Logo
Aktuell Natur

Engstingen tritt dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb bei

Engstingen tritt dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb bei. Auch, weil der Bundesforst Flächen für Kernzonen zur Verfügung stellt.

Engstingen will Teil des Biosphärengebiets werden.
Engstingen will Teil des Biosphärengebiets werden. Foto: Cordula Fischer
Engstingen will Teil des Biosphärengebiets werden.
Foto: Cordula Fischer

ENGSTINGEN. Der Engstinger Gemeinderat hat einstimmig beschlossen, dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb beizutreten. Achim Nagel, Leiter der Geschäftsstelle des Biosphärengebiets in Münsingen, hat die Räte über den Stand der Erweiterung des Gebiets informiert. Bürgermeister Mario Storz ergänzte die Engstinger Besonderheiten. Nagel tourt zurzeit durch die Gemeinderäte, 13 Ja-Stimmen hatte er schon eingesammelt, mit Engstingen sind es jetzt 14. Sechs Gemeinden wollen dem Biosphärengebiet beitreten, weitere 16 mehr Flächen einbringen, bis zur Kommunalwahl will Nagel durch sein. Alle Albgemeinden bis auf Mehrstetten könnten dann dabei sein, mit dem »Mehrstetter Loch« könnte das Biosphärengebiet leben, meinte Nagel. Seine Bewerbung hatte Engstingen im März vergangenen Jahres abgegeben, seither fanden Abstimmungsgespräche zwischen der Geschäftsstelle des Biosphärengebiets und den Forstverwaltungen auf allen Ebenen statt - in Engstingen beziehungsweise auf der Haid ist ja auch der Bundesforst Grundbesitzer.

Bleibt nur das »Mehrstetter Loch«

Und der Bundesforst spielt beim Beitritt eine wichtige Rolle. Ihm gehören 120 Hektar Wald, kaum genutzt, weil munitionsbelastet und damit bestens geeignet, »Kernzone« im Biosphärengebiet zu werden. Genau darum ging es in erste Linie bei den Beitrittsverhandlungen. Im Biosphärengebiet, wie es heute besteht, sind drei Prozent der Flächen Kernzonen - das ist Bedingung, damit die Unesco das Gebiet anerkennt. Engstingen tritt mit 2.593 Hektar bei, drei Prozent entsprechen rund 78 Hektar. Die Biosphärenverwaltung gibt sich aber mit weniger zufrieden: mit 20 Hektar beim Bundesforst und 28 Hektar im Gemeindewald - private Waldbesitzer sind nicht betroffen. Es wird eine zusammenhängende Zone werden, die ehemals militärischen Liegenschaften werden zart von einem Mantel kommunalen Grüns im Gewand Schaufelbuch umschmiegt. Das passt ins Konzept des Biosphärengebiets, Alibi-Kleinstschnipsel bringen Natur- und Artenschutz in den »Urwäldern von morgen«, so Achim Nagel, Leiter der Biosphärengeschäftsstelle, wenig bis nichts. Die Verhandlungen mit dem Bund seien »zäh und manchmal hart« gewesen, sagte Bürgermeister Mario Storz. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden, und »die Nationalsozialisten haben Engstingen enteignet, es war schon wichtig, dass wir ein bisschen Wiedergutmachung bekommen.«

Aus den Kernzonen soll sich der Mensch heraushalten, die Natur kann sich hier selbst entwickeln, es entstehen Refugien mit einer anderen Flora und Fauna als im Wirtschaftswald. Das bedeutet, kein Holzeinschlag, keine neuen Wege - bestehende können sogar geschlossen werden - und Einschränkungen bei der Jagd: Drückjagden gehen in Ordnung, Pirsch oder Ansitz gehen nicht mehr. Der Bundesforst kann schon jetzt nicht betreten werden und darüber, ob und wo im Gemeindewald Wege zurückgebaut werden, wird noch gefeilscht.

Kernzonen bringen Ökopunkte

Achim Nagel erläuterte noch einmal Vorteile des Beitritts, von Fördergeldern bis zu Imageverbesserungen und natürlich dem Gewinn für die Natur. Selbst die Kernzonen bringen, neben ihrem Hauptzweck als Rückzugsgebiete für bedrohte Arten, monetären Ertrag. Die Gemeinde bekommt 1.116.000 Ökopunkte gutgeschrieben, was in harter Währung etwa 1,1 Millionen Euro entspricht. Die Ökopunkte können für Ausgleichsmaßnahmen für eigene Projekte verwendet, aber auch verkauft werden. Revierförster Andreas Hipp, der als Zuhörer an der Sitzung teilnahm, hielt denn auch die geringeren Einnahmen aus dem Holzverkauf für verschmerzbar.

An den Kernzonen entzündet sich meist die Debatte um einen Beitritt. Es gibt aber noch zwei weitere Kategorien. Der Gemeinderat hat der Ausweisung von 104 Hektar Pflegezone zugestimmt. Hier darf der Mensch sich tummeln, es gibt aber Einschränkungen, etwa beim Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft. Da die Pflegezone nordwestlich von Großengstingen zur Gänze im Wald liegt, sollte das kein Problem darstellen. Bleiben 2.441 Hektar, sie werden Entwicklungszone ohne irgendwelche Einschränkungen.

Nicht die gesamte Gemeinde

Engstingen wird von seinen 3.151 Hektar Gesamtfläche 2.593 Hektar einbringen, die westliche Ecke der Gemeinde nördlich der Haid bleibt bis hoch zur Pflegezone außen vor. Dass Gemeinden nicht mit ihrer gesamten Fläche beitreten, ist nicht unüblich, nicht zuletzt, weil sich der Obolus für die Mitgliedschaft nach Einwohnerzahl und eingebrachter Fläche berechnet - der wird sich, Stand heute, auf etwa 6.500 Euro pro Jahr belaufen. Auf der ausgesparten Fläche gäbe es nichts zu fördern, meint Bürgermeister Storz, Nachteile entstünden also keine. Und das Biosphärengebiet muss mit seinem knappen Erweiterungsspielraum ebenfalls haushalten.

Im Oktober entscheidet der Lenkungskreis des Biosphärengebiets über die Erweiterung des Biosphärengebiets: Das Gebiet soll von 85.000 auf maximal 120.000 Hektar erweitert werden und Engstingen ist nicht der einzige Bewerber. Die Unesco wird 2027 ihren Segen geben oder verweigern. Die vorgesehene Kernzone wird vorher zum Bannwald, hat der Gemeinderat beschlossen, die Ökopunkte können also fix eingesammelt werden. (GEA)