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Angst vor der Eskalation: Pfullingerin über Flüchtlingskinder im Libanon

Während in Gaza der Krieg tobt, wird auch an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon die Lage von Tag zu Tag gefährlicher. Die Pfullingerin Ingrid Rumpf, Vorsitzende des Vereins Flüchtlingskinder im Libanon, über die Situation in den palästinensischen Flüchtlingslagern.

Ein palästinensisches Flüchtlingskind spielt in einem neuen Kindergarten in Bar Elias in der Bekaa-Ebene im Libanon.
Ein palästinensisches Flüchtlingskind spielt in einem neuen Kindergarten in Bar Elias in der Bekaa-Ebene im Libanon. Foto: Verein
Ein palästinensisches Flüchtlingskind spielt in einem neuen Kindergarten in Bar Elias in der Bekaa-Ebene im Libanon.
Foto: Verein

PFULLINGEN. Die Gewaltspirale in Nahost dreht sich mit jedem Tag schneller: Während der Gazastreifen das Zentrum eines blutigen Krieges bildet, wird auch die Lage an der israelisch-libanesischen Grenze täglich gefährlicher. Immer wieder attackieren sich die Hisbollah-Miliz, deren Hochburgen im Süden des Libanons liegen und die als Verbündete der Hamas gilt, und das israelische Militär. »Die Menschen fürchten die Eskalation«, sagt Ingrid Rumpf. »Dass der Krieg weiter auf den Libanon übergreift und auch die Flüchtlingslager in die kriegerischen Handlungen hineingezogen werden.«

Als Vorsitzende des Vereins »Flüchtlingskinder im Libanon« setzt sich die Pfullingerin seit mehr als 27 Jahren dafür ein, dass die Menschen in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon Hilfe erhalten. Vor allem mit der Organisation »The National Institution of Social Care and Vocational Training (NISCVT)«, die vor Ort in den Lagern aktiv ist, arbeitet der Pfullinger Verein eng zusammen und unterstützt über und mit ihm verschiedene Hilfsprojekte. Die Organisation finanziert etwa das Gehalt von Sozialarbeiterinnen oder sorgt dafür, dass die medizinische Versorgung in den Lagern gesichert ist.

Vor allem in den südlichen Lagern ist die Angst groß

Mitte Oktober wäre Rumpf eigentlich, wie schon so oft, in den Libanon gereist, um sich selbst ein Bild von der Situation in den Flüchtlingslagern zu machen. Doch nach dem brutalen Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober war klar, dass an eine Reise in den Nahen Osten aktuell nicht zu denken ist. 70 Kilometer lang ist die Grenze, die sich Israels Norden mit dem südlichen Libanon teilt. Seit Beginn des Krieges wird Israel immer wieder aus dem Libanon beschossen, reagiert darauf mit Gegenschlägen. Auch diese Kämpfe werden immer heftiger - ein weiteres Pulverfass, das zu explodieren droht.

Mit den Vertretern der Partnerorganisation in den palästinensischen Flüchtlingslagern sei sie in regelmäßigem Austausch, erzählt Rumpf. Vor allem in den drei Lagern im Süden des Landes sei die Unsicherheit und Angst angesichts der Angriffe und des fortwährenden Beschusses groß. Viele Menschen seien bereits in Richtung Norden geflohen. Zudem verschärfe der anhaltende Konflikt die Lage der schwächsten Bevölkerungsgruppen im Libanon, die ohnehin bereits mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen haben. Im Lager Burj el Shemali etwa würden viele der Bewohner in der Landwirtschaft arbeiten. Wegen der Luftangriffe könne mitunter die saisonale Oliven- und Zitronenernte nicht eingeholt werden.

Psychologische und psychiatrische Unterstützung wo möglich

»Der Krieg ist Thema in den Familien - von morgens bis abends«, berichtet Rumpf. Auch die psychischen Probleme in den Lagern würden zunehmen, so die Pfullingerin. Die Partnerorganisation gebe ihr Bestes, um den Menschen vor Ort gezielt Unterstützung zu leisten. Wo möglich, gebe es persönliche psychologische und psychiatrische Betreuung, vor allem die Kinder sollen eine Möglichkeit erhalten, ihre Ängste und Sorgen zu formulieren. Zusätzlich sei ein Video erstellt worden, das Eltern und Betreuern in den Lagern Tipps geben soll, wie sie selbst und ihre Kinder besser mit den aktuellen Krisen- und Kriegsbedingungen umgehen können, berichtet Rumpf.

Weitere Hilfsorganisationen wie der Palästinensische Rote Halbmond oder andere Nicht-Regierungsorganisationen würden aktuell Notfallpläne vorbereiten und Erste-Hilfe-Kurse gezielt in den Flüchtlingslagern anbieten. »Falls es tatsächlich zum Schlimmsten kommt.« Wobei gerade die Menschen in den Lagern letztlich oftmals doch auf sich allein gestellt blieben. »Sie müssen sich selbst organisieren.«

Viele palästinensische Geflüchtete leiden mit den Menschen in Gaza

Viele der geflüchteten Palästinenser würden angesichts der humanitären Katastrophe im Gazastreifen mit den Menschen dort fühlen und leiden. »Es lässt auch die Erinnerung an die Vertreibung von 1948 wieder aufleben«, sagt Rumpf und spielt damit auf die Staatsgründung Israels an, nach der sich viele Palästinenser gezwungen sahen, das heutige israelische Staatsgebiet zu verlassen. »Das ist für sie noch immer ein identitätsstiftendes Thema«, betont Rumpf.

Ingrid Rumpf ist seit vielen Jahren Vorsitzende des Vereins Flüchtlingskinder im Libanon.
Ingrid Rumpf ist seit vielen Jahren Vorsitzende des Vereins Flüchtlingskinder im Libanon. Foto: Weber
Ingrid Rumpf ist seit vielen Jahren Vorsitzende des Vereins Flüchtlingskinder im Libanon.
Foto: Weber

Um auf die Situation und das Leid der Palästinenser in Gaza, aber auch im Libanon, aufmerksam zu machen, beteiligt sich Rumpf als Sprecherin des Vereins auch aktuell regelmäßig an Kundgebungen. Mehrfach stand sie etwa in Tübingen gemeinsam mit dem AK Palästina vor den Menschen und berichtete von der Lage in den Flüchtlingslagern, von den Sorgen, Ängsten und Nöten der Menschen dort.

Unterstützung für Kinder besonders wichtig

Doch nicht nur mit Worten, vor allem auch mit Handfestem möchte der Verein Flüchtlingskinder im Libanon Hilfe leisten. Fast 240.000 Euro seien allein dieses Jahr an die Partnerorganisation NISCVT für Bildungs-, medizinische und Investitionsprojekte überwiesen worden, so Rumpf. Mit mehr als 100.000 Euro konnten Patenschaftsprojekte unterstützt werden. Vor allem Hilfe für die Kinder in den Flüchtlingslagern liege dem Verein am Herzen. Denn gerade Kinder seien derartigen politischen Ereignissen oftmals schutzlos ausgeliefert.

So unterhält die Partnerorganisation NISCVT insgesamt sieben Kindergärten für rund 600 Kinder in allen großen Flüchtlingslagern des Libanons. Ein neuer Kindergarten in Bar Elias in der Bekaa-Ebene habe dank der finanziellen Unterstützung des Pfullinger Vereins dieses Jahr eröffnet werden können, berichtet Rumpf. Dort sollen die Kinder in kindgerechter Umgebung ausgelassen toben können, beim gemeinsamen Lernen, Spielen, bei Bewegung und aktiven Angeboten Spaß haben. Es soll ein Ort sein, an dem sie dem tristen und beengten Lageralltag, dem Krieg in Gaza, den Gefechten an der libanesischen Grenze, der Angst vor einer ungewissen Zukunft, entfliehen und einfach Kind sein können - und wenn es nur für ein paar Stunden ist. (GEA)