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Corona und Reutlinger Pflegeheime: »Haben den Fuß nicht von der Bremse bekommen«

Senioren, besonders die in Pflegeheimen, litten während der Pandemie mit am meisten unter den Lockdowns. Timo Vollmer, Geschäftsführer der RAH blickt zurück und zieht ein zweigeteiltes Fazit.

Foto: Tom Weller/dpa
Foto: Tom Weller/dpa

REUTLINGEN . Blick zurück auf die Corona-Pandemie: Besonders in der Altenhilfe und der stationären Pflege hat die Regierung gleich zu Beginn zu umfassenden Regelungen gegriffen, um die Ausbreitung des Virus' einzudämmen. In die Pflegeheime kamen keine Besucher mehr rein, die Bewohner nicht mehr raus. »Am 16. März 2020 haben wir alle Türen dicht gemacht«, erinnert sich Timo Vollmer, Geschäftsführer der RAH, an den ersten Lockdown. Eine Entscheidung, die sich für die Betroffenen mitunter »dramatisch angefühlt« haben mochte, die er aber nachvollziehen kann: »Es war gut, dass man damals so vorsichtig gestartet ist.« Es gab eine große Unsicherheit, was die Verbreitung des Virus betraf, der Schutz der Senioren hatte oberste Priorität.

So der eine Teil von Vollmers Gesamtfazit, der durchaus positiv ausfällt. »Aber dann haben wir den Fuß nicht mehr von der Bremse bekommen«, so der zweite Teil seiner Bilanz. Sehr lange habe die Regierung an sehr restriktiven Regeln festgehalten. Vor allem mit den unzähligen Vorgaben, die sich stetig veränderten, hatten viele zu kämpfen, auch die Pflegeeinrichtungen. Oft kamen sie kaum hinterher mit dem Dokumentieren oder dem Aushängen der neuen Regeln: »Es war viel Bürokratie und ein sehr aufwändiger Akt.« Was für ihn aber das größte Versäumnis war: »Wir als die Experten vor Ort hätten uns mehr Entscheidungsspielräume gewünscht.« Denn sie hätten manche Situation individueller handhaben können, zumal es ihr täglich Brot ist, mit Pflegebedürftigen umzugehen.

Mit den Regelungen der Regierung, die für alle galten, unabhängig von der Lage vor Ort, wurde massiv in die Organisation der Häuser eingegriffen. Viele der Vorschriften sorgten nicht nur für Verwirrung, sondern auch für Unmut bei Bewohnern oder Angehörigen, den dann die Pflegekräfte so manches Mal abbekamen. Und das habe auch die Mitarbeiter nachhaltig geprägt: Sie mussten oft Dinge umsetzen, die sie selbst nicht nachvollziehen konnten.

Wie aber war die Situation für die Menschen in den Pflegeheimen der RAH? Das einsame Leiden, von dem oft die Rede ist, sehe er nicht so, sagt Vollmer. »Die große Vereinsamung wird meistens überdramatisiert«. Es war schon so, dass die Angehörigen im ersten Lockdown zunächst gar nicht zu Besuch kommen konnten. Das habe dazu geführt, dass die Beziehungen zwischen den Bewohnern und ihren Familienangehörigen gelitten haben. Doch die RAH habe schnell reagiert, damit die Senioren nicht allein waren. »Wir haben die Kontakte von einzelnen Personen innerhalb des Hauses verstärkt«, erklärt er, zudem wurde mehr Zeit in Einzelbesuche von Pflegekräften investiert - diese Zeit gab es, da die Gruppentreffen entfielen. Schnell wurden auch Balkongespräche und digitale Treffen ermöglicht. Wichtig ist ihm vor allem die Feststellung, dass Besuche in Akutsituationen immer möglich waren. »Es war nicht so, dass einsame Tode gestorben wurden.«

Der Ruf nach mehr Eigenverantwortung und einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe wurde im Nachgang der Pandemiebewältigung auch an die Politik gerichtet. »Wir wünschen uns eine Anerkennung des Expertentums, man muss den Fachkräften auch etwas zutrauen.« Gleiches gelte für die Impfpflicht im Pflegebereich: »Diese habe ich immer extrem kritisch gesehen«, sagt Vollmer. Schnell habe sich herausgestellt, dass auch Geimpfte Überträger sein können. Zudem hat die Impfpflicht, die nur für bestimmte Berufsgruppen galt, mehr geschadet als genutzt. »Viele Pflegekräfte fühlten sich dadurch bevormundet und haben sich die Grundsatzfrage gestellt«. So mancher zog die Konsequenz und wechselte den Beruf. Auch hier wieder Vollmers Appell: »Wir hätten es fachlich so handeln können, dass wir keine Bewohner gefährden.«

Doch weg vom gestern, hin zum Morgen: Ist Deutschland in der Zwischenzeit besser vorbereitet auf derartige Herausforderungen? Ja, gibt Timo Vollmer sich optimistisch. Eine der Grunderkenntnisse sei, »dass auch wir als Träger uns selbst helfen müssen«, erklärt er. Man habe sich selbst in die Verantwortung genommen und beispielsweise für mehr Vorräte gesorgt. Zu Beginn der Pandemie, als vieles Mangelware wurde, musste man sogar in den Baumärkten Restbestände an Malerkitteln und Atemschutzmasken aufkaufen, blickt er zurück. Das würde heute nicht mehr passieren. Aber auch in den Verwaltungen und Ministerien befasst man sich mit einer Aufarbeitung - unter anderem mit dem Ergebnis, dass die Zusammenarbeit der Ämter mit den Trägern vor Ort verbessert werden sollte. (GEA)