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Bluttat in der Region: Warum tötet ein Vater die Familie?

Die Menschen in der Region sind auch noch zwei Wochen nach der Tat erschüttert. Ein 63-jähriger Familienvater aus Pfullingen soll sich selbst und seine nächsten Angehörigen umgebracht haben. Doch warum tut jemand so etwas? Eine Annäherung.

Eine Tat, die nicht nur Trauer, sondern auch viele Fragen hinterlässt.
Eine Tat, die nicht nur Trauer, sondern auch viele Fragen hinterlässt. Foto: Friso Gentsch/dpa
Eine Tat, die nicht nur Trauer, sondern auch viele Fragen hinterlässt.
Foto: Friso Gentsch/dpa

REUTLINGEN. Eine Bluttat schockierte Ende November die Menschen in der Region. Ein 63 Jahre alter Mann aus Pfullingen soll seine Frau, seine zwei erwachsenen Söhne und seine Schwester umgebracht und danach Suizid begangen haben. Die Toten waren an verschiedenen Orten in Reutlingen, Pfullingen und St. Johann-Würtingen aufgefunden worden. Die Tat sorgte deutschlandweit für Aufmerksamkeit. Viele fragen sich seither: Was bringt jemanden dazu, nicht nur sich selbst, sondern auch ihm nahestehenden Menschen das Leben zu nehmen?

Reutlinger Experte gibt Antworten

Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Hinweise kann aber die Psychologie liefern. Der GEA hat deshalb mit Dr. Frank Schwärzler, dem ärztlichen Direktor der Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Reutlingen (PP.rt) und Chefarzt für Alterspsychiatrie gesprochen. Ihm ist es bei dem Fall erst einmal wichtig zu betonen: »Ohne jemanden untersucht oder ein umfassendes Hintergrundbild zu haben, kann ich als Psychiater keine Diagnosen stellen. Und ich rate auch ganz stark davon ab, nur weil man eine Familientragödie, ein schweres Gewaltverbrechen, nicht versteht, dieses gleich zu psychiatrisieren. Das wäre sehr problematisch«, so Schwärzler.

Die meisten Gewalttaten würden im Übrigen von Menschen begangen, die keine psychische Erkrankung haben. Für eine psychische Erkrankung müsse es daher Anhaltspunkte geben. Allein, dass jemand sich selbst und Familienmitglieder umbringt, sei noch keine psychiatrische Diagnose, meint der Reutlinger Psychiater. »Wir kennen das im Zusammenhang mit Amoktaten, die oft mit einem Suizid des Amokläufers enden. Hier ist aber keine psychische Erkrankung die Motivation für die Tat, sondern oftmals eine massive Aggression, die sich zunächst gegen andere und am Schluss gegen sich selbst richtet«, sagt Schwärzler.

Bewahrung vor »Schuld, Scham und Schaden«

Schwärzler nennt im Zusammenhang mit der Reutlinger Bluttat dennoch den Begriff des erweiterten Suizids. Dieser bezeichnet eine Form des Selbstmordes, bei der jemand nicht nur sich selbst, sondern auch eine oder mehrere andere Personen tötet, bevor er sich das Leben nimmt. Schwärzler nennt hier als Beispiel einen alten Mann, der an einer schweren, wahnhaften Depression leidet und glaubt, er und seine Frau »würden elendiglich zugrunde gehen«. Bei einem erweiterten Suizid gehe es dem Täter häufig darum, enge Familienangehörige vor »Schuld, Scham und Schaden« zu bewahren.

Ganz anders sehe die Motivation des Täters bei einem Amoklauf und oftmals auch bei einem sogenannten Mitnahmesuizid aus. »Hier liegt oftmals eine Fremdaggression, Wut, Kränkung, Enttäuschung, lang aufgestaute Wut, Hass und Aggression zugrunde«, so der Psychologe.

Die Täter meist männlich, im höheren Alter und sie verwenden Schusswaffen

Interessante Einblicke zu den Hintergründen eines erweiterten Suizids gibt auch eine Studie von Psychiatern und Rechtsmedizinern rund um Florence Hellen von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aus dem Jahr 2014. Ein Ergebnis der Studie: Ein erweiterter Suizid wird meistens am selben Ort oder in räumlicher Nähe sowie in rascher chronologischer Abfolge begangen. Und weiter heißt es darin: »Die zumeist männlichen Täter sind im höheren Alter und verwenden hauptsächlich Schusswaffen. Ihre Opfer sind meistens ihre Partnerinnen, seltener ihre Kinder oder andere Personen.«

Die Wissenschaftler analysierten zehn Fälle von erweiterten Suiziden, die sich zwischen 2006 und 2011 im Einzugsgebiet der Rechtsmedizin Düsseldorf ereignet hatten. Ihre Erkenntnisse: Bei den zehn Fällen spielten Depressivität und psychiatrische Auffälligkeiten eine Rolle. In vier Fällen war der Waffenbesitz legal, die Täter waren Jäger. Fast immer wurden die Opfer in der gemeinsamen Wohnung getötet. Die Täter wurden in unmittelbarer Nähe der Opfer gefunden. Zusammengefasst gab es also folgende Risikofaktoren für die Realisierung eines erweiterten Suizids: männliches? Geschlecht (Täter), Alter über 55 Jahre (Täter), intime? Beziehung zwischen Täter und Opfer, häusliche Gewalt in der Vorgeschichte, Zugang zu Waffen, eine psychiatrische Erkrankung. Bei den untersuchten Fällen lagen mindestens drei, meistens sogar vier oder mehr Risikofaktoren vor.

Bei Suizidgedanken Gespräch mit anderen suchen

Beim Familienvater aus Reutlingen, das kann man mit Gewissheit sagen, lagen ebenfalls mehrere der genannten Risikofaktoren für einen erweiterten Suizid vor: männlich, über 55 Jahre, die Opfer waren enge Familienangehörige. Der mutmaßliche Täter hatte als Jäger außerdem Zugang zu Waffen.

Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Suizidgedanken im Kopf kreisen oder die aktuelle Lebenssituation ausweglos erscheint, sollte man nicht zögern, Hilfe anzunehmen. Für sich selbst, aber auch für Angehörige. Hilfe und Ansprechpersonen findet man unter anderem bei der Telefonseelsorge unter den Nummern 0800 111 0111, 0800 111 0222 oder 116 123. Der Arbeitskreis Leben (AK Leben) bietet ebenfalls Hilfen in Lebenskrisen an. Er ist in Reutlingen unter der Telefonnummer 07121 19298 zu erreichen.

Für Kinder und Jugendliche gibt es außerdem die »Nummer gegen Kummer«. Sie ist erreichbar von Montag bis Samstag 14 bis 20 Uhr unter 116 111.

Bei akuter Suizidgefahr sollte der Notruf 112 oder die Polizei unter 110 gewählt werden. Oder die Notfallambulanz in der nächstgelegenen Klinik aufgesucht werden. (kali)

Schwärzler betont, dass eine Aufklärung des Falles nun Aufgabe der Ermittlungsbehörden sei. Eines ist dem Psychiater bei dem Thema aber noch wichtig: Wer Suizidgedanken habe, solle damit auf keinen Fall alleine bleiben, sondern mit anderen ins Gespräch zu gehen. »Hausärzte können in einer akuten Krise rasch eine geeignete psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe vermitteln.« Bei Suizidgedanken könne man auch den Arbeitskreis Leben anrufen.