Bereits am heutigen Freitag treffen sich Eisenbahnhistoriker zu einem landesgeschichtlichen Symposium mit dem Titel »Die Welt bewegt sich« in der Volkshochschule. Organisiert hat es das Reutlinger Stadtarchiv zusammen mit dem Landesarchiv Baden-Württemberg. Der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Heinz Alfred Gemeinhardt, referiert eingangs über Friedrich List, den »Eisenbahnpionier und Impulsgeber«. Am Spätnachmittag - am Westbahnhof - stellen Bernd-Matthias Weckler vom Verein Schwäbische Alb-Bahn und Herbert Maier von den Freunden der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein das Restaurierungsprojekt »Württemberger Zug« vor.
Dort, am Westbahnhof, steigt am Samstag (von 17 bis 22 Uhr) und Sonntag (von 10 bis 18) ein großes Eisenbahnfest, bei dem der »Württemberger Zug« ebenfalls zu sehen sein wird. Auch wenn die Zahnraddampflok 97 501 noch nicht, wie zunächst zum Jubiläum angestrebt, komplett restauriert und fahrbereit ist. Hinzu kommen bei der Fahrzeugschau am Sonntag eine moderne Elektrolokomotve der Baureihe 146, eine Rangierlok V 60 und ein »deutsches Krokodil« (E 94), die kleinere Variante des legendären Schweizer Kraftpakets.
Dass das eine Krokodil gleich noch ein zweites mitbringt, habe es »in unserer Gegend noch nie gegeben«, schwärmt Bernd-Matthias Weckler. Die zweite E 94 pendelt am Jubiläumssonntag mit Personenwagen im Schlepp zwischen Reutlingen und Plochingen.
Doch zurück zur Historie, die Stadtarchiv-Mitarbeiter Gerald Kronberger in einem Beitrag zum Eisenbahnjubiläum beleuchtet, den wir an dieser Stelle auszugsweise veröffentlichen. Bei den langjährigen Bemühungen der Achalmstadt vor 1857, als mit dem Eisenbahnbau vor Ort begonnen wurde, sei es vor allem darum gegangen, so Kronberger, »in den Krisenzeiten der 1840er- und 1850er-Jahre den Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung nicht zu verlieren. Ein Hauptproblem war damals schon die 'Verkehrsschatten'-Lage Reutlingens im Albvorland«.
Weiter heißt es: "Es galt, die Stadt im Echaztal durch die sogenannte 'Obere Neckarbahn' an die Hauptlinie des Königreichs bei Plochingen anzubinden. Dies war von der Streckenführung ab Nürtingen über Höhen und Täler hinweg ein aufwendiges Unterfangen. Die württembergische Hauptlinie von Heilbronn über Stuttgart und Ulm nach Friedrichshafen war bereits 1850 fertiggestellt worden. Der Bau einer weiteren 'Zweig-Eisenbahn' Richtung Rottweil ließ dann aus mancherlei Gründen auf sich warten. Der Eisenbahnbau war das mit Abstand gewaltigste staatliche Investitionsprojekt im damaligen Königreich.
List um Hilfe gebeten
'Privatbau' oder 'Staatsbau' war eine der offenen Fragen bezüglich der 'Oberen Neckarbahn'. Sollten die Verantwortlichen in Stuttgart das Projekt mit 'Anlehen' finanzieren oder nicht doch einem Privatunternehmer das Feld überlassen?Dem Reutlinger Stadtschultheißen Grathwohl schwante 1845, damals noch entschiedener Anhänger des 'Privatbaus', nichts Gutes. Er bat Friedrich List, einen publizistischen Beitrag zur Klärung dieser Frage zu leisten, und schrieb: 'Wenn wir auf den Staatsbau in Württemberg warten müssen, sind wir verlorene Leute.' Tatsächlich sind die Würfel dann doch für den 'Staatsbau' gefallen. Das entsprechende vom König unterzeichnete Gesetz datiert auf den 6. Mai 1857, der Knoten muss aber schon zuvor geplatzt sein: Bereits ab April waren in Reutlingen die Arbeiten in vollem Gange. Der Bedarf an Arbeitskräften war dabei so nachhaltig, dass im Verlauf der nächsten rund zwei Jahre über 1 000 Eisenbahnarbeiter aus fast ganz Württemberg hierher kamen." (...)
»Mit einem Extrazuge«
Am 20. September 1859 war es dann so weit - der Streckenabschnitt von Plochingen nach Reutlingen wurde eingeweiht. »Allerdings«, so Kronberger, »sollten Erdrutschungen bei Bempflingen den Eisenbahnverkehr zwischen November und April 1860 noch einmal stilllegen. Doch am 25. Mai 1860 kam dann König Wilhelm I. persönlich hier an: 'Mit einem Extrazuge, in Begleitung des Oberstallmeister', wie ein Chronist schreibt. Der Sonderzug ergänzte die vier fahrplanmäßigen Züge, die damals täglich zwischen Reutlingen und Plochingen pendelten und die Strecke in zumeist einer starken Stunde bewältigten. Der Transport von Personen und Gütern in einer bis dahin nicht vorstellbaren Menge und Geschwindigkeit war auch für Reutlingen Wirklichkeit geworden.« (GEA)Der komplette Stadtarchiv-Textist im Internet abrufbar unter www.gea.de/detail/1361954
