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Gehörlose Abgeordnete Heubach setzt Zeichen im Bundestag

Die Nachrückerin Heike Heubach ist im Bundestag ein Novum: Erstmals gibt es eine gehörlose Abgeordnete. Das birgt Herausforderungen - doch die Sozialdemokratin zeigt sich zuversichtlich.

Heike Heubach
Heike Heubach kommt als Nachrückerin für die SPD ins Parlament. Foto: Michael Kappeler/DPA
Heike Heubach kommt als Nachrückerin für die SPD ins Parlament.
Foto: Michael Kappeler/DPA

Als die neue SPD-Abgeordnete Heike Heubach im Plenum begrüßt wird, gibt es von den Abgeordneten lauten, aber auch stillen Applaus mit hochgestreckten, winkenden Händen, der Gebärde für Applaus. Als Nachrückerin zieht die Sozialdemokratin aus Bayern in den Bundestag ein - soweit nicht ungewöhnlich, aber etwas ist doch neu: Die 44-Jährige ist die erste gehörlose Abgeordnete im Bundestag.

»Heute schreiben wir tatsächlich Geschichte, wenn ich das mal so sagen darf. Wir haben die erste gehörlose Abgeordnete, die sich hier für ihren Wahlkreis einbringen wird«, sagt Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) zur Eröffnung der Sitzung. »Wir freuen uns sehr auf die Kollegin und auf ihre Arbeit hier im Haus.« Für Heubach ist es ein einzigartiger Moment: »Endlich konnte ich die Debatten live verfolgen. Nicht aus der Distanz im Fernsehen, sondern wirklich mittendrin zu sein, war ein besonderes und aufregendes Gefühl«, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Für Heubach, die zunächst in der ersten Reihe sitzt, übersetzt eine neben dem Rednerpult stehende Gebärdensprachdolmetscherin. Auch bei Gesprächen mit Kollegen oder Medienterminen wird die neue Abgeordnete künftig von Dolmetschern begleitet. Sie übersetzen ihr das Gesagte in Gebärden und wiederum ihre Gebärden in Lautsprache. »Es funktioniert ganz gut, wir sind schon nach kurzer Zeit ein eingespieltes Team«, sagt Heubach der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die Sorge, etwas zu verpassen, habe sie nicht. »Die Dolmetschenden haben die Aufgabe, alles zu übersetzen, und darauf vertraue ich.«

»Momentan läuft alles wie am Schnürchen«

Später zieht sich Heubach auf einen Platz weiter hinten im Plenum zurück, wo sich zwei Dolmetscherinnen vor sie setzten. Das soll auch künftig so sein. Im Plenum wird sie nach Angaben der Bundestagsverwaltung in den Reihen der SPD-Fraktion - anders als ihre Kollegen - einen festen Platz haben, auf dem Gebärdensprachdolmetscher in ihrer Nähe für sie übersetzten. Eine entsprechende Lösung soll es auch für ihre Arbeit im Ausschuss geben - Heubach wird im Bauausschuss mitarbeiten. »Wohnen muss wieder bezahlbar werden«, sagt sie.

Zudem möchte sich die neue Abgeordnete der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, dem Umweltschutz und der Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen widmen. Wenn sie im Plenarsaal ihre erste Rede hält, wird ein Simultandolmetscher neben den Stenografen einen Platz mit Mikrofon bekommen, um die Rede für die anderen Abgeordneten zu übersetzen. »Die Organisation der Bundestagsverwaltung, der Fraktion und der Dolmetschenden ist sehr gut verlaufen. Wir alle befinden uns in einem Lernprozess«, sagt Heubach. »Momentan läuft alles wie am Schnürchen.«

Die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern trat erst im November 2019 in die SPD ein. Bei der Bundestagswahl 2021 kandidierte die gelernte Industriekauffrau, die bisher bei einem bayerischen Energieunternehmen arbeitete, im Wahlkreis Augsburg-Land und verpasste den Einzug ins Parlament knapp. Jetzt übernimmt Heubach den Platz des SPD-Politikers Uli Grötsch, der vergangene Woche zum Polizeibeauftragten des Bundes gewählt wurde.

Zeit für eine inklusivere politische Landschaft

Mit Heubachs Einzug beginnt ein Novum im Bundestag, das auch ein Zeichen setzt. Der Deutsche Gehörlosen-Bund würdigt Heubachs Einzug als »großen Verdienst« der SPD-Politikerin. Sie habe hart für ihre Teilnahme am demokratischen Prozess gekämpft, sagt Präsident Helmut Vogel der dpa.

»Wir hoffen, dass Heike Heubachs Beispiel dazu beiträgt, die Sichtbarkeit und Akzeptanz von gehörlosen Menschen in der Politik zu erhöhen.« Die Gesellschaft müsse erkennen, dass Gehörlose politisch aktiv sein könnten, jedoch Unterstützung in der Kommunikation benötigten. »Es ist an der Zeit, dass wir alle gemeinsam für eine inklusivere politische Landschaft kämpfen.«

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, betont, der Bundestag müsse nun barrierefrei werden – »und das von heute auf morgen. Das sollte eigentlich die Normalität und keine Herausforderung sein«. Von den Abgeordneten und der Bundestagsverwaltung wünsche er sich »die Offenheit und die Bereitschaft, die Tätigkeit von Heike Heubach als Chance und Bereicherung zu sehen, und die Möglichkeit zu ergreifen, Vorbild für Inklusion zu sein«. Schließlich solle das Parlament Abbild der Gesellschaft sein. Nur durch Gleichberechtigung und Begegnung könnten Vorbehalte abgebaut werden.

© dpa-infocom, dpa:240321-99-411506/4