STUTTGART. Fassungslosigkeit und Ärger hatte am Mittwoch die Bekanntmachung aus dem Kultusministerium ausgelöst, dass aufgrund eines Softwarefehlers aus dem Jahr 2005 1.440 Lehrerstellen im Südwesten versehentlich nicht besetzt worden waren. Erst durch ein Update des Programms vor gut einer Woche war die Panne aufgefallen. Die Bildungsgewerkschaft GEW nannte den Vorgang einen »Skandal«, sie erwarte, dass die unbesetzten Stellen »bis zum ersten Schultag am 15. September 2025 besetzt werden«. Der Landesschülerbeirat sprach von »Geisterlehrkräften«, der Elternbeirat vom »größten Bildungsskandal seit Jahrzehnten«. Der Verein für Gemeinschaftsschulen warf dem Kultusministerium eine »einzigartige Mischung aus Unvermögen, Achtlosigkeit und Desinteresse« vor.
Angesichts der heftigen Reaktionen hat Kultusministerin Theresa Schopper eine rasche Aufklärung der schweren IT-Panne angekündigt. Die Grünen-Politikerin sagte dem SWR, man werde mit »Volldampf« aufarbeiten, warum so lange niemand bemerkt habe, dass man 1.440 Lehrerstellen versehentlich nicht besetzt habe. Ein Schuldiger, so Schopper, lasse sich aber nicht so einfach finden. Auch persönlich zeigte sie sich von der schweren Panne betroffen: »Ich war genauso schockiert und war auch wirklich erschrocken«, so Schopper. Dazu, dass aufgrund der Panne über viele Jahre Hunderte Lehrer zusätzlich an den Schulen fehlten, meinte die Ministerin: »Natürlich tut es mir leid, dass wir da nicht in die Unterrichtsversorgung schon früher hätten einsteigen können.« Die freien Stellen müssten nun rasch besetzt werden. Auf GEA-Nachfrage sagte Schopper: »Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass wir diese Stellen in der Vergangenheit gar nicht hätten besetzen können, so groß war in der vergangenen Jahren der Bewerbermangel.«
Ergebnis aus Achtlosigkeit und Desinteresse?
Laut Landesregierung wollen die Ministerien nun untersuchen, wie es zu der Fehlerkette kommen konnte. Die Vermutung: Bei der Übertragung der Daten Zehntausender Lehrkräfte im Landesamt für Besoldung und Versorgung in ein neues Computersystem im Jahr 2005 habe es einen Programmierfehler gegeben. In Dipsy (Abkürzung für Dialogisiertes, personalisiertes Personalverwaltungssystem) werden zehntausende Daten über die gut 95.000 Lehrkräfte im Land bearbeitet, darunter auch Teilzeitanträge oder Beurlaubungen. Die Ministerien haben nun eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die auf Fehlersuche gehen will. Auch der Landesrechnungshof soll eingeschaltet werden.
Der ehemalige Kultusminister (2013 bis 2016) und SPD-Landesvorsitzende Andreas Stoch zeigte sich ebenfalls schockiert von der Datenpanne. »Wie konnte das so lange unentdeckt bleiben?«, frage er sich und forderte, die Landesregierung müsse sicherstellen, dass so etwas künftig nicht noch einmal passiere. Auch der FDP-Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Rülke forderte eine »lückenlose Aufklärung des Skandals«. Sollte sich der Verdacht auf strukturelles Versagen erhärten, schloss Rülke die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses nicht aus. Laut dem FDP-Bildungsexperten Timm Kern stehe das »Vertrauen in eine funktionierende Bildungsverwaltung« auf dem Spiel. Er habe daher gemeinsam mit der SPD-Fraktion eine Sondersitzung des Bildungsausschusses für die kommende Woche beantragt.
GEW fordert finanzielle Aufarbeitung
»Der Skandal irritiert und macht mich wütend«, sagte der Reutlinger Landtagsabgeordnete und bildungspolitische Sprecher der Grünen, Thomas Poreski. Es müsse restlos geklärt werden, ob es auch über die aktuellen Erkenntnisse hinaus strukturelle Ursachen und Fehler gebe, so der Parteifreund von Kultusministerin Schopper. »Ebenso wichtig ist aber, dass wir uns bei denen entschuldigen, die durch die Fehler zusätzliche Lasten zu tragen hatten: Lehrkräfte, Lehramtsbewerber, Schüler und Eltern«, beteuerte Poreski. Die Stellen müssten nun schnell besetzt werden, und zwar dort, »wo es den größten Mangel gebe«: bei Gemeinschaftsschulen, Realschulen, beruflichen Schulen und den SBBZ.
Neben der Einstellungsoffensive forderte die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein auch eine klare finanzielle Aufarbeitung: »Jeder Euro, der in den vergangenen Jahren auf Kosten der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Lehrkräfte nicht an die Schulen geflossen ist, muss für die dringend nötigen Investitionen wie Ganztagsausbau, Inklusion und bessere Förderung zurückgezahlt werden«, so Stein.
Dass es mit der Anstellung der fehlenden Lehrkräfte nun ganz schnell gehe, zweifelte der Verband Bildung und Erziehung (VBE) indes stark an. »Dass nun die fehlenden 1.440 Lehrkräfte eingestellt werden sollen, ist ja recht und schön, nur sind sie durch die versäumte Einstellungspolitik der vergangenen Jahre gar nicht auf dem Markt. Ein Trauerspiel für das Hightech-Land The Länd«, so der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand und fügte hinzu: »Das Land erwartet von uns Lehrkräften, dass wir einen guten Job machen - und das erwarten wir auch vom Land!«

