STUTTGART/REUTLINGEN. Christoph Dahl geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge. »Mit 70 muss auch einmal Schluss sein«, sagt der scheidende Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung. »Es war eine tolle Aufgabe und interessant, sie erforderte viel Elan und Emotion, und ich hatte tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.« In den 14 Jahren, die er die parteiunabhängige Stiftung leitete, hat sie sich »emanzipiert« zu einer modernen Organisation gemausert und ihren eigenen Charakter entwickelt. Mehr als 500 Millionen Euro sind in dieser Zeit über die vielfältigen Programme ins Land investiert worden.
Der Reutlinger hat das Profil der Stiftung geschärft und sie geprägt. Sie war mit ihren Programmen immer am Puls der Zeit. Die Stiftung war damals, als er die Leitung von Herbert Moser übernahm, etwas Einmaliges. »Kein anderes Bundesland hatte etwas in dieser Art und mit dieser breiten Aufstellung als Organisation, die im Wettbewerb unter den Ländern Vorteile bietet. Sie hat ein Alleinstellungsmerkmal.« Er gerät ins Schwärmen. »Wir bearbeiten Herausforderungen, die sich der Landespolitik stellen, beispielsweise damals die Pandemie.« Die Stiftung hatte sogar einen Truck mit einem Testlabor gehabt und in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Mannheim PCR-Tests an Altenheimen, Gefängnissen, Polizei und Schulen gemacht.
Die Grünen haben nun das Vorschlagsrecht für die Nachfolge von Dahl, und die ehemalige baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ist als Nachfolgerin auserkoren.
Die Zeit bei der Stiftung sei anregend und aufgrund der Themenvielfalt sehr abwechslungsreich gewesen, man habe viele Impulse geben können, einen Umbau vorgenommen und die Kommunikation professionalisiert. Dahl hat – wie könnte es anders sein als gelernter Redakteur – die Stiftung medial und auch sonst öffentlich wesentlich wahrnehmbarer gemacht. Da gab es für ihn keinerlei Berührungsängste.
»Das war damals die einzige Motivation für meinen CDU-Beitritt«
Christoph Dahl kommt aus der Medienbranche. Seine ersten journalistischen Meriten verdiente er sich als Mitarbeiter für den Schwarzwälder Boten in Rottenburg. Neben seinem Studium der Geschichte und Germanistik in Tübingen schrieb er für Zeilenhonorar. Nach dem Studium landete er bei der Esslinger Zeitung. Das war damals die Zeit, als von Bleisatz auf Fotosatz umgestellt wurde – eine wahre Revolution in der Zeitungsbranche. Eine interessante, eine stressige und wilde Zeit, nennt er sie. Sehr lehrreich und eine gute Schule für später. Und er pflegte Kontakte in die Politik hinein.
Damals kam das Angebot, als Pressesprecher unter dem damaligen Reutlinger Minister Hermann Schaufler (CDU) ins Wirtschaftsministerium zu wechseln. Dahl ergriff diese Chance beim Schopfe. Zu dem Zeitpunkt war er bereits CDU-Mitglied und hatte sich in der Partei unter anderem als Ortsvorsitzender betätigt. In die CDU eingetreten war er eigentlich »aus Protest gegen die SPD-Lehrer am Reutlinger Friedrich-List-Gymnasium. Das war damals die einzige Motivation für meinen CDU-Beitritt gewesen«, sagt er heute schmunzelnd.
Vom Wirtschaftsministerium wechselte er schließlich 1991 zum neu gewählten CDU-Fraktionschef im Landtag, Günther Oettinger. Schaufler hatte ihm Dahl empfohlen (»Hör mal, Du brauchst einen Aufpasser«). Dahl wurde Sprecher der CDU-Fraktion. Er und Oettinger kannten sich schon aus der Studienzeit in Tübingen. Sie waren in der gleichen Studentenverbindung und hatten in der Folge freundschaftlichen Kontakt gehalten.
Oettinger war dann »ewiger« Fraktionschef – immerhin 14 Jahre – mit Dahl an seiner Seite (von 1991 bis 2005). Damals lernte Dahl übrigens seine zweite Frau Susanne Eisenmann kennen und lieben, die Büroleiterin von Oettinger war. Das war keine einfache Zeit. Dahl trennte sich von seiner ersten Frau, mit der er drei Jungs und zwei Mädchen hatte. Die Kinder wohnten bei der Mutter, aber Dahl hielt engen Kontakt und so funktionierte auch das Patchworken zusammen mit Susanne Eisenmann, zu der die Kinder ebenfalls ein gutes Verhältnis pflegen.
Alle Kinder leben in Baden-Württemberg und damit in der Nähe. Darüber ist Dahl sehr froh – auch wegen der bald fünf Enkel. Susanne Eisenmann ist wie Dahl extrem politisch interessiert und engagiert. Da bewegen sie sich auf einer Linie. Er war es auch, der ihr zugeraten hatte, 2021 als CDU-Ministerpräsidentenkandidatin gegen Kretschmann anzutreten. Sie unterlag, aber man hätte sich geärgert, hätte man den Versuch nicht unternommen.
»Ein Angebot, dass man damals wohl nicht ablehnen konnte«
Schließlich bahnte sich 2005 der Wechsel von Ministerpräsident Erwin Teufel zu Oettinger an. Es wurden – ganz modern – Regionalkonferenzen und eine Mitgliederbefragung organisiert. Die Mitglieder konnten sich zwischen Oettinger und Kulturministerin Annette Schavan entscheiden. Intern, so Dahl, sei damit schon der Spaltpilz in die Landes-CDU hineingetragen worden. Die Mitglieder entschieden sich für den Fraktionschef.
Oettinger wurde Ministerpräsident und Christoph Dahl sein Regierungssprecher. Dahl bezeichnet diese Zeit als seine interessanteste, spannendste und gleichzeitig härteste. »Es war hochspannend, aber auch wahnsinnig anstrengend, Tag und Nacht. So ’nen anstrengenden Ministerpräsidenten haben die jetzt da oben net«, sagt er. Das sei schon brutal gewesen, auch weil die Anfeindungen parteiintern manches Mal so brutal waren. Die CDU-Flügel rieben sich an der Person des neuen Ministerpräsidenten.
Oettinger sei intellektuell anspruchsvoller und vorausdenkend gewesen, »manchmal so weit voraus, dass ihm viele nicht mehr folgen konnten«. Dahl war damals nicht nur Regierungssprecher, sondern auch »Feuerwehr« – nicht nur wegen der Attacken gegen Oettinger, sondern auch, weil dieser mit lockeren Sprüchen für manches Fettnäpfchen gut war. Dann musste Dahl ran. »Was man heute Kretschmann nachsieht, hatte man Oettinger damals nicht verziehen«, so Dahl.
Schließlich nahm Bundeskanzlerin Angela Merkel Oettinger aus der Schusslinie, indem sie ihm das Angebot machte, als deutscher EU-Kommissar nach Brüssel zu gehen – »ein Angebot, das man damals wohl nicht ablehnen konnte«, so Dahl. Er nennt Oettingers Abgang nach Brüssel »schade für Baden-Württemberg«. Das jedenfalls ist seine Überzeugung. Für Dahl stellte sich nach dieser langen gemeinsamen Zeit die Frage, was er nun beruflich tun sollte. In ein Ministerium wollte er nicht. Schließlich kam ihm ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Nach einer kurzen Quarantänezeit trat er unter dem neuen CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus die Nachfolge von Herbert Moser als Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung an. Moser war vorzeitig in den Ruhestand gegangen.
Oettinger hatte 2005 als neuer Ministerpräsident eine Koalition mit den Grünen bilden wollen, aber der damalige Fraktionschef Mappus hatte das mit der CDU-Fraktion im Rücken verhindert. Der wiederum hatte nach den Landtagswahlen 2011 dann mit einem Ergebnis von immerhin 39 Prozent keine Koalition bilden können. Mappus scheiterte an der eigenen Ausschließeritis im Vorfeld der Wahlen. Die CDU landete nach Jahrzehnten der Regierungsverantwortung im Land auf den harten Oppositionsstühlen.
Die BW Stiftung soll sich dafür einsetzen, dass Baden-Württemberg auch zukünftigen Generationen eine lebenswerte Heimat bietet. Sie engagiert sich in den Bereichen Bildung, Gesellschaft, Kultur und Forschung, für die jährlich bis zu 40 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Und als Stiftung ist es für Dahl wichtig, sich klar von populistischen Strömungen abzugrenzen und die Demokratie zu fördern.
»Ich schätze Kretschmann, und ich glaube, er auch mich«
Sehr erfolgreich ist das Baden-Württemberg-Stipendium, mit dem bislang 25.000 junge Menschen aus Dutzenden von Staaten im Ländle studiert haben. Die Bildung der jungen Menschen und die Integration sind dem Vater von fünf Kindern wichtige Anliegen. Die lange Zusammenarbeit des Grünen mit dem Schwarzen – also von Winfried Kretschmann, der als Ministerpräsident Aufsichtsratsvorsitzender der Stiftung ist, mit Dahl – nennt dieser stets problemfrei. »Ich schätze Kretschmann, und ich glaube, er auch mich«. Es habe auch viele Themen gegeben, in denen sich Kretschmann wiederfinden konnte, beispielsweise erneuerbare Energien und das Thema Transformation in der Mobilität.
Annette Schavan, die nach der parteiinternen Niederlage gegen Oettinger nach Berlin ging und dort Bildungsministerin wurde, ist es nun, die eine sechsköpfige Evaluierungskommission leitet, mit der die Eckpunkte der weiteren Arbeit der BW Stiftung nach Dahl erarbeiten soll.
Dass Christoph Dahl nun die Hände in den Schoss legen wird, wird niemand erwarten, der ihn näher kennt. Das wird wohl eher ein Unruhestand werden. Natürlich wird er mehr Zeit für seine Frau, die erwachsenen Kinder, die Enkel und seine Hobbys Jagd und alte Autos haben. Aber auch ein ehrenamtlicher Posten wird mit Sicherheit schon irgendwo auf ihn warten. (GEA)

