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Der ewige Bundes-Jogi wird 60: Löw hat »eine Ära geprägt«

Joachim Löw hat schon den 50. Geburtstag im Amt des Bundestrainers gefeiert. Jetzt wird er 60. Mit 70 aber will er nicht mehr auf der Bank sitzen - das sei »undenkbar«. Erreicht hat er ja schon alles.

Joachim Löw
Wird am 3. Februar 2020 60 Jahre alt: Bundestrainer Joachim Löw. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
Wird am 3. Februar 2020 60 Jahre alt: Bundestrainer Joachim Löw. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

München (dpa) - Ein wenig mulmig wird Joachim Löw zu seinem runden Geburtstag schon. Am 3. Februar wird der beinahe ewige Bundes-Jogi 60. Und dieser Geburtstag fühlt sich für den Langzeit-Bundestrainer eben doch anders an als der Fünfzigste oder der Vierzigste.

»Man hat schon ein bisschen Respekt vor dem Alter und der Zahl«, gestand der am 3. Februar 1960 in Schönau im Schwarzwald geborene Löw. Die Begründung lieferte er vor Kurzem im Rahmen der Bambi-Verleihung in Baden-Baden gleich mit. »Das ist früher auch irgendwie das Rentenalter gewesen mit 60. Heute ist es vielleicht nicht mehr so.«

An den Ruhestand denkt Löw freilich noch nicht. Auch wenn er anlässlich seines Sechzigsten jüngst im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur über seine Zukunft sinnierte und für sich persönlich die Aussage traf: »Trainer mit 70? Das halte ich für undenkbar.«

Löw biegt auf die Zielgerade des Berufslebens ein. Ein Mann, der seit 2006 seine Bestimmung als Bundestrainer gefunden hat. Ob er nach der EM 2020 Bundestrainer bleiben wird, ließ Löw im Interview mit »Bild am Sonntag« und »Welt am Sonntag« offen: »Natürlich lässt man sich als Trainer immer auch am sportlichen Erfolg messen.« Ein Viertel seines Lebens hat er in dem Amt verbracht. Kein Nationalspieler der Gegenwart hat jemals einen anderen Nationaltrainer erlebt, selbst ein Veteran wie Manuel Neuer nicht, der seit 2009 im DFB-Tor steht.

»Er ist ja schon sehr lange dabei. Aber er ist immer mit der Zeit gegangen«, sagte Neuer einmal über seinen Chef beim DFB. Der Torwart des FC Bayern hat alle Extreme mit Löw gemeinsam erlebt, den Gewinn des WM-Titels 2014 in Brasilien ebenso wie den Radikalabsturz vier Jahre später mit dem deutschen WM-Vorrunden-Aus in Russland.

181 Länderspiele - auf so viele Partien als DFB-Chefcoach kommt keiner seiner Vorgänger von Otto Nerz bis Jürgen Klinsmann, dessen Assistent er von 2004 bis zum deutschen WM-Sommermärchen 2006 war. Der Hertha-Coach verfasste im Bundesliga-Magazin eine Würdigung zu Löws 60. Geburtstag. »Auch in den angespanntesten Zeiten kurz vor dem Anpfiff der Spiele bist du extrem gelassen. Das konnte ich von dir lernen.« Die Gelassenheit gepaart mit Optimismus und Standhaftigkeit ergibt für Klinsmann »eine ganz wichtige Eigenheit: Man kann sich immer auf dich verlassen«.

Für Löw ist Bundestrainer kein Beruf mehr, sondern eine Berufung. Ein Traumjob, den er durchaus eigenwillig lebt und inhaltlich gestaltet. »Als Trainer hat er alles erreicht«, sagte Hansi Flick über Löw, der als Bundestrainer Weltmeister wurde, mit dem VfB Stuttgart 1997 den DFB-Pokal gewann und den FC Tirol Innsbruck 2002 zur Meisterschaft in Österreich führte.

Der heutige Bayern-Trainer Flick war acht Jahre lang Löws Assistent. Der WM-Titel 2014 in Brasilien markierte den gemeinsamen Endpunkt. Freunde sind sie aber geblieben. Als Flick mit dem FC Bayern zum Start in die Rückrunde in Berlin gastierte, schaute Löw im Teamhotel vorbei. Löw hat in der Hauptstadt eine Wohnung. »Er ist einer, dem eine Freundschaft sehr wichtig ist«, äußerte Flick.

Als Trainer habe Löw »eine Ära geprägt«, meint Flick. Insbesondere die Entwicklung der Nationalmannschaft zwischen 2010 und 2014 sei sozusagen Löws Vermächtnis an den deutschen Fußball. »Die Änderung des Spielstils hat er absolut geprägt. Er kann eine Mannschaft sehr gut führen und ihr Stärke vermitteln«, äußerte Flick über Löw.

Als Spieler kam der Schwarzwälder nicht über Junioren-Länderspiele hinaus. Er sieht sich als Fußballlehrer, als Entwickler. Aktuell befindet er sich mit der Nationalelf wieder in einer spannenden Umbruchphase - mit ungewissem Ausgang. Die EM im Sommer mit den Gruppenspielen gegen Weltmeister Frankreich und Titelverteidiger Portugal wird auch über seine Zukunft entscheiden. Löw liebt den Nervenkitzel bei den Turnieren. Viele Fans wird er in seinem 61. Lebensjahr davon überzeugen müssen, kein Auslaufmodell zu sein.

Über den Menschen Joachim Löw hat Kapitän Neuer einen schönen Satz geäußert: »Er ist als Persönlichkeit total beständig.« Er ist im Amt gewachsen, dabei aber empathisch und berechenbar geblieben. In seinem engsten Mitarbeiterstab rund ums Team gibt es wenige Veränderungen.

Löw drängt nicht ins Rampenlicht, auch wenn er als Zuschauer in den Bundesligastadien mit modischer Sonnenbrille, Lederjacke und dem obligatorischen Schal durchaus heraussticht. Er weiß sich auch in Szene zu setzen, etwa, als er während der WM 2018 im russischen Badeort Sotschi frühmorgens über die Strandpromenade flanierte.

Häufig beobachtet er Spiele und Spieler im Freiburger Stadion. Beim Sportclub erlebte Löw seine erfolgreichste Zeit als Fußball-Profi. 83 Pflichtspieltore erzielte er als technisch visierter Angreifer. Bis vor zwei Wochen war er damit Rekordtorschütze des Vereins. Dann übertraf ihn Nils Petersen. »Ich glaube, der Bundestrainer kann es verkraften. Der hat viele andere Sachen erreicht«, scherzte Petersen.

Seiner südbadischen Heimat fühlt sich Löw verbunden. In Freiburg kann er sich recht normal bewegen, im Sommer mit dem Cabrio durch die Gegend fahren und in einem Café seinen geliebten Espresso trinken. Rote Teppiche betritt Löw dagegen eher selten, Talkshows meidet er. Die Trennung von Ehefrau Daniela 2016 verlief geräuschlos.

Der Fußball bestimmt Löws Leben. Der Posten des Nationaltrainers gewährt ihm dabei zeitliche Freiräume. Die Besteigung des 5895 Meter hohen Kilimandscharo in Afrika im Jahr 2003 war für Löw eine besonders inspirierende Grenzerfahrung. Sie habe ihm gezeigt, »dass es immer weiter geht, dass man immer noch einen Schritt nach vorne machen kann, selbst wenn man glaubt, dass es nicht mehr geht.«

Löw hält sich intensiv fit, nicht nur beim Kicken mit Freunden. Er lebe »bewusster als in jungen Jahren - auch aus gesundheitlichen Gründen«, sagte er der »Welt am Sonntag« und »Bild am Sonntag«. Bei einem Sportunfall im vergangenen Jahr hatte er aber auch Glück im Unglück. Eine Hantel fiel auf seinen Oberkörper, das Brustbein brach. Eine Arterie darunter riss ein. »Daher war es nicht so ungefährlich«, berichtete Löw später. Erstmals fehlte er wegen der Verletzung bei zwei Länderspielen. Sie wurden trotzdem gewonnen - unter der Regie seines Assistenten Marcus Sorg. Es ging ohne den ewigen Bundes-Jogi.

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