ENINGEN/REUTLINGEN. Die Natur entlässt gerade ihre Kinder in die Freiheit. Junge Feldhasen, Rebhühner, Kiebitze oder eben Rehkitze. Der Nachwuchs schwebt aber gerade in Lebensgefahr. Denn wenn die kleinen Rehkitze im hohen Gras liegen, weil sie dort gut vor Fressfeinden geschützt sind, droht ihnen von ganz anderer Seite Gefahr: durch die Mahd der Wiesen. Die Landwirte und Wiesenbesitzer in der Region haben bereits damit begonnen, ihre Flächen maschinell zu mähen. Rehkitze ohne Fluchtinstinkt drohen in die Mähwerke der Maschinen zu geraten. Zerschredderte Bambis will aber niemand.
Um Bauern, Wiesenbesitzern und den Jungtieren dieses blutige Szenario zu ersparen, gibt es das Drohnenteam der Kreisjägervereinigung Reutlingen. Der Eninger Martin Sautter und seine Kollegen sind für ein riesiges Gebiet zuständig: »Das geht von der Achalm über Glems, an die Grenze zu Dettingen bis rüber nach Mittelstadt und Pliezhausen«, beschreibt er »sein Areal«. Jede Menge Wiesen, auf denen jetzt das Gras in die Höhe schießt, sowie Wiesenblumen und Wildkräuter wachsen - und möglicherweise kleine Rehkitze liegen.
Sich nicht um die Bambis zu scheren und einfach draufloszumähen kann in mehrfacher Hinsicht für Wiesenbesitzer hochproblematisch werden. Denn schlimmstenfalls handelt es sich bei diesem Vorgehen um eine Straftat und kann mit einem teuren Bußgeld enden. Präzedenzfälle gibt es bereits. So war ein Landwirt im Saarland zu einer Geldstrafe von 7.200 Euro verurteilt worden, weil er seine Grünflächen vor einer Mahd im Mai nicht nach Rehkitzen abgesucht hatte und so gleich mehrere der Tiere zu Tode gekommen waren.
Doch auch im eigenen Sinne sind Bauern gut beraten, gegenwärtig nach dem Rehnachwuchs in ihren Wiesen zu suchen. In einer Mitteilung des Bundeslandwirtschaftsministeriums zum unkontrollierten Mähen heißt es: »Nicht nur die Wildtiere sind dadurch gefährdet, sondern auch die Nutztiere im Stall, welche später das durch den Kadaver mit Giftstoffen kontaminierte Futter aufnehmen. Diese durch Bakterien erzeugten Giftstoffe können zum Beispiel bei Rindern im Extremfall zum Tod führen.«
»Die Bauern melden sich mittlerweile regelmäßig bei uns, damit wir die Drohnen aufsteigen lassen«
Im Kreis Reutlingen scheinen die Landwirte ihre Wiesen gewissenhaft zu bewirtschaften. Denn auf Nachfrage des GEA sagt Martin Sautter vom Drohnenteam der Kreisjägervereinigung Reutlingen: »Die Bauern melden sich mittlerweile regelmäßig bei uns, damit wir die Drohnen aufsteigen lassen, um nach Rehkitzen in den Grünflächen zu suchen.« Und dann rückt Sautter mit seinen Teamkollegen und modernster Technik an, lassen die Drohnen aufsteigen und suchen mit ihnen nach Bambis im hohen Gras. An Bord der mittlerweile drei Drohnen, die das Team im Einsatz hat: hochauflösende Digitalkameras mit Wärmebildfunktion. Damit lassen sich die Tiere sogar in der Dämmerung oder im Dunkeln aufspüren. Ist so ein Rehkitz (mit noch fehlendem Fluchtinstinkt) einmal entdeckt, wird es aus dem Gefahrenbereich gebracht. Das bedeutet, mit Handschuhen vorsichtig aufgehoben, in eine Box gesetzt und so vor dem Mähtod bewahrt.
Die Kreisjägervereinigung Reutlingen ist mit ihrem kostenlosen Angebot auf der Höhe der Zeit. Martin Sautter weiß: »Die allermeisten anderen Jägervereinigungen in der Region bieten diesen Service ebenfalls an und es werden mehr.« Das soll weiter ausgebaut werden, findet auch der Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir. Sein Ministerium hat deshalb ein Förderprogramm für Drohnen und Kameratechnik aufgelegt. Offiziell heißt es: »Der Einsatz von Drohnen in Kombination mit Wärmebildtechnik im Bereich der Rehkitzsuche hat sich etabliert. Derzeit werden Drohnen in Deutschland jedoch noch nicht flächendeckend eingesetzt.« Mit rund 1,5 Millionen Euro soll die Anschaffung der Technik erleichtert und ausgebaut werden. Auch Martin Sautter hat für sein Team einen entsprechenden Online-Antrag gestellt und bereits eine Förderung vom Ministerium bekommen. »Gerade die Kameratechnik ist recht teuer«, weiß er.
Der Wildtierbeauftragte des Landkreises Reutlingen, Rupert Rosenstock, ist überzeugt von dieser Art der Tierrettung: »Jäger stehen hier als Helfer, Heger, Tierfreunde bereit.« Ihm ist es wichtig, dass die Drohnenteams gerade jetzt im Einsatz sind, denn »50 Prozent der Rehkitze werden im Zeitraum von etwa zwei Wochen gesetzt, über 80 Prozent im Zeitraum von vier Wochen.« Das wäre eben genau jetzt, überall gebe es im Mai die meisten »gesetzten Rehkitze«, wie es im Fachjargon heißt.
Das Team um Martin Sautter ist jedenfalls mit Eifer dabei: »Wenn die Landwirte ihre Wiesen mähen wollen, orientieren die sich am Wetterbericht. Das heißt: Sie mähen nur, wenn die Wiese trocken genug ist. Für uns bedeutet das, wir werden auch kurzfristig angerufen und müssen im Ernstfall in wenigen Stunden einsatzbereit sein.« Zuletzt war das übrigens bei Metzingen-Glems der Fall. (GEA)



