu. Zudem begünstigten sie Schadorganismen, wie verschiedene Käferarten und Pilze. Auffällig sei aber, dass bei den jüngeren Bäumen der Trend nur geringfügig zunehme. »Hier zeigt sich eine rasche Erholung nach dem letzten extrem trockenen Jahr 2022.« Der Anteil der deutlich geschädigten Waldflächen aber ist seit vielen Jahren konstant hoch.

Wie ist der Zustand der einzelnen Baumarten?

Gute Nachrichten gibt es unter anderem bei Tanne, Kiefer und Bergahorn. Diese Baumarten zeigen sich im Vergleich zu 2023 in einem besseren Zustand, ihre Kronen sind gesünder geworden. Letzterer zeigt auch einen vergleichsweise geringen Schädlingsbefall, was auf den hohen Anteil jüngerer Bäume zurückzuführen ist.

Dagegen geht es anderen Bäumen schlechter als in den vergangenen Jahren. Die Eiche ist dabei das große Sorgenkind. 60 Prozent der Eichenfläche gelten als geschädigt. So viel wie bei keiner anderen Baumart. Ein Grund dafür ist der Zweipunktige Eichenprachtkäfer, der seit 2023 verstärkt auftritt. Auch die Fichte bleibt stark geschädigt. Ebenso ist die Esche durch Eschentriebsterben gefährdet, das von einem Pilz verursacht wird.

Was sind die Herausforderungen, die unser Wald zu bewältigen hat?

»Die größte Herausforderung besteht in der Anpassung der Wälder an die Folgen des Klimawandels beziehungsweise im Waldumbau«, erklärt das MLR. Das Besondere an Wäldern sei, dass sie sehr lange leben. Bäume, die heute gepflanzt werden, stehen noch in vielen Jahren. Das mache die Anpassung an den Klimawandel so schwierig, da sich das Klima viel schneller wandelt, als sich die Bäume von Natur aus anpassen können. »Nur mit aktiver, pfleglicher und naturnaher Waldwirtschaft haben wir eine Chance, die Wälder bei diesem Anpassungswettlauf zu unterstützen, um die vielfältigen Waldfunktionen zu erhalten«, betont das Ministerium für Ländlichen Raum. 

Mit dem Klimawandel geht die Vermehrung von Schädlingen einher. Nicht nur der Borkenkäfer, auch der Zweipunktige Eichprachtkäfer kann geschwächte Bäume zum Absterben bringen. Auch Blattfraß durch Schmetterlingsraupen oder den Buchenspringrüssler schwächt die Bäume. Darüber hinaus ist der Boden immer noch mit Versauerung belastet.

Mit welchen Maßnahmen kann man den Wald dabei unterstützen?

Was man tun kann, um die Wälder an den Klimawandel anzupassen, hängt vom Alter des Waldes, der Bodenbeschaffenheit, dem lokalen Klima und dem jeweiligen Entwicklungsstand ab. In jungen Wäldern gilt es, die richtigen Baumarten zu unterstützen. Besonders trockenheitstolerante Bäume, wie bestimmte Eichenarten, Spitzahorn oder die Elsbeere sind heute noch schwächer vertreten, als schnell wachsende Arten wie die Buche. Hier müssen Förster eingreifen und Konkurrenzpflanzen entfernen. In mittelalten Wäldern wählen Förster sogenannte Zukunftsbäume (Z-Bäume) aus. Das sind besonders vielversprechende Exemplare, deren Kronen regelmäßig freigestellt werden, um sich optimal entwickeln zu können. In älteren Wäldern ist es wichtig, die nächste Waldgeneration zu fördern und gezielt klimaresistente Baumarten zu pflanzen. Da diese meist mehr Licht benötigen, wird das Blätterdach der alten Bäume schrittweise gelichtet. Ein weiterer Schritt, um unsere Wälder widerstandsfähiger zu machen, ist das Zurückhalten von Wasser. Das kann mit gezielten Maßnahmen erreicht werden. Dazu gehört die Anpassung von Forstwegen, der Rückbau von Entwässerungsgräben oder die Wiederbelebung von Waldgewässern. Damit können nicht nur Hochwasser verhindert, sondern auch Schäden an der Infrastruktur des Waldes reduziert werden. Bei Befall von Schädlingen müssen betroffen Bäume möglichst schnell entfernt werden.

Wie wird sich der Wald in den kommenden Jahren verändern?

Die Klimaveränderung schreitet weiter schnell voran. Daher geht das MLR geht davon aus, dass sich »Niederschläge vermutlich vom Sommer bis in den Winter verschieben werden«. Dadurch werden bestimmte Lebensräume und Arten anfälliger und das Risiko der Ausbreitung von Schädlingen wird weiter erhöht. Gleichzeitig steigt die Gefahr, dass sich neue, fremde Arten ansiedeln. Zudem wird die Waldbrandgefahr weiter steigen.

Allerdings hat das Ministerium auch gute Nachrichten: "Fast drei Viertel der nachwachsenden Bäumchen sind inzwischen Laubbäume." Bisher eher seltene und trockenheitstolerante Laubbäume gewinnen immer mehr an Bedeutung und Fläche. "Der Waldumbau schreitet kontinuierlich voran." Warum das so wichtig ist, betont der baden-württembergische Minister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Peter Hauk: "Unsere Wälder in Baden-Württemberg binden jährlich 15 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Das ist bundesweit ein Spitzenwert und ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz, dem wir mehr Beachtung geben müssen." (GEA)