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Aktuell Reportage

Der Reutlinger Alex Uhl ist Tarzans Bassist

»Du hast doch dein Hobby zum Beruf gemacht.« Diese Aussage hört der Bassist Alex Uhl aus Degerschlacht nicht so gern. Kein Wunder, denn der Tag eines Menschen, der von der Musik lebt, ist nicht nur extrem strukturiert, sondern auch ziemlich arbeitsreich. Der GEA hat den Musiker nach Stuttgart zu einem Musical-Auftritt von »Tarzan« begleitet - und Einblicke in ein Business gewonnen, das viel abverlangt.

Die junge Biologin Jane erkundet den Dschungel. Vajèn van den Bosch verkörpert im Musical in Stuttgart Tarzans große Liebe.
Die junge Biologin Jane erkundet den Dschungel. Vajèn van den Bosch verkörpert im Musical in Stuttgart Tarzans große Liebe. Foto: Johan Persson für Stage Entertainment & Disney
Die junge Biologin Jane erkundet den Dschungel. Vajèn van den Bosch verkörpert im Musical in Stuttgart Tarzans große Liebe.
Foto: Johan Persson für Stage Entertainment & Disney

REUTLINGEN-DEGERSCHLACHT/STUTTGART. Über viele Klischees, die Alex Uhl wegen seines Berufs zu hören kriegt, kann der Musiker schmunzeln: »Hin und wieder werde ich gefragt, was ich denn so tagsüber mache, vor dem kurzen Auftritt am Abend.« Auch darüber, dass manche seiner Gesprächspartner nicht wissen, dass man Musik studieren kann oder das Instrument nicht erst wählt, wenn man sich zum Erstsemester an der Universität einschreibt. »Man muss vorspielen, bevor man überhaupt studieren darf. Das ist auch wirklich fordernd und anstrengend.« Die Konkurrenz ist hart. Noch härter, wenn es um Festanstellungen in Ensembles oder bei Institutionen geht.

Zwei Musicals im Wechsel

Worüber Uhl daher nicht schmunzeln kann, ist die Aussage, man hätte das Hobby zum Beruf gemacht. »Du musst deinen Lebensunterhalt verdienen. Das ist schon eine andere Herangehensweise.« Seit über 30 Jahren verdient der zweifache Familienvater sein Geld als Bassist. Die längste Zeit seiner Karriere ist er fest angestellt beim Unternehmen Stage Entertainment, das in Stuttgart das Apollo und das Palladium Theater betreibt, in denen nahezu täglich Musicals aufgeführt werden. An einem Dienstagabend ist er deshalb auf der B27 Richtung Landeshauptstadt unterwegs, die Strecke kennt er in- und auswendig. Abfahrt ist um 17 Uhr, da die Vorstellung dienstags schon eine Stunde früher, um 18.30 Uhr, beginnt.

Im wöchentlichen Wechsel spielt Uhl den Bass bei »Tina - das Musical« und bei »Tarzan«. Samstag und Sonntag doppelt, da zwei Vorstellungen am Wochenende die Norm sind. Montag ist frei. »Früher habe ich Proben oder Studiotermine auf diesen Tag gelegt, das mache ich jetzt aber nicht mehr so. Da bin ich achtsamer geworden.« Sechs Konzertabende in der Woche, das kann schlauchen. Normalerweise ist Uhl gegen 23 Uhr zu Hause, schlafen geht er dann noch nicht unbedingt. Zu viel Adrenalin.

In Cargohose und Sweatjacke

An diesem Dienstag ist »Tarzan« dran. Normalerweise sitzen die Musiker im sogenannten Graben zwischen Bühne und Zuschauerreihen. Bei dem Dschungelmusical ist das anders: »Die ganze Bühne ist für die Darsteller reserviert, der Graben überbaut. Wir spielen im Studio und werden live in den Saal übertragen.« Deshalb darf es heute die bequeme Cargohose mit legerer Sweatjacke sein. Bei »Tina« ginge das nicht - da ist die Band Teil der Show und passend kostümiert.

Der Bassist Alex Uhl spielt seit Jahrzehnten in Musical-Orchestern und verschiedenen Bands.
Der Bassist Alex Uhl spielt seit Jahrzehnten in Musical-Orchestern und verschiedenen Bands. Foto: Paul Runge
Der Bassist Alex Uhl spielt seit Jahrzehnten in Musical-Orchestern und verschiedenen Bands.
Foto: Paul Runge

Vom Parkhaus bis zum Studio sind es nur ein paar Stockwerke. Teures und schweres Equipment muss nicht geschleppt werden, das ist alles schon aufgebaut. Nach einer Begrüßung an der Pforte folgt zuerst der Eintrag in die »Sign-in-Liste«: »Wir müssen spätestens eine halbe Stunde vor Beginn da sein. Wenn eine Unterschrift auf der Liste fehlt, gibt's Panik«, erklärt Uhl schmunzelnd. Aber die Musiker kommen. Immer. »Selbst wenn du drei Wochen Karibik gebucht hast und nur für einen Tag keine Aushilfe hast, dann fliegst du nicht.« Noch ist genug Zeit für ein Abendessen in der hauseigenen Kantine, ein Käffchen und ein Kippchen. Überall tummeln sich bereits Tänzer und Akrobaten in Maske und Bademänteln, essen und quatschen. Niemand hetzt herum oder brüllt hysterische Anweisungen. Die Szenen aus gängigen Hollywood-Streifen wirken in Anbetracht der professionellen Ruhe maßlos überzeichnet.

Reaktionen fehlen komplett

Ähnlich gelassen geht es auch im Studio zu, aus dem die acht Musiker für die rund 1.800 Menschen spielen, die in das Theater passen. Wie viele Zuschauer es heute wirklich sind, wird die Band nicht erfahren - per Liveschalte sehen die Musiker lediglich die Bühne, nicht aber das Publikum. »Die Reaktionen fehlen komplett, auch akustisch kriegen wir nichts mit. Egal, ob die Leute gut drauf sind oder überhaupt jemand da ist«, sagt Uhl und lacht. Ihn selbst stört das nicht, manche Kollegen aber schon. »Die wollen wenigstens im Graben sitzen und mit im Saal sein.«

Zwei Keyboarder, zwei Percussion-Künstler, ein Schlagzeuger, ein Flötist, ein Gitarrist und ein Bassist - das ist die Band, die Phil Collins' Musik an diesem Abend spielt. Auf engstem Raum umringt sie den Dirigenten Boris Ritter, der auf einem kleinen Podest - für alle gut sichtbar - selbst am Keyboard sitzt und die professionellen Musiker anweist. Was Uhl bei der Aufführung über die Headphones hört, ist nicht die ganze Bandbreite der schillernden Klänge, sondern nur das für ihn Wesentliche: Die klaren Anweisungen von Ritter, das Schlagzeug, die Percussion und das regelmäßige Ticken des Metronoms im gewünschten Takt, das nur für die Musiker hörbar ist. Der Rest der Performance - wie die Stimmen der Darsteller auf der Bühne - ist nur leise im Hintergrund zu vernehmen. »Besonders mit den rhythmischen Instrumenten muss ich gut harmonieren«, erklärt der Bassist beim Warmspielen. An einem kleinen Soundboard kann er per Regler die Lautstärke der entsprechenden Quellen anpassen.

Mama Mia meets Udo Jürgens

Das Show-Ensemble Musicalpeople tritt mit »Mamma Mia meets Udo Jürgens« am Montag, 26. Februar, um 20 Uhr im Apollo Theater in Stuttgart auf. Dabei vereinen Musiker und Sänger die größten Hits der schwedischen Kultband Abba und Stücke von Udo Jürgens in einer fulminanten Liveshow. (GEA)

www.musicalpeople.de/tickets

Wirklich nervös ist der Musiker vor seinen Auftritten nicht. »Ein bisschen Druck ist schon da, das ist auch wichtig«, sagt Uhl. Das zeige ihm, dass er seine Performance nicht auf die leichte Schulter nimmt. Von abergläubischen Ritualen vor einem Konzert hält er nichts. »Es gibt da für mich keine Regeln. Es kann mit Stress und Unruhe davor ein gutes Konzert werden, und manchmal läuft davor alles glatt und es wird nichts.« Knapp drei Stunden dauert die Darbietung, 20 Minuten davon Pause zwischen den Akten - ein »komprimierter 8-Stunden-Tag«, wie Uhl es scherzhaft nennt.

Zwölf Stunden sind die Norm

Das täuscht allerdings über die weiteren Verpflichtungen hinweg, um die sich der Bassist täglich kümmern muss. Morgens kümmert sich Uhl um sein »Büro«, wie er es nennt. Denn neben seinen täglichen Musical-Auftritten und der Organisation der Schichtpläne für die Bassisten hat der Familienvater noch zahlreiche andere Projekte. Mit den Hot Damn Horns, einer Stuttgarter Funkband, stand er Anfang Januar im Bix auf der Bühne. »Da wird es eine Platte geben und wir gehen im Februar ins Studio«, erklärt Uhl. Ebenfalls spielt er bei der Show »Mamma Mia meets Udo Jürgens« mit, die er vor einigen Jahren zusammen mit Kollegen maßgeblich mit auf die Beine gestellt hat und die Ende Februar wieder zu sehen sein wird.

All das erfordert viel Organisation und Struktur. Nachmittags werden die zahlreichen Stücke geübt, die Uhl spielt. Hin und wieder bleibt noch ein Stündchen Zeit für Sport, ehe es nach Stuttgart geht. Bei dem Pensum kann ein Arbeitstag mal zwölf Stunden dauern. Aber man mache den Job ja auch aus Leidenschaft: »Ohne geht es nicht.« Glücklicherweise blieb für Uhl eine große Schaffenskrise in den vergangenen Jahrzehnten aus.

Keine Worte nötig

Als sich der Vorhang hebt, ist die Konzentration im Raum greifbar. Neben einem sanften »Standby« von Ritter vor den ersten Takten sind sonst keine Worte nötig: Die Einsätze sitzen. Der Dirigent behält den Fortschritt der Show auf dem Bildschirm genau im Auge und gibt den Musikern die entsprechenden Anweisungen. Licht, Gesang und Musik müssen perfekt aufeinander abgestimmt sein, bei jedem Auftritt wird alles gegeben. »Die Menschen erwarten und verdienen eine perfekte Performance«, weiß Uhl. Schlechte Tage müssen - was die Leistung angeht - spätestens beim ersten Heben der Takthand enden.

An diesem Dienstagabend verläuft die Show zur Zufriedenheit der Musiker. Bevor es für alle nach Hause geht, stehen einige noch bei einem Feierabendgetränk zusammen. Um »Tarzan« geht das da nur bedingt - um 22 Uhr ist dann auch endlich mal Feierabend. (GEA)