METZINGEN. Die kleine Hexe. An ihr erstes Buch kann sich Eva Eckstein noch ganz genau erinnern. Sie muss irgendwie elektrisiert gewesen sein von dem Kinderbuch-Klassiker von Otfried Preußler, den sie zur Einschulung geschenkt bekommen hat. »Ich wollte wissen, was drinsteht«, blickt sie zurück. Um's abzukürzen: »Ich habe bis Weihnachten lesen gelernt«, sagt sie, »es hat halt pressiert.«
Bücher haben das Leben von Eva Eckstein bestimmt. Beste Voraussetzungen für ihre Arbeit: Als Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung in der Metzinger Stadtbücherei hat sie ein Berufsleben lang jungen Menschen Lust aufs Lesen gemacht. Von Anfang an war sie in der Kalebskelter für den Kinder- und Jugendbereich und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, von Anfang an war sie auch die stellvertretende Leiterin - aktuell unter Ulrich Koch.
Am 1. Juni 1992 war der erste Arbeitstag der gebürtigen Pfullingerin. An den erinnert sich Eva Eckstein besonders gut, weil sie gleich mal das Klo auswischen musste, weil ein Starkregen das untere Stockwerk der Kalebskelter geflutet hatte. Zuvor hatte sie in Stuttgart Bibliothekswesen studiert - in einer Zeit, in der nur zehn von 240 Absolventen einen Job fanden. Deshalb hatte sie zuvor erst mal im Studentenwerk Tübingen gearbeitet, als Mädchen für alles. Dann endlich die Stelle in Metzingen. Ein Volltreffer.
Eine Stadtbücherei gab's in Metzingen schon länger. Ganz lange, ganz klein und ehrenamtlich. 1988 zog sie in die Kalebskelter, die von 1985 bis 1988 saniert worden war. Mit der Unterkellerung und dem Einbau der hölzernen Empore wurde sie quasi runderneuert, sodass seither auf drei Etagen geschmökert werden kann. Mit dem Umbau kümmerten sich Bibliotheks-Profis darum, Bücher - und später auch Kassetten, Videos, DVDs und andere digitale Medien und zu vermitteln. Inzwischen kommen viele in die Kalebskelter gar nicht nur, um etwas auszuleihen, sondern um Zeitungen zu lesen oder (als Schüler) zu arbeiten.
»Es gibt nichts Schöneres, als Mädchen und Jungen ans Lesen heranzuführen«
Eva Eckstein hat die Kinder- und Jugendabteilung zu dem gemacht, was sie jetzt ist. Ein Anziehungspunkt, der von der Leserschaft ebenso geschätzt wird wie von der Metzinger Stadtverwaltung, die sich die Einrichtung eine Stange Geld kosten lässt. 470.000 Euro macht die Sieben-Keltern-Stadt für die Büchereien insgesamt locker - für die »Zentrale« in der Kalebskelter und den Zweigstellen Neugreuth und Neuhausen. Eva Eckstein ist voll des Lobes.
»Es gibt nichts Schöneres, als Mädchen und Jungen ans Lesen heranzuführen«, sagt Eva Eckstein. Das merkt man ihrer Arbeit an. Ihren Posten in der Kalebskelter hat sie als Lebensaufgabe begriffen, aus Metzingen hat sie's nie weggezogen. Sie hat ihre ganze Leidenschaft in die Metzinger Einrichtung gesteckt. Wer die Lust aufs Lesen wecken will, fängt schon im Kindergarten an: In Metzingen kriegen Vorschüler seit 15 Jahren eine Lesetüte mit einem »Erstlesebuch« (2024: »Pumuckl spielt Fußball«) und einem Gutschein für einen Büchereiausweis. Mit den Grundschülern geht's weiter: Für Zweitklässler gibt's eine Einführung in die Stadtbücherei, für Drittklässler macht Eva Eckstein eine Buchmesse, Viertklässler machen einen Bibliotheksführerschein. Außerdem hat die rührige Frau eine ganze Menge Veranstaltungen »erfunden«, um junge Kundschaft in die Bücherei zu ziehen: das Bilderbuchkino zum Beispiel, oder die Vorlesestunden.
Wertvolle pädagogische Arbeit, die Früchte getragen hat. Es kommt regelmäßig vor, dass junge Mütter oder Väter mit ihrem Nachwuchs in die Stadtbücherei kommen, die als Kinder selbst hier waren. Dann weiß Eva Eckstein, dass sie alles richtig gemacht hat. Anfang August hat sie bei den »lieben Leserinnen, lieben Lesern, lieben Freundinnen und Freunden der Stadtbücherei« per E-Mail ihren Rückzug verkündet. Viele kommen persönlich vorbei, manche bringen zum Dankeschön-und-alles-Gute-für-die-Zukunft-Sagen ein kleines Geschenk mit.
Es geht weiter am Kelternplatz. Mit Judith Wolz wurde eine Nachfolgerin von Eva Eckstein gefunden. Die 39-Jährige, die sich schon seit dem 1. April einarbeitet, ist wie ihre Vorgängerin studierte Bibliothekarin. Eva Eckstein ist glücklich, dass ihre Arbeit nicht nur weitergeht, sondern die Stadtbücherei als Ganzes dank der großzügigen Unterstützung der Stadtverwaltung und des Gemeinderats sogar noch aufgewertet wurde: Das siebenköpfige Team hat an der Stellenzahl gemessen 75 Prozent dazubekommen.

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Menschen, die inmitten Tausender von Büchern leben und arbeiten, irgendwann zu Buch-Autoren werden. Bei Eva Eckstein war aber genau das der Fall. Das kam aber eher zufällig und war mit der anderen Leidenschaft der Frau aus Bronnweiler verbunden. Im Newsletter des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), bei dem sie schon lange Mitglied ist, hat sich gelesen, dass Touren-Führer gesucht werden, deren Vorschläge man zu Papier bringen kann. Aus der Idee sind inzwischen eine ganze Reihe Rad-Führer geworden, die beim Reutlinger Verlag Oertel + Spörer erschienen sind: »Radtouren Schwäbische Alb, Schönbuch, Neckartal«, »Radtouren zu Aussichtstürmen in Baden-Württemberg«, »Radtouren Bodensee mit Hinterland«, »Radtouren Oberschwaben und Allgäu«, »Erlebnisreiche Radtouren. Unterwegs im Nationalpark Schwarzwald und Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord« und »Kurze, erlebnisreiche Radtouren im Kreis RT und TÜ«. Darüber hinaus zeigt Eva Eckstein auf ihrer Homepage ( www.eckstein-radtouren.de), was sie in Sachen Rad im Angebot hat. »Sport ist dabei die Nebensache«, sagt sie, »mir geht's darum, entspannt die Landschaft zu genießen.« Wobei ein bisschen Schinden schon sein darf: Bis jetzt ist Eva Eckstein nach wie vor ohne E-Antrieb unterwegs.
Hat jemand, der die ganze Zeit von Büchern umgeben ist, abends und am Wochenende und im Urlaub nicht genug von Buchstaben? Ganz im Gegenteil: Eva Eckstein schmökert gut und gern zwei Bücher pro Woche weg. Ein Buch darf durchaus am Anfang ein bisschen zäh sein, sagt die Berufs-Leserin. Zwanzig, dreißig Seiten, vielleicht auch mal fünfzig, in denen der Funke noch nicht so recht überspringt - dann sollte es aber schon zünden, findet sie. Wenn nicht, kommt das Buch weg. »Das ist das Tolle von öffentlichen Bibliotheken: Gefällt mir das Buch nicht, bring ich's wieder zurück«, sagt sie, »ich muss mir keine Gedanken über eine Fehlinvestition machen.«
Ein paar Bücher hat auch die radelnde Leseratte schon zwei Mal gelesen. »Das ist in meinem Leben schon hin und wieder passiert«, sagt sie, »aber eigentlich liebe ich die Vielfalt.« Also immer wieder neue Bücher, die neue Welten erschließen. Die 62-Jährige geht mit viel Offenheit und Neugier in den Ruhestand. (GEA)

