REUTLINGEN . Überraschende Entwicklung in Sachen sechstes Gymnasium in Reutlingen: »Die Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg kann die Vereinbarung für die Errichtung und den Betrieb eines dreizügigen Gymnasiums zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließen«, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt, die am späten Montagnachmittag verschickt wurde. Diese Nachricht habe den Ersten Bürgermeister Robert Hahn bereits in der vergangenen Woche erreicht. Die Schulstiftung habe ihn kontaktiert, weil sich zu viele Unsicherheiten ergeben hätten, um wie geplant den Vertrag zu unterzeichnen, sagt Hahn auf Rückfrage des GEA.
Eigentlich wäre eine Entscheidung über die Vereinbarung mit der Schulstiftung zum Bau und Betrieb des Gymnasiums in den kommenden Wochen auf den Tagesordnungen der städtischen Gremien gestanden – diese wurden nun abgesetzt und damit das ganze Projekt vorläufig auf Eis gelegt. Zu den Gründen erklärt Robert Hahn: »Die Schulstiftung verwies mit großem Bedauern auf die deutlich geänderten Rahmenbedingungen«. Zum einen bezieht sich dies auf die »zunehmend großen Unsicherheiten bei der Kostenentwicklung«, sprich: signifikante Kostensteigerungen im Baubereich. Der andere Unsicherheitsfaktor ist laut der Mitteilung die »kurzfristige Wiedereinführung von G9 ab dem Schuljahr 2025/2026«. Sowohl für die Stadt als auch für den Schulträger sei unklar, »welche Anpassungsnotwendigkeiten und weitere, außerordentliche Investitionen zu berücksichtigen sind.« Was die Mehrkosten angehe, habe er keine genauen Zahlen, die Schulstiftung war am Montag telefonisch nicht mehr zu erreichen.
Verzögerungen von dritter Seite
Robert Hahn ist enttäuscht ob dieser aktuellen Entwicklung, diese sei »insgesamt mehr als bedauerlich, da ohne die bekannten Verzögerungen von dritter Seite die Vereinbarung längst hätte geschlossen sein können«. Damit bezieht er sich auf die hitzigen Debatten, die es im Vorfeld zu der Gründung der Privatschule gegeben hat. Im Februar 2022 stand das Thema auf der Tagesordnung des Gemeinderats, hinter den Kulissen wurde es schon lange davor kontrovers diskutiert. Die Stadtverwaltung hatte sich dafür ausgesprochen, einen Schulneubau zu planen, um den steigenden Schülerzahlen gerecht zu werden. Um die Kosten nicht allein tragen zu müssen, schaute sie sich nach Trägern für dieses sechste Gymnasium um und gelangte mit der Schulstiftung der evangelischen Landeskirche schnell zu guten Ergebnissen.
Doch genauso schnell regte sich Widerstand von den städtischen Schulen, Elternbeiräten und der Lehrergewerkschaft. Sie fürchteten, dass vor allem Kinder aus bildungsaffinen Haushalten zu dem freien Träger wechseln könnten, in den städtischen Schulen würden die Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern zurückgelassen. Zudem fehle das Geld, das in das Privat-Gymnasium gesteckt werden müsse, an den längst überfälligen Sanierungen in den städtischen Schulen. Es wurde eine Petition gegen das sechste Gymnasium in kirchlicher Trägerschaft gestartet, Podiumsdiskussionen wurden veranstaltet, die Debatten wurden emotional geführt und »führten zu einer erheblichen Polarisierung in der Stadtgesellschaft«, sagte Oberbürgermeister Thomas Keck im Juli 2023. Aufgrund der Anträge und anhaltenden Diskussionen musste man mehrere Ehrenrunden drehen, blickt Hahn zurück. Ohne diese wäre der Vertrag wahrscheinlich im November oder Dezember vergangenen Jahres unterzeichnet gewesen. Nun aber sei man wieder auf Los, bedauert Hahn.
Wie geht es nun weiter in Sachen sechstes Gymnasium in Reutlingen? »Die Stadt und Evangelische Schulstiftung haben dennoch einvernehmlich vereinbart, dass die guten und vertrauensvollen Gespräche weiter fortgesetzt werden sollen, um zu klären, wie eine Lösung unter den geänderten Rahmenbedingungen gelingen kann«, betont der Verwaltungsdezernent, diese Gespräche sollen nach Ostern stattfinden. Die Bedingungen, so viel ist klar, werden mit der Rückkehr zu G9 auch für die Stadt nicht einfacher. Der Raumbedarf wird sich noch mehr erhöhen, ein Neubau ist für Hahn im Grunde unumgänglich. Als Träger bleibt für ihn die evangelische Schulstiftung die Option. (GEA)

