REUTLINGEN. Es ist fast unwirklich. Ein Stück deutscher Rockgeschichte schlägt in Reutlingen auf. Tocotronic haben die Hamburger Schule mitbegründet, das Genre des Diskurspop fast im Alleingang definiert. Jetzt stehen sie hier auf der Bühne in der süddeutschen Provinz. Vor einem Publikum, das in Erinnerungen an eine rebellische Jugend schwelgt. Von oben kühlt zäher Landregen die Leiber, das Licht der Scheinwerfer verfängt sich im Laub der Platanen. »Es ist irgendwie magisch hier«, sagt Sänger Dirk Lowtzow.
Kurz zuvor noch hat die Band Kaufmann Frust den Platz in dröhnenden Weltschmerz-Rock gehüllt. Jetzt tritt dank Lowtzow ein neues Element hinzu. Ironie. »Ihr Lieben«, redet er das Publikum an. »Freundinnen und Freunde.« Nach zwei Stunden und drei Zugabenblöcken wird er sich ausgerechnet mit der Zeile verabschieden: »Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse.«
Ausgelassene Stimmung
So ist das mit Tocotronic. Lowtzow singt gegen Zwänge und Restriktionen an. Aber immer schwingt etwas Verspieltes mit. Die 800 unter den nassen Platanen haben mit Tocotronic in den 1990ern ihre wilde Jugend erlebt. Jetzt ist man in seinen 30ern bis 50ern, kann auf das alles mit mildem Lächeln zurückblicken. Und eine ausgelassene Party draus machen. »Komm mit in meine Freiheit«, singt Lowtzow, und schon ist der ganze Platz in Bewegung. »Aber hier leben ...«, ruft Lowtzow - und die Menge vollendet wie aus einem Mund die Liedzeile: »... nein danke!«
Gemeinsam taucht man ab in die Zeiten, als man aus der Enge von Elternhaus und Heimatort floh. »Electric Guitar« ist der Song dazu. »Es ist ein Mémoire«, sagt Lowtzow gewählt mit dem französischen Ausdruck. Anfangs wirkt er wie der freundliche Buchhändler von nebenan. Sakko überm T-Shirt, witzelt, ob er sich als Badener (er stammt aus Offenburg) hier überhaupt blicken lassen kann. Bald mischen sich in die Buchhändlerverbindlichkeit neue Züge. Lowtzow ist Spötter und Einheizer, Clown und Mephistopheles, Analytiker und dunkler Poet. Er wütet und säuselt, er raunt die Zeilen, bellt sie ins Mikro, irgendwann fliegt das Sakko ins Eck. Und immer wieder ist er der Zeremonienmeister eines mild-anarchischen Humors.
Schlichte Melodien, dröhnende Gitarren
Schnörkellos ziehen sie ihr Programm durch. Arne Zank macht mächtig Dampf am Schlagzeug, Jan Müller sorgt am E-Bass für viel Druck. Rick McPhail lässt an der Leadgitarre schlichte Melodien aufsteigen, denen er durch Tremolieren oder Wah-Wah-Effekt eine wundersame Magie verleiht. Mal quirlen aufgekratzte Tanzrhythmen den Platz durch. Mal heben dröhnende Gitarrenklangfelder ihn in andere Sphären. Schon erdet wieder eine witzige Zeile all das Pathos. Tocotronic, das ist kraftvoll treibender Rock mit intellektuell ausgeklügelten Texten, in dessen Mitte eine anarchische Kindlichkeit wohnt.
Sie scheinen sich wohlzufühlen auf diesem Platz mit den nassen Platanen und all den durchfeuchteten Tanzenden, die vier Herren auf der Bühne. »Freundinnen und Freunde, wir haben viele Feste zusammen gefeiert«, frohlockt Lowtzow. Aber dieses hier sei ein besonderes. Bei aller verspielten Ironie ist vielen seiner Texte auch eine dunkle Poesie eigen. Eine dunkle Poesie, die nun nahtlos mit der wolkenverhangenen Atmosphäre auf dem Platz verschmilzt.
Hafensoundsfestival - Bilanz
6.500 Besucher bei acht Konzerten im Echaz-Hafen
Trotz teils widrigen Wetters haben die Veranstalter des franz.K eine positive Bilanz des Hafensounds-Festivals gezogen. Insgesamt kamen rund 6.500 zu den acht Konzerten, etwa so viele wie beim letzten Festival. Spitzenreiter war der Auftritt von Culcha Candela mit 1.800 Besuchern gefolgt von Bosse (1.400), Das Lumpenpack (900), Sophie Hunger/Bonaparte und Tocotronic (je 800), Jakob Manz (500) und Fortuna Ehrenfeld (200). Einen Besucherrekord verhinderte nicht zuletzt das Wetter. Bei Das Lumpenpack schüttete es zwischendurch, bei Tocotronic gab's Dauerregen, bei Fortuna Ehrenfeld ging kurz vor Beginn massiver Hagel und Starkregen nieder. Der Echaz-Hafen überstand das franz.K-Leiter Andreas Roth zufolge unbeschadet - anders als das franz.K-Hauptgebäude: Dort drang Regen durchs Dach, drückte Wasser durch Leerrohre im Keller ins Haus. (akr)
Einmal in all dem dunkelfeucht-tanzlustigen Treiben lässt Lowtzow sich anstelle der E-Gitarre eine akustische geben. Und gleitet mit dem Lied »Ich tauche aus dem Wasser auf« in ein Bild des Sich-Verliebens von elektrisierender Sprachgewalt. Gehüllt in anrührend ruhige-zarte Klänge. Als wären wir inmitten dieses Wirbels von Regen und Tanzlust im Auge des Sturms angelangt. Wo für einen Moment sogar die Ironie von Lowtzow abfällt. Einen Moment lang hält alles den Atem an. Und dann geht sie weiter, die Feier einer längst vergangenen rebellischen Jugend in ironisch gewitzten Liedern zu treibendem Rock. (GEA)


