VON ROLAND HAUSER
Der Gewinner der Bundestagswahl aus lokaler Sicht ist unumstritten - der Landkreis Reutlingen: War er die letzten sieben Jahre nur durch einen Repräsentanten in Berlin vertreten, durch den stets direkt gewählten CDU-Abgeordneten Ernst-Reinhard Beck, so sind es in der kommenden Legislaturperiode mit großer Wahrscheinlichkeit gleich drei Mandatsträger, die in der Bundeshauptstadt auch die Strippen für Reutlingen und die Region ziehen werden. Das Ungleichgewicht gegenüber dem mit meist drei oder zuletzt gar vier Abgeordneten einflussreicheren Nachbarkreis Tübingen wäre damit zumindest rechnerisch behoben.
Neben dem Christdemokraten Beck, der mit 42,7 Prozent der Erststimmen natürlich wieder das Direktmandat im Wahlkreis ergatterte - wenngleich mit einem ordentlichen Abschlag von minus 6,5 Prozentpunkten gegenüber 2005 -, ziehen über ihre jeweiligen Landeslisten nun auch die Grünen-Kandidatin Beate Müller-Gemmeke (14 Prozent) und voraussichtlich FDP-Bewerber Pascal Kober (12,8 Prozent) in den Bundestag ein.
Er musste gestern Abend doch noch länger um seinen Sitz im Berliner Plenarsaal zittern, als ursprünglich gedacht: Um 24 Uhr war das Mandat immer noch nicht amtlich. Allerdings hatte Kober zu diesem Zeitpunkt bereits die Einladung seiner Fraktionsführung erhalten, heute nach Berlin zu kommen. Sie jedenfalls ging davon aus, dass der smarte evangelischen Pfarrer den Einzug geschafft und damit im zweiten Anlauf das Helmut Haussmann 2002 verloren gegangene FDP-Mandat für den Wahlkreis zurückerobert hat. Auch sein persönliches Ergebnis hat Kober gegenüber 2005 deutlich verbessert. Von damals bescheidenen 5,4 Prozent der Erststimmen kreisweit steigerte er sich um beachtliche 7,4 Punkte auf 12,8 Prozent.
Da sich auch Stefan Straub und die Linken zumindest mit Blick auf die Vorwahl-Ergebnisse auf die Schultern klopfen dürfen, bleibt als einsamer Verlierer der engagierte, aber erneut glücklose SPD-Wahlkämpfer Sebastian Weigle zurück. Magere 22 Prozent brachte er kreisweit zusammen, selbst in Reutlingen, wo er als SPD-Stadtrat gerade bei jüngeren Wählern Sympathiepunkte sammelt, schaffte er nicht mehr als 25,4 Prozent und brach gegenüber der vorigen Wahl um über 11 Prozentpunkte ein. Dass er dennoch mehr Stimmen holte als Kober und Müller-Gemmeke: kein wirklicher Trost.
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