Logo
Aktuell Reutlingen

INNENANSICHTEN Subjektiver Blick auf ein diffuses Gefühl. Was GEA-Redakteure und -Volontäre mit »Heimat« verbinden Warum ich weggezogen bin

VON HANS JÖRG CONZELMANN

REUTLINGEN. Ich weiß die Vorzüge eines Ortswechsels zu schätzen. Ballast abwerfen, Müll reduzieren, sich trennen von unnützen Dingen. Neun Mal bin ich umgezogen und komme mit immer weniger Material zurecht. Ein Zimmer würde mir genügen, um drei Dinge unterzubringen, die mir wichtig sind: Ein Schrank aus Eiche, den mein Urgroßvater gebaut hat. Er war Schreiner, der Schrank war sein Meisterstück. Dazu zwei Ölgemälde meines Großvaters. Er war Maler und malte das, was meine Heimat ist: die Schwäbische Alb. Oft war ich mit ihm an genau diesen Plätzen.

Die Bilder zeigen die Umgebung meiner Heimatstadt, die mit der Textilindustrie reich geworden ist: Tailfingen, heute ein Teil von Albstadt. Dort wurden vor 130 Jahren die ersten Rundwirkmaschinen aufgestellt, danach blieb kein Stein auf dem anderen. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Tailfingen 12 000 Arbeitsplätze - Vollbeschäftigung. Gegenüber meines Elternhauses stand die größte Trikot-Fabrik von allen. Unser Nachbar war »Fabrikant« und Patriarch einer wohlhabenden Trikot-Dynastie. Von meinem Elternhaus aus beobachtete ich die Blüte dieser Dynastie - und deren Niedergang. Vom schweren Reichtum bis zur Sprengung der Fabrik, die keiner mehr brauchte, weil das Unternehmen bankrott gemacht hatte, vergingen höchstens 20 Jahre. 1987 waren dort die Heimattage Baden-Württemberg - so wie jetzt in Reutlingen. Da war die Fabrik schon weg. Und ich auch.

»Die Textilindustrie löste sich in Wohlgefallen auf«
Die Sprengung des Hochhauses habe ich mit meiner Super-Acht-Kamera gefilmt - in Zeitlupe. Wo das stattliche Gebäude stand, ist heute die Kreissparkasse. Ein bisschen weiter ist das Seniorenheim, dort stand die zweite große Trikot-Fabrik. In der dritten sind Asylanten untergebracht, in der vierten eine Diskothek, in der fünften ein Einkaufszentrum. Viele Fabriken stehen leer.

Ich kannte sie alle, die »Fabrikanten«, vornehme Herren in dunklen Anzügen und schweren Limousinen. Sie sprachen Honoratioren-Schwäbisch, wenn sie überhaupt mit kleinen Jungs wie mir sprachen. Sie versuchten, das Erbe ihrer Väter zu sichern, die mit Textilien groß geworden waren. Das Geschäft lief gut, ein Ende war nicht abzusehen. Man baute Prachtvillen am Stadtrand, kaufte Chalets in der Schweiz - »wegen der Steuer«. Heute stehen Villen und Chalets zum Verkauf.

Ich kannte auch die Söhne der Fabrikanten, schneidige Jungs in Segeltuchhosen, braun gebrannt vom Tennisspielen und vom Cabrioletfahren. Sie sprachen hochdeutsch, gingen ins Internat und rauchten ausländische Zigaretten. Die Textilbetriebe ihrer Väter interessierten sie nicht besonders, sie waren zum Selbstläufer geworden. Arbeit war etwas für die anderen. Die dritte Generation hatte die Bodenhaftung verloren.

Ich erinnere mich an eine typische Szene im Fabrikhof gegenüber meines Elternhauses: Wie der Fabrikantensohn stundenlang den Vergaser seines neuen »Benelli«-Motorrades einstellte und einen Höllenlärm machte, während ihm die Zuschneiderinnen aus den Nähsälen bewundernde Blicke zuwarfen. Das neureiche Getue, heute kaum begreifbar, war damals selbstverständlich und wurde allseits toleriert, auch von mir.

Heute ist alles anders. Die Textilindustrie löste sich mit Glanz und Gloria in Wohlgefallen auf. Die »Benelli« ging mit all ihren sechs Zylindern in der Konkursmasse unter. Manche Fabrikantensöhne leben von Sozialhilfe. Viele meiner damaligen Freunde sind wie ich weggezogen, weil es in Tailfingen keine Arbeit mehr gab. Die Textilindustrie ist weitgehend Vergangenheit. Mein Vater - er war Lehrer und Heimatforscher - hat dieses Stück Vergangenheit mit dem Aufbau eines Museums dokumentiert. Das »Maschen-Museum« in Tailfingen, ein Heimatmuseum, das ohne die übliche Heimattümelei auskommt. Es beschreibt eine 150-jährige Ära meiner Heimat, die ich zu Ende gehen sah.

Die Freunde, die in Tailfingen geblieben sind, treffe ich manchmal im »Schalkental« beim Skifahren. Diesem Tal hat der Öschinger Künstler Klaus Herzer einen Holzschnitt gewidmet. Auf dem Holzschnitt ist der Skilift noch nicht zu sehen, den wir damals bauten und an dem ich die Winter verbrachte, als es noch genügend Schnee gab. Der Schnee lag hoch, ich konnte mit den Skiern bis in die Stadt hinein fahren. An diesem Skilift habe ich den ersten Sturz gebaut, das erste Bier getrunken und die erste Frau geküsst - in dieser Reihenfolge.

Wenn ich heute dort bin, sehe ich Jugendliche, die mich nicht kennen und Sportarten betreiben, die es damals nicht gab. Sie haben einen »Fun-Park« für Snowboarder gebaut und eine »Downhill-Run« für Mountainbiker. Ich ziehe mit meinen Skiern immer noch meine Bahnen, bin aber nur noch staunender Zuschauer. Die Jungs haben den gleichen Spaß wie ich früher. So muss das wohl sein.

Neben dem Zimmer für den Schrank meines Urgroßvaters und für die Bilder meines Großvaters wäre mir noch eine Garage wichtig. Dort fänden all die Fahrzeuge Platz, mit denen ich mich in der Freizeit bewege: Auto, Motorrad, Fahrrad, Ski. Am Auto hänge ich nicht besonders, mehr schon an den Skiern, am Fahrrad und am Motorrad. Von ihm hat Gérard Depardieu einmal gesagt, es sei der einzige Ort, wo er sich wirklich zu Hause fühle - Mobilität als Heimat, Heimat in der Beschleunigung.

Kann ich bestätigen, denn nichts ist so konstant wie die Veränderung. (GEA)