STUTTGART. Mit dieser Wendung haben die Schülerinnen und Schüler der Johannes-Gutenberg-Schule nicht gerechnet: Sie veranstalten eine Ausstellung mit Plakaten im Stuttgarter Rathaus, mit der sie anlässlich des 80. Todestags der Künstlerin Käthe Kollwitz für die Demokratie eintreten. Auch Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) lobt sie und sagt bei der Vernissage im April, sie könnten »sehr stolz auf sich sein«. Es sei »bewundernswert«, wie sie sich der anspruchsvollen Aufgabe gestellt hätten. Und dann das: Die AfD-Fraktion im Rathaus wirft den angehenden Grafikdesignern unter der Rubrik »Meinungen aus dem Gemeinderat« im Amtsblatt »Heuchelei« vor. Die Ausstellung wirke »wie die Glorifizierung einer Einheitsideologie, getarnt als künstlerischer Ausdruck«.
In der beruflichen Schule ist man empört – und auch ein wenig fassungslos, dass eine Fraktion Schülerinnen und Schüler eines Vorzeigeprojekts derart angeht. So heißt es in dem Beitrag der AfD, dem Betrachter würde eine »einseitige Geschichtsaufarbeitung suggeriert«. Johannes Gutenberg, »Symbolgestalt für Aufklärung«, würde sich im Grabe umdrehen. »Unsäglich«, findet das nicht nur die Linksfraktion.
Doch worum geht es überhaupt in der Ausstellung mit dem Titel »Käthe Kollwitz heute – Eintreten für eine demokratische Gesellschaft«? Das Projekt ist in Kooperation mit dem Haus der Heimat entstanden. Die Plakate sind Ergebnis einer Projektwoche im Januar, in der die 40 Schülerinnen und Schüler im Alter von 17 bis 28 Jahren der Frage nachgingen, was ihnen Demokratie bedeutet, aber auch, welchen Gefahren Demokratien ausgesetzt sind. Sie haben intensiv recherchiert und ihre Erkenntnisse bildnerisch verarbeitet.
Die Ergebnisse sind individuell, vielfältig und professionell. Kein Plakat gleicht dem anderen. Manche stellen Bezüge zwischen der deutschen Ge-schichte und der Gegenwart her (»Nie wieder ist jetzt«), lassen sich vom Grundgesetz inspirieren (»Vergessen?« ist ein entsprechendes Plakat übermalt), andere spiegeln das eigene Erleben wider. So verarbeitet eine ukrainische Schülerin die Trauer um ihren gefallenen Bruder: »Der Preis der Demokratie« lautet der Titel ihres berührenden Plakats. Ein Werk mit dem Slogan »This Freedom is mine« zeigt Ausschnitte zweier Körper: einer weist an der Brust OP-Spuren auf, der andere hat weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale.
Reaktionen auf die Vorwürfe
»Wir sind sehr stolz auf unsere Schüler und die Ausstellung, es hat mich sehr beeindruckt, wie sie Haltung beziehen – umso ärgerlicher ist es, wenn man sie als Heuchler bezeichnet«, betont Ulrich Olpp, einer der betreuenden Fachlehrer aus dem Berufskolleg. »Man muss sich nicht alles gefallen lassen«, findet auch Katarina Speck, die zuständige Abteilungsleiterin des Berufskollegs, die ebenfalls hervorhebt, wie gelungen sie die Ausstellung findet.
Die betroffenen Schülerinnen und Schüler sind kürzlich von einer längeren Exkursion zurückgekehrt. In ihrer Whats-App-Gruppe ist es hoch hergegangen wegen des Amtsblatt-Beitrags. »Ich bin sehr empört«, sagt die 21-jährige Jasmin. Sie hätten sich alle »richtig viel Mühe« gegeben. »So viel Arbeit steckt da drin«, sagt sie über das Projekt. Jasmin vermisst »Respekt«. Ihr Mitschüler Karl weist darauf hin, dass jeder von ihnen eine »sehr persönliche Bindung« zur eigenen Arbeit habe. Entsprechend weh tue dieser Beitrag. Lucca, ein weiterer Schüler, hat sich gefragt, ob man überhaupt reagieren sollte, schließlich stecke dahinter sicherlich Kalkül. Aber dann fand er es doch wichtig, sich zu wehren: »Die AfD hat uns sehr stark denunziert«, sagt der 24-Jährige. Er kann dem Ganzen aber inzwischen zumindest einen positiven Aspekt abgewinnen: »Wir haben es geschafft, sie zu verärgern – weil wir eindeutig nicht auf ihrer Seite stehen.«
Als erste Fraktion aus dem Gemeinderat hat Die Linke SÖS Plus reagiert: »Gegen den Kulturkampf von rechts außen«, ist eine Pressemitteilung überschrieben. »Kein Thema ist der AfD zu schade, um ein tolles demokratiebildendes Schüler-Projekt zu diskreditieren«, so die kulturpolitische Sprecherin Guntrun Müller-Enßlin (SÖS).
»Eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei äußert sich auf widerliche Weise abwertend über die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit einer Künstlerin, die eine Gegnerin des Nationalsozialismus war«, ergänzt Aynur Karlikli (Die Linke). Die Fraktion erwartet, heißt es in der Mitteilung weiter, dass die Verwaltungsspitze einschreitet »und der AfD den Raum für Hass, Hetze und Desinformation im Amtsblatt entzieht«. Stadträtin Manja Reinholdt bedankt sich »für diese wichtige und gelungene Ausstellung«. (GEA)

