STUTTGART. Er hat es getan. Sebastian Hoeneß hat sein Versprechen eingelöst. Der sonst eher zurückhaltende Erfolgscoach des VfB Stuttgart hat am Samstag nach dem 3:1-Erfolg gegen den FC Bayern dem »Capo« der Cannstatter Kurve einen exklusiven Besuch auf dem Zaun abgestattet. Ein ungewohntes Bild. Doch Hoeneß lieferte auch mehrere Meter über dem grünen Rasen in der MHP-Arena verlässlich und wie am Fließband ab.
»Ich muss ehrlich sagen, dass ich gar nicht weiß, was ich jetzt tun soll«, sagte der 41-Jährige zu Beginn seiner Zaun-Rede. »Ich lasse einfach mal mein Herz sprechen.« Es war der Augenblick, in dem der Neffe von Tegernsee-Patron Uli Hoeneß endlich einmal komplett alleine im Mittelpunkt stand. Der Architekt des nie für möglich gehaltenen Erfolgs der Stuttgarter hätte diesen sehr besonderen, emotionalen und nicht alltäglichen Moment auskosten können, sich im Bad der »unendlich vielen Gesichter« sonnen und mit den Fans gemeinsam ein ganz bestimmtes Lied mit Blick auf die kommende Saison anstimmen können. Und Hoeneß?
»Der wirkliche Applaus gebührt den Jungs dort unten. Die sind so überragend«
Der rückte direkt wieder seine Mannschaft in den Mittelpunkt. »Der wirkliche Applaus gebührt den Jungs dort unten. Die sind so überragend«, rief er nur wenige Sekunden, nachdem er das Mikro in die Hand gedrückt bekommen hatte, in Richtung Spielfeld. Wiederum nur wenige Augenblicke später bekam der VfB-Trainer schließlich jedoch die Bühne, die er sich mehr als verdient hat. Mittelfeldregisseur Angelo Stiller, seit jeher ein enger Weggefährte von Sebastian Hoeneß, holte nach der Partie zur ganz großen Lobeshymne aus: »Ich habe es schon oft gesagt. Er holt alles aus uns heraus. Er nimmt jeden Spieler so, wie er ist und versucht nicht, ihn zu verstellen. Das ist in einer Mannschaft enorm wichtig, weil sich jeder umso wohler fühlt und für das Team und das Team dahinter, die Co-Trainer, Zeugwarte, alles gibt. Es ziehen alle an einem Strang.« Die Symbiose zwischen Hoeneß und den Mannen um VfB-Kapitän Waldemar Anton? Die scheint in diesem von persönlichen Eitelkeiten durchseuchten Profi-Geschäft beinahe dicker als Blut zu sein.
Es war der erste Heimerfolg des VfB gegen den deutschen Rekordmeister seit dem 10. November 2007. Und ja: Es war ein Südgipfel um die goldene Ananas. Weil beide Clubs bereits vor der Begegnung als Teilnehmer für die reformierte Champions League in der kommenden Saison festgestanden waren. Und weil das Gastspiel der Münchner, wie es Trainer Thomas Tuchel formulierte, »ein Sandwich-Spiel zwischen den beiden Halbfinal-Partien gegen Real Madrid war«. Doch natürlich wussten Spieler, Verantwortliche und vor allem die Stuttgarter Fans um die Bedeutung des 21. Saisonsieges. Nie hat der VfB in einer Bundesliga-Spielzeit mehr Partien gewonnen.
»Es ist enorm, was der Junge in der Kürze der Zeit an Entwicklung genommen hat«
Trotzdem begleitet die Stuttgarter häufig noch ein Narrativ, wonach der Kader nicht so breit aufgestellt sei, wie bei vielen anderen Konkurrenten. Was Sinn ergibt aufgrund des doch deutlich kleineren Geldbeutels. Da passte es nur zur furiosen Erfolgssaison, dass gegen den FC Bayern - einen Gegner aus dem obersten Regal, der in der ersten Hälfte einen erschreckenden Auftritt hinlegte und nur durch einen Witz-Elfmeter durch Harry Kane zum 1:1-Ausgleich kam - nun ausgerechnet Spieler zu Matchwinnern wurden, die über einen Großteil der Saison im Schatten von Guirassy, Undav, Führich und Co. standen.
Da wäre Verteidiger Leonidas Stergiou, der den VfB am Samstag in der 29. Minute in Führung gebracht hatte. Der Schweizer stand vor der Auswärtspartie vor einem Monat bei Borussia Dortmund nur 185 Minuten auf dem Platz. Seit der Verletzung von Josha Vagnoman und dem zweiten Durchgang im Signal-Iduna-Park ist Stergiou als Rechtsverteidiger aber nicht mehr wegzudenken. »Er hat sich in sehr schnellen und kurzen Schritten entwickelt. Die Anpassungsfähigkeit ist sehr hoch bei ihm. Seine Stärken kannten wir: Besonders die Schnelligkeit und seine schnellen Schritte im Zweikampf«, sagte Sportdirektor Fabian Wohlgemuth. Hoeneß pflichtete ihm bei: »Es ist enorm, was der Junge in der Kürze der Zeit an Entwicklung genommen hat.«
»Er ist immer klar geblieben und hat sich sein einmaliges Lachen immer beibehalten«
Da wäre aber auch noch der fast schon in Vergessenheit geratene Silas. Der kongolesische Flügelstürmer, der seinen Stammplatz an Jamie Leweling verloren hat, schlug in der 83. Minute erst eine geniale Flanke auf den langen Pfosten zum ebenfalls eingewechselten Woo-Yeong Jeong, der es aufgrund der Konkurrenz alles andere als einfach hat und die Hausherren durch seinen Kopfballtreffer - sein erstes Tor im VfB-Dress überhaupt - auf die Siegerstraße brachte. Nur um dann in der Nachspielzeit mit dem 3:1 den Deckel auf die Partie zu machen. Ob Silas, nach den für ihn schwierigen letzten Wochen, ein großer Stein vom Herzen gefallen ist? »Bestimmt. Ich habe ihn direkt auf dem Platz aufgesucht und mit ihm gesprochen. Er ist immer klar geblieben und hat sich sein einmaliges Lachen immer beibehalten. Silas hat bewiesen, dass es wichtig ist, dranzubleiben«, freute sich Hoeneß mit ihm.
Dranbleiben möchte vor allem VfB-Sechser Atakan Karazor. In Bad Cannstatt macht sich trotz der beiden noch sportlich wertlosen Partien zum Abschluss längst keine Urlaubsstimmung breit. Denn: »Wir haben schon wieder neue Ziele, wenn ich ehrlich bin. Wir haben Bock, am Ende der Saison vor den Bayern zu stehen.« Vor einem Jahr erreichten die Stuttgarter noch mit Ach und Krach die Relegation. Jetzt werden den Bayern vor heimischem Publikum die Lederhosen ausgezogen. Auch am Ende der Saison? Mache die Rechnung niemals ohne diesen VfB Stuttgart. (GEA)

