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Chaos am Stuttgarter Flughafen blieb aus

Wie Passagiere, Verdi-Mitglieder und Angestellte den Streik am Stuttgarter Flughafen erlebt haben

Weil das Sicherheitspersonal am Flughafen Stuttgart streikt (oben), warten Passagiere auf einen Bus, der sie zu ihrem Ersatzflug
Weil das Sicherheitspersonal am Flughafen Stuttgart streikt (oben), warten Passagiere auf einen Bus, der sie zu ihrem Ersatzflug zum Baden-Airport nach Karlsruhe bringt. Foto: dpa
Weil das Sicherheitspersonal am Flughafen Stuttgart streikt (oben), warten Passagiere auf einen Bus, der sie zu ihrem Ersatzflug zum Baden-Airport nach Karlsruhe bringt.
Foto: dpa

STUTTGART. Hektik, Lärm, Menschen, die durch Terminals und Shops eilen – so kennt man den Stuttgarter Flughafen. Doch an diesem Tag wirkt der größte Airport Baden-Württembergs zeitweise wie ausgestorben. Sinnbildlich dafür ist Terminal 4. Wo sich sonst Passagiere mit Tickets in die Türkei oder nach Ägypten tummeln, herrscht um 9 Uhr gähnende Leere. Kein Schalter hat geöffnet, auch nicht das Café auf der Empore. Flugzeuge am Himmel sucht man vergeblich, auch auf dem Rollfeld sind nur wenige Maschinen zu sehen.

Die Einzigen, die zeitweise für Betrieb sorgen, sind auch die, die den Betrieb am Flughafen weitgehend lahmgelegt haben: die Mitarbeiter des Sicherheitspersonals. Um 6 und 12 Uhr ziehen jeweils rund 150 Streikende mit Trillerpfeifen und Fahnen durch die Abflughalle. Dann wird es für eine Weile laut und einige auf Bänken schlafende Passagiere schauen kurz auf.

Streikziel erreicht

Seit 3 Uhr streikt das Sicherheitspersonal für mehr Lohn. 17,16 Euro verdienen die Mitarbeiter pro Stunde, 20 fordern sie. »Wir haben es satt, immer nur zu hören, dass wir gute Arbeit machen. Wir wollen es am Ende des Monats auf unserem Konto sehen«, schreit ein Mann mit gelber Weste. Alle grölen. Außerdem werde die Arbeit immer mehr, das Gehalt aber nicht. Wieder Grölen. Sollte sich das nicht ändern, sei man gewillt, den Flugbetrieb wieder lahmzulegen.

Eva Schmidt, Landesfachbereichsleiterin von Verdi Baden-Württemberg, ist mit der Streikbereitschaft zufrieden. Alle, die ihre Arbeit nicht niedergelegt haben, seien die befristet Beschäftigten, die müssten bei einem Streik um ihre Weiterbeschäftigung fürchten. Das Streikziel sieht Schmidt schon am frühen Morgen erreicht. 275 von 142 Flügen sind ausgefallen, lediglich die Gepäckkontrolle an Terminal 3 hat geöffnet – »eine enorme Wirkung.« Schmidt geht davon aus, dass die Öffentlichkeit Verständnis für den vorher angekündigten Warnstreik hat. Eine GEA-Umfrage unter Passagieren – insgesamt sind rund 25.000 betroffen – zeigt, dass sie damit nur bedingt recht hat.

Ein Pärchen mit zwei kleinen Kindern steht am Tui-Schalter. Ihr Flug nach Fuerteventura wurde gestrichen. Der Reiseveranstalter hat sie im Vorfeld informiert und den Transport zum Baden-Airport in Karlsruhe arrangiert. Das sei zwar nett, aber mit zwei Kindern »sehr ärgerlich«. Wenn die Angestellten unzufrieden sind, »dann sollen sie zu ihrem Chef gehen und das nicht auf dem Rücken der Passagiere austragen«, so die Meinung der Familie.

Horst Erl hat grundsätzlich Verständnis dafür, dass Angestellte mehr Geld haben möchten. »Viele in anderen Berufen verdienen allerdings auch keine 20 Euro pro Stunde. Ich weiß daher nicht, ob das gerechtfertigt ist«, sagt er. Anders sieht das Peter Werner: »Die Arbeitsbedingungen des Personals sind nicht die besten. Ich gehe davon aus, dass der Streik berechtigt ist«, sagt er. Obwohl er auf seiner Reise nach Teneriffa rund drei Stunden mehr Zeit einplanen muss, lobt er wie Flughafen und Airline mit dem Streik umgehen: »Ich habe das Gefühl, die haben alles im Griff.«

Umfrage

Richtig wütende Passagiere sieht man nirgends, das befürchtete Chaos ist ausgeblieben. Weil der Streik angekündigt war, haben die meisten Airlines rund die Hälfte der Flüge schon am Vortag gecancelt. Viele sind daher erst gar nicht zum Flughafen gefahren, erklärt Airport-Pressesprecher Johannes Schumm. Wie hoch der Schaden für den Flughafen ist, weiß er noch nicht. Mit dem Ablauf des Streiks war man allerdings zufrieden. Die Flüge seien relativ pünktlich gewesen, Verspätungen gab es nur wegen Enteisungen.

Foto: dpa
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Kritik an der Gewerkschaft

Walter Schoefer, Sprecher der Geschäftsführung des Flughafens kritisiert die Verhältnismäßigkeit der Forderungen und die mangelnde Kompromissbereitschaft der Gewerkschaft. »Bislang ist nicht zu erkennen, dass sich die Gewerkschaften verhandlungsbereit zeigen, sie beharren auf ihrer Extremposition mit Lohnsteigerungen von 17 bis über 40 Prozent«, so Schoefer. Das erschüttere die Struktur des Tarifvertrags für den Öffentlichen Dienst in seinen Grundfesten.

Eine Gruppe Streikender, die bei McDonald’s eine Runde »Stadt, Land, Fluss« spielt, kann die Kritik am Streik grundsätzlich nachvollziehen, schiebt den Schwarzen Peter aber dem Arbeitgeber zu. Der habe nur zwei Prozent Lohnerhöhung angeboten, weniger als die Inflationsrate. 19 Euro pro Stunde, das wäre ein Kompromiss, den die Gruppe eingehen würde und der einen weiteren Streik verhindern könnte. (GEA)