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Outing in der »Sesamstraße«: Sind Ernie und Bert schwul?

Beste Freunde, aber irgendwie auch mehr: Zwischen den Zeilen lassen sich Ernie und Bert aus der »Sesamstraße« als homosexuell deuten. Ein Interview mit einem Autor entzündet eine alte Debatte jetzt neu. Muss sexuelle Toleranz im Kinderfernsehen heutzutage Thema sein?

Ernie und Bert
Ernie (l) und Bert. Foto: Georg Wendt
Ernie (l) und Bert. Foto: Georg Wendt

NEW YORK. Sie teilen sich ein Schlafzimmer. Sie baden gemeinsam. Sie lachen auf dem Cover eines Musikalbums namens »Love«. Wer das Zusammenleben von Ernie und Bert aus der »Sesamstraße« näher verfolgte, stand früher oder später vor der Frage: Sind die Puppen aus der TV-Kindersendung schwul?

Nun hat der Drehbuchautor Mark Saltzman die beiden geoutet, zumindest vorübergehend, und alten Spekulationen neuen Zunder geliefert. Der Streit um das Liebesleben des Filz-Duos wirft die Frage neu auf, inwiefern - und ab welchem Alter - Film und Fernsehen Kinder zu sexueller Toleranz erziehen sollten.

Saltzmans Aussage gegenüber dem Schwulen-Magazin "Queerty" schien klar: "Ohne große Agenda habe ich beim Schreiben von Bert und Ernie immer gedacht", die beiden seien "Liebhaber"." Die Figuren seien zudem an seine Beziehung mit dem Film-Cutter Arnold Glassman angelehnt. Kommentare in sozialen Netzwerken überschlugen sich, LGBTQ-Gruppen nahmen Stellung. Saltzman, der sich missverstanden fühlte, ruderte dann aber zurück - zum Ärger vieler Homosexueller, die das Outing im Kinder-TV als weiteren, überfälligen Befreiungsschlag gefeiert hatten.

Die Macher der »Sesamstraße« ringen damit in einer alten Diskussion erneut nach den passenden Worten. In einem ersten Reaktions-Tweet hieß es, Ernie und Bert hätten »keine sexuelle Orientierung«. Ein gewagtes Statement angesichts der vielen (heterosexuellen) Liebesbeziehungen in der Show, etwa von Kermit dem Frosch mit Miss Piggy, Blaumann Gonzo mit dem Huhn Camilla oder des Herrn Waldorf mit seiner Frau Astoria. Die Stellungnahme schien die Identität schwuler Menschen anzugreifen. Der Tweet verschwand.

Ein paar Stunden später folgte ein zweiter Anlauf: Die »Sesamstraße« stehe für »Inklusion und Akzeptanz«, hieß es hölzern, Ernie und Bert seien »beste Freunde«. Auch der Puppenspieler Frank Oz, der die beiden als »natürlich nicht« schwul - und Paare aus Sicht einiger Kritiker damit standardmäßig als hetero - einstufte, trat ins Twitter-Fettnäpfchen. »Es tut mir leid«, setzte Oz hinterher. Anders als Schwule habe er für seine sexuellen Vorlieben nie eine »Bestätigung« benötigt.

Der Tollpatsch Ernie und der Griesgram Bert waren ab der ersten Folge mit dabei, als die »Sesame Street« im November 1969 in den USA auf Sendung ging. Die Proteste in der New Yorker Christopher Street, wo Schwule und Lesben sich gewaltsam gegen Polizeischikane und Diskriminierung wehrten, waren da gerade ein paar Monate her. Knapp 50 Jahre sind seitdem vergangen, die gleichgeschlechtliche Ehe ist seit 2015 in den ganzen USA legal.

Sollte die vielleicht beliebteste Kindersendung des Landes diesen gesellschaftlichen Wandel nicht mit abbilden? So wie 1991 erstmals auch die aus Mexiko stammende, zweisprachige Rosarita auftauchte, oder 2002 die HIV-positive Puppe Kami im südafrikanischen Ableger? Oder kann die Show sich durch nur angedeutete Homosexualität aus der Affäre ziehen, etwa um konservative Zuschauer zu respektieren, deren Religion keine schwulen und lesbischen Beziehungen erlaubt?

Im bunten Disney-Universum spielen Zeichner und Drehbuchautoren immer wieder auf Homosexualität an - zumindest für diejenigen, die zwischen den Zeilen lesen wollen. Schon 1939 tauchte der Stier Ferdinand mit langen Wimpern in einem Kurzfilm auf, der lieber an Blumen riecht als zu kämpfen. Captain Hook aus »Peter Pan« von 1953 kommt als in Pink gekleideter Dandy daher, der kleinen Jungs auflauert. Auch der Bösewicht Dschafar aus »Aladdin«, der Tiger Shir Khan aus dem »Dschungelbuch« und Scar aus »König der Löwen« können als schwul gedeutet werden.

Aber hier schwinge noch etwas anderes mit, erklärt der Regisseur David Thorpe, dessen Dokumentation »Do I Sound Gay?« schwul klingende Stimmen in Film und Fernsehen beleuchtet. Bei Disney seien schwule Männer schlecht, weil sie klassischen Geschlechterrollen widersprächen: Sie treten extravagant auf, sprechen blumig, klingen versnobt und achten auf ihren Kleidungsstil. »Sie sind buchstäblich und im übertragenen Sinn eine Karikatur des schwulen Mannes«, sagte Thorpe dem Magazin »Harpers Bazaar«.

Zaghaft scheint sich aber auch Disney um mehr Realität zu bemühen. Eiskönigin Elsa aus »Frozen« wurde von vielen Beobachtern als lesbisch gedeutet. Ihre Hymne »Let It Go« lässt sich als Mutmacher für ein Coming-out verstehen: »Jetzt wissen sie es / Lass' es los / Halte es nicht mehr zurück«. Die Nickelodeon-Zeichentrickserie »Willkommen bei den Louds« ging 2016 noch einen Schritt weiter. Sie zeigte erstmals in der Geschichte Senders ein gleichgeschlechtliches Ehepaar.

»Queerty«-Interview

»New York Times«

»Harpers Bazaar«

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