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Aktuell Kunst

Nofretete tief in die Augen schauen

Während die Museen wegen der Coronakrise geschlossen sind, boomen virtuelle Rundgänge im Netz

Im digitalen Angebot der Staatlichen Museen zu Berlin kommt man näher an die Büste der altägyptischen Königin Nofretete heran al
Im digitalen Angebot der Staatlichen Museen zu Berlin kommt man näher an die Büste der altägyptischen Königin Nofretete heran als auf der Museumsinsel. FOTO: DPA
Im digitalen Angebot der Staatlichen Museen zu Berlin kommt man näher an die Büste der altägyptischen Königin Nofretete heran als auf der Museumsinsel. FOTO: DPA

BERLIN. Alles ruht. Museen, Galerien und Kunstvereine – verwaist. Viele Ausstellungen, die nominell noch gar nicht zu Ende sind – bereits abgebaut. Lediglich Präsentationen mit längerer Laufdauer werden fürs Erste nicht angerührt. In der vagen Hoffnung, sie vielleicht doch noch zeigen zu können. Und wäre es nur für ein paar Tage

Nicht ausgeschlossen, dass die Corona- krise die Ausstellungshäuser zu einem neuartigen Geschäftsmodell animiert: Kunst sozusagen frei Haus, übers Internet, direkt an den Rezipienten ins traute Heim geliefert. Man sieht ihn schon vor sich, den Ausstellungsbesucher der Zukunft: als User in Schlabberhose und Pantoffeln, mit Maus und Bierchen neben der Tastatur, wie er durch nunmehr virtuelle Ausstellungen navigiert.

Direktorin Ulrike Groos begrüßt zum digitalen Rundgang im Kunstmuseum Stuttgart.
Direktorin Ulrike Groos begrüßt zum digitalen Rundgang im Kunstmuseum Stuttgart. Foto: Armin Knauer
Direktorin Ulrike Groos begrüßt zum digitalen Rundgang im Kunstmuseum Stuttgart.
Foto: Armin Knauer

Neben der Virensicherheit von Präsentationen dieser Art hätten sie für Museen noch weitere Vorteile. Etwa den, dass die bei hochkarätigen Ausstellungen nicht selten immensen Versicherungssummen entfielen, zumindest deutlich reduziert würden. Abgesehen von dem freilich entscheidenden Nachteil, die Kunst nicht in echt zu sehen, hat auch der Kunstbetrachter am Monitor Vorteile. So kann er sich im virtuellen Rundgang ungestört und frei über den Parcours bewegen. Und muss sich nicht mehr den Hals verrenken, um ein Gemälde zu sehen, vor dem gerade eine geführte Gruppe haltgemacht hat.

Große Museen als Vorreiter

Ist die Präsenz in Social-Media-Kanälen für Museen und Galerien längst Pflicht, so existieren Angebote in Sachen digitales Museum bei vielen Ausstellungshäusern, zumal den kleineren, häufig noch nicht – bei Leuchttürmen wie der Staatsgalerie Stuttgart dagegen schon (staatsgalerie.de/sammlung/sammlung-digital/nc.html). 17 774 der gut 30 000 digital erfassten Objekte bietet das Museum aktuell im Internet an. Neben Exponaten aktueller Sonderausstellungen und den über tausend Objekten der Schausammlung findet man auf der Website momentan 561 Werke internationaler Kunst von 1900 bis 1980. Dazu 3 150 Zeichnungen aus der Sammlung – stets mit Objektdaten und Beschreibung – sowie weitere digitale Bildangebote.

Das Staedelmuseum hat digital viele Angebote, sogar einen Kunstkurs.  FOTOS: KNAUER
Das Staedelmuseum hat digital viele Angebote, sogar einen Kunstkurs. FOTOS: KNAUER Foto: Armin Knauer
Das Staedelmuseum hat digital viele Angebote, sogar einen Kunstkurs. FOTOS: KNAUER
Foto: Armin Knauer

Beim Württembergischen Landesmuseum (landesmuseum-stuttgart.de) in Stuttgart kommt zu den annähernd 34 000 digitalisierten Objekten ein 3-D-Rundgang durch die Ausstellung »Legendäre Meisterwerke« hinzu – eine Kulturgeschichte Württembergs im Zeitraffer. Einzelne Abbildungen sind frei verwendbar. Das Kunstmuseum Stuttgart hat just dieser Tage einen Online-Rundgang durch den glasverkleideten Kubus am Schlossplatz freigeschaltet. Eine Auswahl von Schlüsselwerken ist in Nahaufnahme und mit Erläuterungen zu sehen, zur Einstimmung grüßt Museumsleiterin Ulrike Groos von einem Video ( www.kunstmuseumdigital.de). Mehr soll bald kommen.

»Online in der Sammlung stöbern« kann man auch auf der Seite der Kunsthalle Karlsruhe (kunsthalle-karlsruhe.de/ sammlung). Hans Thomas formidabel gezeichneter »Kopf der Mutter des Künstlers« lässt sich hier so gut im Detail studieren wie Rembrandts Selbstbildnis um 1645/48. Die 7 767 Objekte sind nach Gattungen, Techniken oder Epochen filterbar.

Virtueller Katalog am ZKM

Das Badische Landesmuseum in der Fächerstadt bietet Teile seiner Sammlung online an (katalog.landesmuseum.de) und stellt täglich ein Objekt in einem Video vor. Der virtuelle Katalog der 8 000 Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts des ZKM Karlsruhe (zkm.de/de/sammlung-archive) lässt sich nach Techniken, Titeln und Entstehungsjahren aufschlüsseln. An der Auflösung der Abbildungen könnte man hier wie bei den meisten bisher genannten Ausstellungshäusern noch feilen.

Szene aus einem Virtual-Reality-Film zum Mittelalter des Landesmuseums Württemberg.
Szene aus einem Virtual-Reality-Film zum Mittelalter des Landesmuseums Württemberg. Foto: Armin Knauer
Szene aus einem Virtual-Reality-Film zum Mittelalter des Landesmuseums Württemberg.
Foto: Armin Knauer

So auch beim Zeppelin Museum in Friedrichshafen, das gerade begonnen hat, seine Sammlung von 6 000 Technikobjekten und 4 000 Kunstwerken online zu stellen; momentan sind 100 Objekte zugänglich (digitalesammlung.zeppelin-museum.de). Virtuell geradezu glänzend aufgestellt ist die Biennale für aktuelle Fotografie 2020 in Heidelberg, Ludwigshafen und Mannheim (biennalefotografie.de). Zu allen sechs Ausstellungen werden 3-D-Rundgänge im Netz angeboten. So nah, als stünde man unmittelbar davor, kann man sich dabei an jedes einzelne Objekt heranzoomen. Wünschenswert wäre noch eine Einzelbilddarstellung in hochauflösender Bildqualität.

Manche verschliefen den Trend

Legt man als Maßstab große Häuser zugrunde, die den Trend zur Digitalisierung bisher verschlafen haben, wie etwa die Kunsthalle Schirn Frankfurt, schneidet das Ländle im deutschlandweiten Vergleich nicht schlecht ab. Nur ein Trostpflaster ist es, dass man auf der Schirn-Website zahlreiche Abbildungen und kurze Texte zur tollen Sonderausstellung »Fantastische Frauen« findet (schirn.de/ fantastischefrauen/digitorial/). Allerdings wird überall mit Hochdruck an digitalen Angeboten gearbeitet. So hat auch die Schirn mittlerweile Podcasts und Videos zur Kunst online. Beim Staedelmuseum in Frankfurt hat man früher auf Digitalisierung gesetzt, hier gibt’s sogar einen digitalen Kurs zur Kunstgeschichte der Moderne im Netz. Die großen bayerischen Museen marschieren im digitalen Sektor mit an der Spitze. Beim Deutschen Museum in München, dem größten Technikmuseum weltweit, kann der Webseiten-Besucher virtuell durch einen großen Teil der Ausstellungen flanieren (digital.deutsches-museum.de). Der Online-Katalog umfasst bereits gut 18 000 der über 100 000 Objekte des Museums. Auch die drei Pinakotheken ( www.sammlung.pinakothek.de) bieten neben Galerien von Meisterwerken beispielsweise virtuelle Rundgänge mit ausgewählten Werken an. Auch hier könnte man sich noch eine etwas bessere Auflösung der Abbildungen vorstellen.

Ganz vorzüglich präsentieren sich digital die Staatlichen Museen zu Berlin (smb.museum/home.html). Die weltberühmten Häuser der Museumsinsel wie das Pergamonmuseum oder das Bodemuseum lassen sich in 3-D-Rundgängen erkunden (smb.museum/ueber-uns/google-arts-culture), die Sammlungen wie die der anderen Häuser in digitalen Katalogen durchblättern (smb-digital.de/eMuseumPlus). Dazu gibt es etliche 3-D-Animationen oder, sehr ansprechend aufbereitet, »versteckte Geschichten hinter den Meisterwerken«: etwa zu Manets »Wintergarten« oder Daubignys »Frühlingslandschaft«. Und zwischendurch sieht man Nofretete in hoher Auflösung aus Zwiegesprächsdistanz tief in die Augen.

Schweizerische Gründlichkeit

Und wie sieht es mit den digitalen Angeboten bei unseren Nachbarn aus? Das Musée Unterlinden (musee-unterlinden.com/de) enttäuscht komplett, während das Kunstmuseum Basel mit schweizerischer Gründlichkeit seine umfangreiche Sammlung digitalisiert und zahlreiche Werke in hochauflösender Bildqualität ins Netz gestellt hat (kunstmuseumbasel.ch/de/sammlung/meisterwerke).

Auch das Kunsthaus Zürich bietet die bis heute rund zehn Prozent digitalisierten Kunstwerke seiner hochkarätigen Sammlung im Netz an – mit Objektangaben und »Werkbeschrieb«.

Selbstverständlich können digitale Angebote die unmittelbare Begegnung mit dem jeweiligen Original vor Ort mitnichten ersetzen. Immerhin ermöglichen sie es dem Betrachter, sofern eine hochauflösende Aufnahme zur Verfügung steht, dem Objekt so nah zu kommen wie selbst beim Museumsbesuch nicht.

Auch Google bietet digitale Kunst

Ein unerschöpflicher Bilderfundus in dieser Hinsicht ist die Website artsandculture.google.com. Hier findet man Zigtausend der berühmtesten Kunstwerke in hochauflösender Bildqualität: Werke von 129 Kunstrichtungen und annähernd 10 000 Künstlern (allein von Rembrandt werden nicht weniger als 2 040 Gemälde und Grafiken geboten) – dazu virtuelle Rundgänge durch die berühmtesten Museen wie die National Gallery in London, die Uffizien in Rom oder das Pariser Musée d’Orsay, das Wiener Belvedere, das Rijksmuseum in Amsterdam (154 511 Objekte!) oder die Berliner Museen neben unzähligen weiteren Museen.

Digitale Querschnitte speziell durch deutsche Museumsammlungen bietet das Portal museum-digital (nat.museum-digital.de): rund 350 000 kunst- und kulturgeschichtliche oder sonstige Objekte von annähernd 600 Museen. (GEA)