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Preise locken Deutsche in den Türkei-Urlaub

Knappe Urlaubskassen aber große Sehnsucht nach Strand und Meer machen Pauschalurlaube für viele Deutsche wieder attraktiver - und Versprechen der türkischen Tourismusindustrie einen neuen Boom.

Antalya
Die Aussicht genießen: Die Aussichtsplattform des Alten Hafens von Antalya mit Blick auf die schneebedeckten Berggipfel. Foto: Marijan Murat/DPA
Die Aussicht genießen: Die Aussichtsplattform des Alten Hafens von Antalya mit Blick auf die schneebedeckten Berggipfel.
Foto: Marijan Murat/DPA

Es ist nicht einmal Hauptsaison, aber im türkischen Antalya sind die Strandliegen vor den großen Hotels im Ort Aksu bereits gut belegt. Die Tourismusbranche der Urlaubsregion jubelt einem Rekord entgegen: So viele Deutsche wie noch nie sollen in diesem Jahr nach Antalya reisen, prognostiziert der lokale Tourismusverband Aktob. Nicht trotz, sondern wegen knapper Reisekassen und Inflation.

Die Türkei ist seit Jahren Favorit deutscher Urlauber, aber verglichen mit der Zeit vor der Pandemie hat die Bedeutung nun noch zugenommen. »Der Umsatzanteil für die Region Griechenland und Türkei steigt für den kommenden Sommer gegenüber 2019 von 36 auf 44 Prozent«, heißt es vom Deutschen Reiseverband (DRV). Ende März habe die Türkei allein bereits ein überproportionales Wachstum von 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr für die Sommersaison gezeigt.

»Die Türkei hat ein umfassendes Angebot, gerade an All-Inclusive-Angeboten, was in Zeiten von Inflation und steigenden Lebenshaltungskosten besonders attraktiv ist«, so der DRV. Und darauf fällt die Wahl der meisten: Die Mehrheit der Deutschen in Antalya wählten Einrichtungen, die ein All-Inclusive-Angebot hätten, sagt ein Sprecher des türkischen Tourismusverbands Türsab.

Ein Grund für Türkei-Boom: Hohe Kaufkraft des Euro

Dazu gehört auch Familie Nill aus der Nähe von Tübingen: Nach einer Woche Pauschalurlaub in Antalya steht die Familie zur Rückreise am Flughafen bereit, das Hotelbändchen noch um die Handgelenke. Die vierköpfige Familie hat verglichen, die Türkei habe beim Preis-Leistungs-Verhältnis gesiegt. Die Freundinnen Desiré und Natalie aus Würzburg sind mit drei Kindern angereist und schätzen das familienfreundliche Angebot und die Qualität der Produkte. Das bekomme man anderswo nicht zu dem Preis, sagen sie.

»Die Türkei hat in diesem Jahr, was die Suchanfragen angeht, sogar Frankreich überholt«, sagt Susanne Dopp, Sprecherin der Reiseplattform Expedia. Das Land sei ab Deutschland sehr gut zu erreichen. »Es gibt zahlreiche Direktflüge, sogar von kleineren Flughäfen wie Bremen, Saarbrücken oder Dresden aus.« Zudem könnten Reisende aus einer großen Bandbreite an Unterkunftsarten wählen. Die meistgenutzten Filter, die Türkei-Interessentinnen und -Interessenten aus Deutschland auf Expedia nutzten, seien »All-inclusive«, »5 Sterne« sowie »Frühstück inbegriffen«. Ein weiterer Faktor dürfe aber auch die hohe Kaufkraft des Euro sein.

Türkei will 2024 sieben Millionen Deutsche Urlauber beherbergen

Auch in der Türkei sind die Preise gestiegen: Im Mai lag die türkische Inflation im Vorjahresvergleich bei 75 Prozent. Die Preise in Hotels und Restaurants waren im Schnitt in der Landeswährung knapp 92 Prozent höher als im Mai 2023. Im gleichen Zeitraum hat die Lira im Vergleich zum Euro aber etwa die Hälfte ihres Werts verloren - auch in Euro sind die Preise also gestiegen, aber deutlich weniger stark. »Für Menschen in der Türkei ist der Urlaub damit in vielen Hotels in Antalya unerschwinglich geworden«, sagt Kemal Birdir, Professor an der Fakultät für Touristik an der Universität Mersin. Die vielen russischen und deutschen Urlauber könnten bei den Preisen jedoch mithalten und füllten die Hotels.

Tourismus-Minister Nuri Ersoy will in diesem Jahr sieben Millionen Touristen aus Deutschland ins Land locken. 2023 haben bereits 6,2 Millionen Deutsche Urlaub in der Türkei gemacht, 3,3 Millionen davon laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu in Antalya. In diesem Jahr rechnet der Verband Aktob in der Saison allein in Antalya mit vier Millionen Deutschen. Sollte diese Prognose wahr werden, wären das laut Aktob so viele wie noch nie. Der Tourismus in der Türkei hat sich auf dem Papier schon von der Pandemie erholt, im letzten Jahr lagen die Besucherzahlen bereits über den von 2019.

Kritik am zunehmenden Massentourismus

»Deutschland wurde zur treibenden Kraft des Massentourismus hier«, sagt Aktob-Chef Kaan Kavaloğlu der dpa. Stimmen dagegen, wie es sie derzeit an anderen Urlaubsorten gibt, existierten in Antalya nicht. »Sowohl unsere Branchenvertreter als auch unsere Bürger in den Tourismusregionen sind mit der touristischen Aktivität äußerst zufrieden«, teilt Türsab auf Nachfrage mit. Dabei ächzt auch die Region am Mittelmeer unter der Last der Touristen.

Dass es keinen großen Widerstand gibt, liegt auch daran, dass der Tourismus in Antalya landesweit von Bedeutung ist, sagt der Universitätsprofessor Kemal Birdir. In der Provinz Antalya allein gebe es mehr Fünf-Sterne Hotels als in ganz Spanien. Damit geht eine riesige Nachfrage nach Arbeitskräften einher. »In den Sommermonaten migrieren Arbeiter aus dem ganzen Land in die Region, um dort in der Tourismusindustrie zu arbeiten. Für ein Dorf im Südosten etwa kann es eine große wirtschaftliche Veränderung bedeuten, Arbeiter dorthin zu schicken, die dann ihre Familien unterstützen.« Drei Millionen Menschen arbeiteten in der Sommersaison landesweit im Tourismussektor, das seien rund elf Prozent aller Arbeitskräfte. Im Schnitt gab jeder der 56 Millionen Touristen im vergangenen Jahr ungefähr 900 Euro in der Türkei aus.

Aber ein Wandel in der extrem ressourcenintensiven Industrie im Land sei unvermeidbar, sagt Birdir. »Auf der ganzen Welt wächst die Kritik am Massentourismus«, auch die Türkei müsse Maßnahmen ergreifen. »Werden keine Nachhaltigkeitsinitiativen ergriffen, sind viele der Ziele in Zukunft nicht mehr bereisbar.« Einige Hotels hätten sich bereits Nachhaltigkeitsinitiativen angeschlossen. Aber gerade vor dem Hintergrund der schwachen Lira und der Inflation im Land sei der Tourismus eine beliebte Einkommensquelle: »Er funktioniert völlig ohne Importe und mit lokalen Ressourcen.«

© dpa-infocom, dpa:240605-99-280586/3