SONNENBÜHL. Was für eine Katastrophe: Der Sturm vom 24. August hat 80 Prozent des Baumbestands wie Streichhölzer umgeknickt, die 100 Jahre alten Bäume samt Wurzeln aus dem Boden gerissen und auf dem Hügel der Burg Hohengenkingen und somit auch an den Mauerresten große Schäden angerichtet. Nicht erst seit diesem Wetterchaos droht die Burg zu verschwinden, der Zahn der Zeit und der Klimawandel setzen den Überresten zu. Nun ist ein Stück der Ringmauer noch stärker gefährdet, und auch weitere Mauerreste könnten jeden Moment abrutschen oder einstürzen. Glück im Unglück und eine Chance: Durch herausgehobene Wurzeln wurden auch neue Funde zutage gefördert, die den Forschern vom Verein "Die Burg" neue Fenster in die Geschichte des vermutlich im 14. Jahrhundert zerstörten Herrschaftssitz derer von Genkingen öffnen.

Eines davon, das unter einem Wurzelteller auftauchte, ist ein Fragment, das als Teil eines Jagd- oder Signalhorns identifiziert werden konnte. Ein solches Horn wurde von Wissenschaftlern rekonstruiert, und von dessen Klang vermittelte der Tübinger Mittelalterarchäologe Dr. Michael Kienzle den Sonnenbühlern, die zu einem Informationsabend gekommen waren, einen lautstarken Eindruck. »Geschirr- und Ofenkeramik, Metallteile und Glasfragmente befähigen uns zu genaueren Datierungsansätzen und geben uns Einblicke in die Sachkultur des Mittelalters«, sagt Kienzle. Aus Grabungsaktivitäten an anderen Burgenstandorten auf der Schwäbischen Alb lassen sich zu Bauprogramm, Aussehen und multifunktionaler Nutzung einer mittelalterlichen Burg (Herrschersitz und Herrschaftssymbol des Adels, Landwirtschaftsbetrieb, Versammlungsort) Parallelen für Hohengenkingen ableiten.
Der Adel heizt sein Heim mit Kachelöfen
An einer Stelle tauchte zwischen Mauer und Fels eine Ofenkachelscherbe aus dem 13. Jahrhundert auf. Diese Spalte war nur während des Baus der Burg offen, sagt Mittelalterarchäologe Sören Frommer. Bedeutet, dass an dieser Stelle später auf den Mauern eines Ursprungsbaus weiter gebaut wurde. Und: Die Burg wurde mit einem Kachelofen beheizt. Verbrannte Mörtelstellen unterhalb einer Baufuge am Hauptturm - über der Fuge befinden sich nur einzelne Steine mit Brandspuren, die in unterschiedliche Richtungen weisen - legen ebenfalls nahe, dass nach einem Brand auf den Relikten älterer Grundmauern neue Wände hochgezogen wurden. Vier Bauphasen sind somit anzunehmen.
Über das Leben der dem niederen Adel zugehörigen Familie und über das Gebäude ist wenig bekannt und wenig in historischen Quellen zu finden. So sind der Hügel und die Mauerreste fast das einzige Archiv, in dem Historiker und Archäologen versuchen können, Antworten auf die vielen offenen Fragen zu finden. Die Herren von Genkingen wurden zwar mehrfach in Schenkungsurkunden unter anderem an das Kloster Zwiefalten erwähnt, die früheste Nennung in der Zwiefalter Chronik, ansonsten ist die Quellenlage eher dünn, sagt Landeshistoriker Christian Kübler von der Uni Tübingen. Im Mittelalter gab es keine zentrale Verwaltung, die Gesellschaft war »eine orale Gesellschaft«. Im Jahr 1130 wird ein Rather von Genkingen genannt und als »miles« bezeichnet, also als Ritter, der ins Kloster eintritt und diesem seine Besitzungen schenkt. Und immer mal wieder sind bis ins 15. Jahrhundert Schenkungen und Verkäufe von Genkinger Ländereien an die Klöster Zwiefalten, Hirsau und Pfullingen oder Bebenhausen beurkundet. Auch hier bietet es sich an, weiter in die Arbeit einzusteigen und nach schriftlich festgehaltenen Hinweisen auf das Adelsgeschlecht zu suchen.

In den Landkreisen Reutlingen und Esslingen gibt es rund 200 Adelssitze aus dem Mittelalter. Es sind die bekannten Burgen am Albtrauf und im Großen Lautertal, gebaut in imposanter Lage auf Felsspornen, aber es existieren auch viele unscheinbare Burgen, oft nur noch als Bodendenkmale vorhanden, solche, die noch wenig erforscht sind. Dazu gehört auch die Burg Hohengenkingen, die auf dem Bergrücken in 861 Metern Höhe stand. Wer genau sie wann erbaute, ob sie nur Herrschaftssitz oder auch landwirtschaftlicher Betrieb war, ist ebenso wenig bekannt, wie man etwas über ihren Niedergang weiß. Gewiss ist, dass es Feuersbrünste gab, darauf weisen Scherbenfunde hin, die sich durch große Hitze rötlich gefärbt haben. Ob das Feuer ein Unglück war, bewusst gelegt wurde oder ob es im Zusammenhang mit den Städtekriegen im 14. Jahrhundert steht - all das hoffen die Forscher herauszufinden. Da im März eine Glasscherbe gefunden wurde, die zu einem Nuppenbecher gehört, ist davon auszugehen, dass es sich bei der Adelsfamilie um eine mit gewissem Wohlstand gehandelt haben muss, einfache Leute konnten sich im Hochmittelalter kaum Gefäße aus Glas leisten.
»Wir wollen erhalten und forschen, Wissenschaft greifbar machen«, sagt Wolfgang Bauer, Zeit-Journalist, Ex-Undinger und Initiator des Burgenrettungsprojekts. Vor allem wolle man zeigen, dass Denkmalschutz nicht bloß Aufgabe des Staates ist, sondern dabei gesellschaftliches Engagement gefragt ist. So wurde im Dezember 2022 der Trägerverein gegründet, der sich nun in Sonnenbühl vorgestellt hat. Gesucht sind neue Mitglieder, weitere Spender, Sponsoren, Paten und Unterstützer, denn die Erforschung wird Zeit und Geld brauchen - beziehungsweise die nächsten Schritte müssen als Reaktion auf die Sturmschäden schnell gegangen werden.
Den Spaten wollten die Wissenschaftler nicht so schnell ansetzen, was im Boden liegt, ist auch gut geschützt. Die Arbeit konzentrierte sich deshalb zunächst auf die überirdischen Reste. Studenten der FH Biberach starteten 2021 mit ersten terrestrischen Laserscans und Vermessungen, im März 2023 folgten weitere Bestandsaufnahmen, unter anderem per Fotogrammetrie - dabei werden aus verschiedenen Perspektiven aufgenommene Fotos zu einem digitalen 3D-Modell zusammengesetzt -, das Landesamt für Denkmalpflege führte eine geomagnetische Prospektion durch (der GEA berichtete mehrfach). Noch im Dezember soll es einen weiteren Arbeitseinsatz geben, um die Ruine von den Bäumen zu befreien und sie wieder für weitere Forschungen begehbar zu machen. Die sollen im Frühjahr 2024 fortgesetzt werden.
Rätselhafte Datierung auf das 3./4. Jahrhundert
Bisher haben die Wissenschaftler an einem Drittel der Anlage gearbeitet, zwei Drittel liegen noch wie eine Zeitkapsel unberührt im Boden. Rätsel gibt außerdem ein verkohltes Holzstück auf, das im Labor untersucht und auf das 3./4. Jahrhundert datiert wurde. Gab es etwa einen antiken Burgvorgänger? Nun wurde ein zweites Holzstück im Mörtel gefunden, das ebenfalls per C14-Methode analysiert wird. Die Ergebnisse stehen noch aus. Sollten sie ebenfalls auf eine so frühe Entstehungszeit verweisen, muss noch einmal neu gedacht werden. »Das ist das Spannende: Wir wissen nicht, wo es hingeht«, sagt Wolfgang Bauer. Aber das Forschungsprojekt soll weiter gehen. Damit ein wenig mehr Licht in ein Stück Undinger und Genkinger Geschichte kommt. Mitstreiter sind willkommen. (GEA)




