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Vom Ermstal aus gesehen fehlt kein Stein

DETTINGEN. Aktiven Umweltschützern haben die Dettinger den Blick zu verdanken, der sich vom Calverbühl auf die Nordseite des Ermstales ergibt. Ohne sie gäbe es das Tal in dieser Form wohl nicht mehr, ohne sie sähe die Landschaft anders aus - verkauft für eine Million Mark. Mitte der 1950er Jahre war es, als Dettingen um das »Hörnle« kämpfte, den Höhenrücken, der Erms- und Neuffener Tal trennt, dessen Kalkstein abgetragen werden sollte, um daraus Zement herzustellen, Zement, der überwiegend in der Landeshauptstadt zum Wiederaufbau gebraucht wurde.

Heute ist klar, es wäre eine Sünde gewesen, hätte man dem Druck des Zementwerkes nachgegeben. Dettingens damaliger Bürgermeister Spring hatte durchaus dazu geneigt, das »Hörnle« zugunsten der Gemeindekasse zu veräußern, um aus - zumindest für Dettingen - »unbrauchbarem Gestein, Gold zu machen«. Im Ort ging das Gerücht um, das sei notwendig, um die Schillerhalle zu finanzieren. Spring und andere konnten sich sogar vorstellen, auf der später gewonnenen Fläche einen Campingsplatz anzulegen oder Kasernen zu bauen.

Doch dazu ist es nicht gekommen. Dank Albverein und anderer Naturschützer, auch dank vieler Dettinger, die sich vehement gegen den Verkauf des Bergrückens wehrten und die damit ihrem Schultes und den Bossen des Zementwerkes die Stirn boten. Ein Vorgang, der sich bundesweit in den Medien niederschlug, über den angeblich sogar die New York Times berichtet haben soll. Schließlich ist es nicht alltäglich, wenn eine Gemeinde darüber diskutiert, einen ganzen Berg zu verkaufen.

Vorreiter in direkter Demokratie

Hoch her ging es zu dieser Zeit in Dettingen. Das Zementwerk scheute beispielsweise nicht davor zurück, unliebsame Gegner zu verklagen, wie den Dettinger Handschuhmacher, der eine Fotomontage als »aufgelegten Schwindel« bezeichnet hatte. Eine Aussage, die von dem Mann in einer Bürgerversammlung getroffen wurde, die ohne Wissen der Anwesenden von Vertretern des Zementwerkes mit einem Tonband aufgezeichnet worden war.

Den Verantwortlichen in Dettingen wurde die Sache dann doch »zu heiß«. Das Vorhaben sei dermaßen schwerwiegend, so zitiert die Zeitschrift »Schwäbische Heimat« aus dem Gemeinderatsprotokoll vom 26. Oktober 1956, dass das Gremium keine Entscheidung treffen könne, ohne zuvor die Bürgerschaft nach ihrer Meinung gefragt zu haben. »Damit die Gemeinderäte keine Verantwortung träfe«, sollte in Form eines Bürgerentscheids abgestimmt werden. Der wurde jedoch nicht zugelassen, da es sich im Sinne der Gemeindeordnung um keine allzu wichtige Angelegenheit handelte.

Der Gemeinderat in Dettingen beurteilte dies jedoch anders und wählte deshalb den Weg der Bürgerbefragung. Das Ergebnis war eindeutig: Bei einer Wahlbeteiligung von 81 Prozent stimmten 71,65 Prozent gegen den Verkauf des »Hörnle«. Ein Votum, an das sich der Gemeinderat gehalten hat: Im März 1957 wurde bei zwei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen beschlossen, die Verkaufsverhandlungen mit dem Zementwerk abzubrechen. Die Dettinger waren damit in der noch jungen Bundesrepublik erfolgreiche Vorreiter in Sachen direkter Demokratie.

Der Kampf ums »Hörnle« war aber immer noch nicht ausgestanden: Das Zementwerk plante nun, den Bergkamm zu durchstoßen, um so auf Dettinger Seite Gestein abzutragen. Auch das Wachtertal - die spätere und inzwischen renaturierte Mülldeponie - wurde ins Gespräch gebracht und sollte über Seilbahnen mit Neuffen verbunden werden. Aber auch daraus wurde nichts. Als nächstes verklagte das Zementwerk das Land Baden-Württemberg, das schließlich 1962 der Erweiterung des Steinbruchs zustimmte. Das »Hörnle« allerdings durfte dabei nicht angetastet werden.

1970 wurde der Steinbruch stillgelegt, gleichwohl er längst noch nicht ausgebeutet war. Heute, immer noch umzäunt und inzwischen wieder in Privatbesitz, ist er geschützter Lebensraum für viele bedrohte Arten. (füs)