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US-Amerikaner Noah Lyles: Schnelle Zeiten und eine große Klappe

Auf dem Weg zum WM-Triple? Weltrekord über 200 Meter angekündigt

Bejubelt seinen Triumph über 100 Meter: Noah Lyles.  FOTO: HOPPE/DPA
Bejubelt seinen Triumph über 100 Meter: Noah Lyles. FOTO: HOPPE/DPA
Bejubelt seinen Triumph über 100 Meter: Noah Lyles. FOTO: HOPPE/DPA

BUDAPEST. Es ist die Königsdisziplin der Leichtathletik, und zugleich eine der schillerndsten. Denn immer läuft in weniger als zehn Sekunden auch ein Dopingschatten auf den 100 Metern mit. Seit 2009 sind die schnellsten Männer der Welt auf den Spuren des Jamaikaners Usain Bolt, der die Sprintszene zwischen 2007 und 2017 beherrschte wie keiner zuvor.

»Sixpack for Gold« hieß die Devise vor dem 100-Meter-Finale von Budapest. Mit Noah Lyles und Christian Coleman, dem Weltmeister von 2019, standen zwei US-Sprinter auf der Bahn, dazu zwei Jamaikaner, der Weltjahresbeste Zharnel Hughes aus Großbritannien und Letsile Tebogo (Botswana), alle acht Finalisten sind dunkelhäutig, noch nie war ein Weißer Weltmeister über 100 Meter, der letzte weiße Olympiasieger war der Brite Alan Wells 1980 in Moskau. Unter den zehn schnellsten 100-Meter-Läufern ist aktuell kein Weißer mehr. Die acht Finalisten sind mit ihren Saisonbestzeiten gerade mal 14 Hundertstel auseinander, so eng wie nie. Kein Dominator wie zu Bolts Zeiten.

Und doch: dieser Noah Lyles gibt sich längst als der neue Sprintstar und kündigte im Vorfeld der WM einen 200-Meter-Weltrekord an. »Ich bin hier, um 9,65 Sekunden und 19,10 Sekunden zu laufen«, tönte der 26-Jährige. Mit kraftvollen Schritten rannte er vor 35.000 Zuschauern in 9,84 Sekunden zu seinem ersten WM-Titel über die 100 Meter und tönt in Cassius-Clay-Manier (»Ich bin der Größte«), in den Budapester Nachthimmel. Der Mann ist der neue Sprintstar.

Lyles steht für schnelle Zeiten, eine große Klappe und einen großen Unterhaltungswert. Denn der 22-jährige US-Boy hat weitere Talente. In Zürich trat Lyles auf der Show-Bühne in der Mitte des Letzigrund-Stadions auf. Dort rappte der Sprinter vor 25.000 Zuschauern zusammen mit Stabhochspringerin Sandi Morris (USA) und der Band Baba Shrimps den Song »Souvenir«. Zumindest musikalisch ist er an Bolt vorbei. »Ich bin mehr als Sport«, sagt Lyles über sich selbst. Dabei war es in seiner Kindheit mit seinem Selbstbewusstsein nicht immer bestens bestellt.

Husten und Asthma

Als Kind hatte dieser Noah Lyles große gesundheitliche Probleme. Er kämpfte mit Hustenattacken, hatte Asthma und dadurch auch Probleme bei der Ernährung. Er musste teilweise von der Schule zuhause bleiben, seine Mutter unterrichtete ihn hier selber, der Sport war kein Thema. Der Sprint hat ihn geformt, Möglichkeiten aufgetan. »Ich bin nicht Noah, ich bin Winboy« sagte er zu seiner Mutter.

In Zürich hat er schon mal einen Traum verraten. Er habe seinen Weltrekordlauf schon geträumt und könne sich an die Details noch genau erinnern. »Ich lief auf einer blauen Bahn auf gleicher Höhe mit den Konkurrenten und dann einfach davon«, erzählt Lyles. Die Zeit auf der Uhr, die er neben der Ziellinie sah: 9,41 Sekunden. Ist dieser Lyles nur ein Träumer?

Bolts Zeiten (9,58 und 19,19 Sekunden) sind seine Orientierung, auch sein Selbstbewusstsein ist inzwischen fast grenzenlos. »Das war Noah Lyles-like« tönte er danach, »Ich danke Gott, dass ich es bin«. Gina Lückenkemper, das deutsche Aushängeschild und Trainingspartnerin von Lyles in der Gruppe von Lance Brauman in Florida ist beeindruckt von ihm (»Noah hat einen großen Willen«). Wie schnell kann ein Mensch überhaupt laufen? 9,4 Sekunden oder gar 9,27 Sekunden, wie der australische Wissenschaftler Jeramy Richmont aus seinen wissenschaftlichen Studien errechnet hat. 44,72 Stundenkilometer hat Bolt als Höchstgeschwindigkeit erreicht.

1896 wurde die erste Zeit unter 11 Sekunden registriert, 1960 lief Armin Hary als erster die 10,0 Sek. und 1968 in Mexiko durchbrach Jim Hines die Zehn-Sekunden-Barriere. Nicht wenige der Sprinter haben versucht, ihre Beine mit unerlaubten Mitteln schneller zu machen. Dopingsünder von Ben Johnson, Dwain Chambers, Tim Montgomery, Justin Gatlin, Tyson Gay – die Reihe lässt sich weiter fortsetzen, auch ins Finale von Budapest, wo mit Christian Coleman ein amerikanischer Weltmeister von 2019 gerannt ist, der nach drei verpassten Doping-Tests ein Jahr gesperrt war.

Die WM von Budapest könnte zu »Lyles-Festspielen« werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser extrovertierte US-Sprinter, mal mit grauen franzigen Haaren, dann mit Rastalocken und jetzt in Budapest mit seitlichen Zöpfchen am Freitagabend auf seiner Spezialstrecke über 200 Meter WM-Titel Nummer zwei einfährt. Nicht auszudenken was passiert, wenn er am Samstag in der 4 x 100-Meter-Staffel das Triple perfekt macht. Das Feuerwerk am ungarischen Nationalfeiertag nach dem 100-Meter-Finale könnte Symbolkraft für die Krönung von Noah Lyles an der Donau besitzen. (GEA)