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Skripal-Affäre: Moskau dringt auf Antworten aus London

Russland hat Großbritannien aufgefordert, 27 Fragen zum Fall des in England vergifteten Ex-Doppelagenten Sergej Skripal zu klären.

Salisbury
Ein Polizist vor einem Pub in Salisbury, in dem Spuren des Nervengifts gefunden wurden. Foto: Andrew Matthews/PA Wire
Ein Polizist vor einem Pub in Salisbury, in dem Spuren des Nervengifts gefunden wurden. Foto: Andrew Matthews/PA Wire

MOSKAU. Der Fall hat die Beziehungen Russlands zu den westlichen Staaten erheblich verschlechtert und zur gegenseitigen Ausweisung Dutzender Diplomaten geführt. Auch Deutschland weist vier russische Diplomaten aus und muss im Gegenzug vier Diplomaten aus Russland heimholen. Australiens Premierminister Malcolm Turnbull zeigte sich unterdessen enttäuscht über die Ausweisung zweier australischer Diplomaten aus Russland.

Die russische Botschaft in London warf der britischen Regierung am Freitag eine klare Verletzung ihrer Verpflichtungen gemäß des Wiener Übereinkommens über konsularische Beziehungen vor, weil sie offene Fragen in dem Fall nicht beantworte. Sie zählte 27 konkrete Fragen auf. Dabei ging es um politische Angelegenheiten wie die Verweigerung des Zugangs russischer Diplomaten zu Skripal und die Frage, wie die politischen Sanktionen mit der Aussage von Scotland Yard vereinbar seien, dass die Ermittlungen noch Monate in Anspruch nehmen würden.

Es ging aber auch um konkrete Fragen nach den verabreichten Gegenmitteln oder dem Ort der Vergiftung. »Nervengifte wirken eigentlich sofort. Warum war das nicht bei den Skripals der Fall?«, heißt es. »Mit welchen Methoden haben Experten die Substanz (das Gift) so schnell identifiziert?« Und woher hätten sie den Stoff zum Testen der Substanz gehabt?

Skripal und seine Tochter Julia waren nach britischen Angaben vor fast vier Wochen mit einem in der Sowjetunion produzierten Kampfstoff vergiftet worden. Der Ex-Agent befindet sich noch in einem kritischen Zustand. Julia Skripal gehe es deutlich besser. Die 33-jährige Russin, die ihren Vater nur in England besucht hatte, könne wieder essen und trinken, heißt es.

Im Zuge der gegenseitigen Ausweisungen von Botschaftspersonal sollen die US-Geheimdienste nach Moskauer Angaben versuchen, russische Diplomaten anzuwerben. Die US-Dienste böten den Diplomaten Hilfe »auf Gegenseitigkeit« an, erklärte das russische Außenministerium. »Unsere Kollegen werden buchstäblich attackiert mit solchen Anträgen.« Eine Stellungnahme der USA gab es dazu zunächst nicht.

Die USA hatten im Fall Skripal 60 russische Diplomaten in den USA und bei den Vereinten Nationen zu unerwünschten Personen erklärt. Außerdem wurde ein Konsulat geschlossen. Moskau wies daraufhin am Donnerstag 60 US-Diplomaten aus und verfügte die Schließung eines Konsulats. Insgesamt wiesen westliche Staaten in dem Streit mehr als 140 russische Diplomaten aus.

Russland zahlt grundsätzlich in gleicher Münze zurück. Im Falle Großbritanniens ist das Ausmaß der russischen Reaktion nicht ganz klar. Die britische Vertretung soll die Anzahl ihrer Mitarbeiter in Monatsfrist so reduzieren, dass sie der Anzahl der russischen Botschaftsmitarbeiter in London entspricht.

Das Vorgehen gegen Moskau ist in der EU umstritten. Mehrere Staaten, darunter Österreich und Griechenland, haben sich nicht an den Diplomatenausweisungen beteiligt.

Australiens Premier Turnbull bezeichnete die Ausweisung zweier australischer Diplomaten aus Russland am Samstag als »enttäuschend, wenn auch nicht unerwartet«. In einer gemeinsamen Stellungnahme mit Außenministerin Julie Bishop sagte er, es gebe keine Rechtfertigung für die russische Aktion. Zuvor hatte Australien zwei russische Diplomaten aus der Hauptstadt Canberra ausgewiesen.

»Zusammen mit vielen anderen Nationen, einschließlich unserer engsten Verbündeten, steht Australien dem Vereinigten Königreich bei. Wir verurteilen den unerhörten Gebrauch eines verbotenen russischen Nervengifts auf britischem Boden bei dem ersten Chemiewaffenanschlag in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg II«, sagte Turnbull. Die russische Regierung müsse erklären, wie es zu dem Einsatz eines von Russland entwickelten Stoffes in Großbritannien gekommen sei, der das Leben Hunderter Menschen gefährdet habe.

Am Londoner Flughafen Heathrow wurde Medienberichten zufolge unterdessen eine Maschine der russischen Fluglinie Aeroflot durchsucht. Die russische Botschaft in London verurteilte die Durchsuchung am Freitag als »eine weitere offensichtliche Provokation durch die britischen Behörden« und forderte vom Außenministerium eine Erklärung für den Vorgang, wie die Nachrichtenagentur Tass berichtete. Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der Durchsuchung und dem Fall Skripal gibt, war zunächst unklar: (dpa)