REUTLINGEN. Die Farbe des Abends ist Schwarz. Nicht nur der winterliche Nachthimmel hat sich für schier undurchdringliche Dunkelheit entschieden, auch die Protagonisten sind an diesem Abend fast komplett in der Farbe des Raben gekleidet. In Knallrot leuchten dazwischen allein Schuhe, Lippen und Nägel. Golden schimmert hier eine Brosche, in Silber dort der Schopf. Doch das Schwarz dominiert, und das passt. Denn an jenem Abend im Oertel + Spörer-Saal auf dem GEA-Betriebsgelände am Burgplatz ist zum 14. Mal Kriminacht. Motto: »Kurz und tot«. Da geht's um rabenschwarze Literatur.
Die beliebte Charity-Veranstaltung versammelt zehn Krimi-Autorinnen und -Autoren aus der Region und darüber hinaus, um in nur jeweils sieben Minuten die knapp 200 Zuschauer - der Saal war Moderatorin Iris Goldack zufolge »ratz-fatz ausverkauft« - auf ihre neuesten Werke aufmerksam zu machen. Ob Regional- oder Cyberkrimi, ob solo oder im Duo, allen gelingt es spielend, im Publikum Neugier aufs Weiterlesen zu wecken. So ist in der Pause nicht nur der Verpflegungsstand, sondern auch der Büchertisch gut frequentiert. Dort können und sollen die Besucher GEA-Marketing-Leiterin Goldack zufolge ganz »legal Bücher erwerben«, denn: »Unsere elf Täter müssen ja auch von was leben.« Weihnachten steht vor der Tür, da möge man ruhig großzügig sein.
Alle Beteiligten treten ohne Honorar auf
Diesmal fließen Eintritt wie Erlös aus dem Verkauf von Schmalz- und Frischkäsebroten sowie »blutroter« Drinks in die Kasse des Reutlinger Vereins Menschenkinder, den Arlette Zappi und Sabrina Pommranz vorstellen. Der Förderverein unterstütze Kinder von sucht- und psychisch kranken Eltern in den Landkreisen Reutlingen und Tübingen, für die sich bislang die Jugend- und die Suchthilfe gegenseitig die Zuständigkeit zuschieben. Dabei zähle dazu aktuell jedes 4. Kind unter 14 Jahren, 3.000 Kinder allein im Stadtgebiet Reutlingen. Alle Beteiligten verzichten dafür auf ihre Gagen, die Verpflegung für jenen Abend spenden die Vollkornbäckerei Berger und die Metzgerei Schneider. Zudem hatte die Kreissparkasse Reutlingen schon vorab eine Spende über 1.000 Euro überwiesen.

Die Gea-Journalisten-Band Headline mit einem der beiden neuen Chefredakteure, Alexander Rabe, neben Iris Goldack abwechselnd an Mikro und Cajón, benennt sich einmal im Jahr extra für diesen Abend in »Deadline« um. Das Quintett um Kulturchef Armin Knauer wiegt die Schauderwilligen zu Beginn jedes der beiden Vortragsblöcke mit poppig-folkigen Coverklängen nur scheinbar in Sicherheit. »Love is all around« - von wegen!
Schwarz oder maximal düster sind vielmehr die Einblicke und Abgründe, die sich in den Lesehäppchen auftun. Zwischen Blutwurst und scharf zielender Drohne: Auf der niedrigen Bühne regieren schon bald Mord und Totschlag, Verrat, Datenklau und allerlei unter den Teppich Gekehrtes, vorgetragen von Mitgliedern der »Mörderischen Schwestern« und des »Syndikats«: Zusammenschlüssen weiblicher respektive männlicher Krimi-Schriftsteller sowie Autoren des Reutlinger Verlags Oertel + Spörer. Damit die anwesenden »Mittäter« beizeiten »wieder aus dem Gruppengewahrsam freikommen«, stellen Goldack und ihr Co-Moderator Veit Müller »die Hauptverdächtigen« vor jeder der Lesungen nur ganz kurz vor.
Den Auftakt macht dieses Jahr Ingrid Zellner, die es von München schon vor geraumer Zeit nach Gomadingen auf die Alb verschlagen hat und die sich da nach eigenem Bekunden äußerst wohlfühlt. Sie liest lebhaft mit unterschiedlichen Stimmlagen für Emma, deren Mama und eine geheimnisvolle Frau den Beginn ihres Krimis »Rattenweihnacht« vor. Spannung baut sich auf, doch just als die kleine Emma ihrer Mutter erklärt, »das ist Maria, sie hat ganz furchtbar gefroren, deshalb hab ich ihr meinen Schal geschenkt«, macht es »Peng!«. Aus die Maus. Denn auch das gehört zur GEA-Kriminacht: Sind die sieben Lese-Minuten um, wird der oder die Vortragende selbst zum Opfer. Entsprechend einem von GEA-Marketing-Mitarbeiterin Elijona Blakaj hochgereckten Schild ist jeder der Auftretenden bald angezählt: zehn, neun, acht ... bei Null intoniert das Publikum vielstimmig den Pistolenknall. Wie gut, dass ein ums andere Mal zur Geschichte passt, das macht nochmal doppelt Spaß.
Vom Frosch, dem Winter und der Kalten Herberge
Angetreten sind außerdem Uschi Kurz, bis vor einem Jahr Redakteurin des Schwäbischen Tagblatts, die aus der Anthologie »Schwabens Abgründe« die in Kirchentellinsfurt spielende Kurzgeschichte »Der Frosch« mitbringt; Werner Kehrer aus Metzingen-Neuhausen, der mit seinem Kriminalkommissar Gerhard Meininger über Ischgl an die Achalm zum Gewann »Kalte Herberge« führt; die in Tübingen geborene, aber in Stockholm aufgewachsene und heute in Rottenburg lebende Catrine Bauer, die in »Winters Spuren« mit ihrer Hauptfigur Henri, einer Juristin, auf die fernen Färöer-Inseln reist und just, als sie atemlos ins Telefon fragt, »Hallo, Mama, hörst Du mich?«, gnadenlos das Zuschauer-»Peng!« abbekommt.
Petra Naundorf aus Stuttgart-Feuerbach erzählt in »Schwäbisch kriminelle Weihnacht« packend von Gisela, der Frau des weihnachtsdekosüchtigen Eugen, die nicht nur herrlich »schlonzigen Kartoffelsalat« zubereitet, sondern auch dessen sehr großen, sehr hungrigen Hund Brutus kurzerhand von seinem blöden Namen erlöst und in »Schlonzi« umbenennt. Wie die aus Reutlingen stammende, aber nach Aichtal ausgewanderte Ruth Edelmann-Amrhein mit »Theodora und der Tod des Richters« und Inge Zinßer aus Hochdorf bei Plochingen in »Evas Tod« setzt sie auf humorvolles Lokalkolorit und kernige Dialektsprüche.

Auf die nahe Zukunft und Hightech-Thriller setzen hingegen Eric Sander (»Die letzte Wahl«), der aus München die weiteste Anreise zur Reutlinger Kriminacht hatte, und Walther Stonet aus Metzingen mit seinem Cyber-Crime-Buch »Akte Vakzin«.
International und kulinarisch sind die Protagonisten in »Trüffel to go« unterwegs: Mit Veronika Wieland und SWR-Moderator Edi Graf tritt bei der GEA-Kriminacht erstmals ein Autoren-Duo auf. Das führt die gebannten Zuhörer in bester Hörspielmanier packend gelesen von Baden-Baden bis nach Istrien - und setzt dieser rabenschwarz-schaurig-genüsslichen Wohltätigkeitsveranstaltung nach letztlich kurzweiligen 220 Minuten und zehnmal »Peng!« ein würdiges Ende. (GEA)
Spenden an Menschenkinder
Wer das Benefiz-Krimifest verpasst hat, aber dennoch den Verein Menschenkinder, der einst »Vergessene Kinder« hieß, unterstützen möchte, kann dies über dessen Konto bei der Kreissparkasse Reutlingen tun, IBAN: DE09 6405 0000 0000 5722 39, BIC: SOLADES1REU. Weitere Infos unter www.wir-menschenkinder.de


