PFULLINGEN. Timo Krauß schlug wutentbrannt gegen einen unschuldigen Mülleimer am Spielfeldrand und schrie sich seinen Frust beim Gang in die Kabine von der Seele, als seine Teamkollegen mit versteinerten Mienen nur wenige Meter hinter dem zentralen Mittelfeldspieler des VfL Pfullingen schnellen Schrittes folgten. Sie alle konnten es nicht glauben, was da eben in der zweiten Halbzeit im Verbandsliga-Heimspiel bei der 2:3-Niederlage gegen den TSV Berg passiert war. Die Mannen um VfL-Kapitän Matthias Dünkel verspielten einen sicher geglaubten Sieg nach einer 2:0-Pausenführung und standen am späten Samstagnachmittag plötzlich mit leeren Händen da. Selbst die Gäste dürften sich gefragt haben, wie sie dieses Spiel gewinnen konnten.
»Ich bin immer noch komplett sprachlos«, sagte Pfullingens Außenverteidiger Christos Chatzimalousis (siehe Box) mit etwas Abstand am Sonntagmorgen im Gespräch mit dem GEA. »Wie du eine Mannschaft in der ersten Halbzeit so dominieren kannst und dann so einbrichst. Das ist unerklärlich.« Tatsächlich war es sehr beeindruckend, was der VfL in den ersten 45 Minuten auf den Platz brachte. »So eine erste gute Halbzeit habe ich schon lange nicht mehr gesehen«, meinte auch Sportvorstand Paul Stingel.
Erinnerungen werden wach
Für VfL-Außenverteidiger Christos Chatzimalousis war die Partie am Samstag alles andere als normal. Im Gegenteil: Es war eine ganz besondere Begegnung für den 26-Jährigen. Und zwar im schlechtesten Sinne. Schließlich verletzte sich Chatzimalousis vor einem Jahr genau an diesem März-Wochenende am gleichem Ort schwer am Kreuzband. Der Gegner: TSV Berg. Macht dieser Umstand etwas mit dem Kopf? »Ich habe immer ein gutes Gefühl gehabt in den letzten Wochen und Monaten und fühle mich auch topfit. Aber vor dem Spiel habe ich mir schon ein bisschen Gedanken gemacht. Ich hatte nicht direkt ein schlechtes Gefühl, aber es hat sich irgendwie merkwürdig angefühlt. Als es dann ins Spiel ging, habe ich es aber direkt vergessen«, berichtete Chatzimalousis, der den Elfmeter vor dem 2:0 herausgeholt hat. (ott)
Vor allem die Art und Weise, wie das Team von VfL-Trainer Michael Konietzny den Gegner aus Berg bespielte, imponierte. Angeführt vom bärenstarken und brutal ballsicheren Kevin Haußmann, der nur durch Fouls zu stoppen war, kombinierten sich die Hausherren immer wieder schön und gefährlich vor den Kasten von Andre Port. Der fußballerische Ansatz war klar zu erkennen. Es war die totale Dominanz.
In der 31. Minute krönte Flügelspieler Lukas Klemenz die bis dato bärenstarke Darbietung des VfL mit einem schönen Volleykracher von der Strafraumgrenze. »Was für ein Böller«, sagte sein verletzter Teamkollege Ioannis Potsou am Spielfeldrand staunend. Vier Zeigerumdrehungen später erzielte Krauß vom Elfmeterpunkt das 2:0. Von Berg kam offensiv wenig bis gar nichts. Gleichzeitig hätten die Pfullinger bereits vor dem Pausenpfiff mit 3:0 oder 4:0 führen können. Möglicherweise sogar müssen.
Doch es kam alles anders. Drei Minuten nach der Halbzeit erzielten die Gäste aus dem Nichts nach einer Standardsituation den Anschlusstreffer. Die Zuordnung stimmte nicht, Bergs physisch starker Innenverteidiger Julian Karg nickte per Kopf ein. Ärgerlich. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte es mehr verschiedene Wetterlagen als Torannäherungen des TSV gegeben. Dann kam die 72. Minute, die sich als großer Wendepunkt der Partie herauskristallisierte.
Nicht gegebener Elfmeter wird zum großen Wendepunkt
Klemenz wurde durch einen überragenden Pass von Kapitän Dünkel in die Tiefe geschickt. Der Torschütze zum 1:0 kam knapp vor dem herbeisprintenden Jonathan Hill an den Ball, dieser lief dem VfL-Spieler als letzter Mann jedoch von hinten in die Hacken. Die insgesamt 101 Zuschauer waren sich sicher: Das gibt den nächsten Elfmeter. Doch die Pfeife von Schiedsrichterin Theresa Hug, die bereits sieben Spiele in der 2. Frauen-Bundesliga geleitet hat, blieb stumm. Die Aufregung war riesig. »Wie kann das kein Elfmeter sein?«, hallte es quer über den Kunstrasenplatz am Ahlsberg. Eine völlig nachvollziehbare Frage.
Wie es im Fußball manchmal eben so läuft, kassierten die Hausherren quasi im direkten Gegenzug den Ausgleichstreffer. Spätestens, als Hannes Pöschl seinen Doppelpack binnen neun Minuten schnürte (82.), war das Desaster aus Pfullinger Sicht perfekt. »Noch nie haben wir drei Punkte so hergeschenkt wie heute«, sagte Flügelspieler Dünkel. Und Trainer Konietzny? Der meinte völlig zu Recht: »Ich habe zu meinen Jungs im Kreis gesagt, dass sie selber schuld sind. Wir hätten zur Halbzeit schon 5:0 führen müssen. Dann brauchen wir uns über die zweite Hälfte nicht zu unterhalten.« (GEA)

