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Devid Striesow dreht sich als »Ivanov« um sich selbst

»Ivanov« ist eines der selten gespielten Stücke des Bühnenklassikers Tschechow. Am Deutschen Schauspielhaus macht Regisseurin Karin Beier aus dem altrussischen Stoff ihre Interpretation einer feierfreudig verkommenen Gegenwart. Mit Stars wie Devid Striesow und Eva Mattes.

»Ivanov« am Schauspielhaus
Die Schauspieler Lina Beckmann (l-r) , Jonas Hien, Paulina Alpen, Devid Striesow als Ivanov, Eva Maria Nikolaus und Maximilian Scheidt in »Ivanov«. Foto: Christian Charisius/dpa
Die Schauspieler Lina Beckmann (l-r) , Jonas Hien, Paulina Alpen, Devid Striesow als Ivanov, Eva Maria Nikolaus und Maximilian Scheidt in »Ivanov«. Foto: Christian Charisius/dpa

Hamburg (dpa) – Leer und düster ist die Bühne – und so erscheinen auch die Menschen, die ziellos und ich-befangen dort vor sich hinleben. Da ist gleich zu Anfang Nikolaj Ivanov (Devid Striesow), ein Gutsbesitzer und Mitglied der Behörde für Bauernangelegenheiten.

Zögerlich schleppt er sich umher, die dunkle Anzugjacke über dem weißen Hemd auf einer Schulter lastend. Seinen Gesichtsausdruck darf man als fragend verstehen. Völlig erschöpft tritt Mischa Borkin (Bastian Reiber) hinzu - der entfernte Verwandte und Verwalter hat gerade bei Sommerhitze einen 21-Kilometer-Lauf gemacht. »Du stinkst nach Wodka«, nörgelt Ivanov. Doch als Mischa 82 Rubel von ihm verlangt, um die Arbeiter zu bezahlen, muss er passen. »Sie haben 1000 Hektar Land, aber keine einzige Kopeke«, höhnt der Verwalter.

So beginnt am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg eine dreistündige Aufführung von Anton Tschechows 1887 in Moskau uraufgeführtem, eher selten gezeigten frühen Stück »Ivanov«. Der Autor hat es zunächst als Komödie angelegt, später zu einer Tragödie umgearbeitet. Die gesellschaftspolitisch engagierte Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier nutzt als Regisseurin in einer eigenen, mit ihrer Dramaturgin Rita Thiele verfassten Textfassung den Stoff über die besitzende Klasse im alten Russland entschieden als Spiegel der westlichen Gegenwart. Für diese mit melancholischem Jazz- und Klezmerspiel (Vlatko Kucan) angereicherte Gesellschaftsinterpretation erhalten Beier und ihr großes Ensemble bei der Premiere am Samstagabend vom Publikum minutenlangen Beifall. Dazu gehört auch der frühere Schauspielhaus-Star Eva Mattes als Gast in einer Mutterrolle.

Immer wieder stehen die insgesamt 14 Darsteller an der Rampe und sprechen die Zuschauer direkt an (»Schauen Sie sich mal an, wie der aussieht!«) – ganz so, als gehörten diese quasi zum Geschehen dazu. Auch hat Beier etwa Sätze über Dürre und Klimawandel in den Text eingebaut. Ansonsten befinden sich die Rollenfiguren, die zumeist apathisch um sich selbst kreisen und sich in Beziehungsangelegenheiten am ehesten noch vom Mammon antreiben lassen, in steter Bewegung. Dabei wird durchaus mal gefeiert, gesungen und getanzt. Dreh- und Angelpunkt ist natürlich der Antiheld Ivanov, den Fernsehstar Striesow (46, Saarbrücker »Tatort«, »Unterm Birnbaum«) als degenerierten Erben seiner Klasse zeichnet. Als einen, der zur Erfüllung beruflicher und sozialer Pflichten längst nicht mehr fähig ist.

Ständig stammelt er Sätze wie »Ich bin ganz durcheinander, wie gelähmt. Ich verstehe mich selbst nicht – noch die anderen.« Dabei lässt Ivanov aus Mangel an Empathie und finanziellen Mitteln seine schwerkranke Ehefrau Anna (Angelika Richter), die sogar ihren jüdischen Glauben aufgegeben hatte, um ihn heiraten zu können, zugrunde gehen. Zugleich bändelt er mit der 20-jährigen Sasa (Aenne Schwarz) an, von deren reicher Familie er sich wohl auch die Erlösung von seiner Schuldenlast erhofft. Doch am Ende scheitert er – an sich selbst - auf ganzer Linie. Fast widerstrebend auf Freiersfüßen befindet sich auch Sabelskij (Ernst Stötzner, »Der König von Köln«) – ein verarmter älterer Graf, den die Aussicht auf Vermögen dann doch die Hand um die junge, auf seinen Adelstitel erpichte Witwe Babakina anhalten lässt.

»Die kleine Schweinerei muss ich mir doch leisten können«, erklärt er sich wiederholt sein Verhalten. Auch sonst macht Sabelskij sich eher wenig Illusionen: »Ich bin wie alle anderen – ein Schwein im Frack.« Für Schauspielhaus-Publikumsliebling Lina Beckmann ist ihr Part als Babakina wiederum Gelegenheit, lustvoll und mit viel Slapstick ihre komödiantischen Qualitäten auszuspielen. Denn es darf auch gelacht werden über diese Menschen und ihr trostloses Tun. Einer, der die Zustände durchschaut und am Ende allein die Wodkaflasche in der Hand hält, ist Lvov (Samuel Weiss), Arzt wie sein Autor Tschechow: »Ohne Moral – da kann doch eine Gesellschaft gar nicht funktionieren. Oder?«, brüllt er ins Publikum. 

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