REUTLINGEN. Johannespassion? Da denkt man sogleich an Johann Sebastian Bach. Die Leidensgeschichte Jesu nach dem Evangelisten Johannes hat jedoch auch der 1935 geborene estnische Komponist Arvo Pärt vertont. Diese Version stellt der Reutlinger Philharmonia Chor am 23. März in der Christuskirche vor. Pärts Fassung ist dabei wie ein Gegenmodell zu Bach. So dramatisch aufgewühlt das Passionsgeschehen beim Thomaskantor, so meditativ in sich ruhend ist es bei seinem 250 Jahre später geborenen Kollegen.
Chorleiter Martin Künstner hat das Stück bei einer Aufführung vor 20 Jahren mit dem Südwestdeutschen Kammerchor in der Tübinger Stiftskirche kennengelernt. Er spielte damals den Oboenpart. Tief beeindruckt sei er gewesen. Weshalb er das Werk nun mit seinem Chor aufführen will. Das Wagnis gehe er auch deshalb ein, weil sich der Chor bereits im vergangenen Jahr an zeitgenössische Musik herangetastet hat. Damals war man an zwei Uraufführungen im Eröffnungskonzert der Nürtinger Gitarrenfestspiele beteiligt.
Konzertinfo
Der Philharmonia Chor Reutlingen führt die »Johannespassion« von Arvo Pärt am Samstag, 23. März, um 19 Uhr in der Reutlinger Christuskirche auf. Solisten sind Linda Bennett, Sopran, Mirjam Kapelari, Alt, Marcus Elsässer, Tenor, Jan-Henrik Witkowski, Bass, sowie Teru Yoshihara als Jesus und Martin Höhler als Pilatus. Von der WPR spielen Timo de Leo, Geige, Dennis Jäckel, Oboe, Christian Adamsky, Cello, und Irene de Marco, Fagott. Die Orgel spielt Stephen Blaich, die Leitung hat Martin Künstner. (GEA)
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Nur dass die Schwierigkeiten bei Arvo Pärt anderer Natur sind. Bei ihm ist es die radikale Konzentration aufs Wesentliche, die herausfordert. Jeder einzelne Ton sei wichtig, betont Künstner. Und die Chorvorsitzende Irene Kellner-Langanky ergänzt: Die Stimmen vieler Sänger müssten hier zu einem einzigen Ton verschmelzen.
»Tintinnabuli« hat Pärt seine Kompositionsweise genannt, abgeleitet vom lateinischen Wort für Glöckchenspiel. Immer gibt es zwei Ebenen bei ihm: eine mit der Melodie - sie steht für das Geschehen in der vergänglichen Welt; und eine mit glöckchenartigen Dreiklangsfeldern - sie steht für die Ewigkeit. Künstner zeigt es in der Partitur: Wenn der Chor singt, widmen sich zwei Stimmen der Melodie, die beiden anderen den Dreiklangstönen. So ist die irdische Handlung der Passion eingebettet in den Ewigkeitshorizont der Heilsbotschaft.
In Ebenen gegliedert
Auch großräumig schichtet Pärt das Geschehen in Ebenen: Ein Teil der Musiker steht unten im Altarraum, ein Teil auf der Empore. Unten sind vier Gesangssolisten als Evangelisten, unterstützt von Geige, Oboe, Cello und Fagott. Oben sind zwei weitere Sänger als Jesus und Pilatus sowie der Chor als »Volk« und der Organist. Unten wird die Geschichte erzählt, die sich oben als Handlung abspielt.
Bei Pärt entlädt sich indes kein Volkszorn in »Turbae«-Chören - die Stimmung bleibt verinnerlicht. Schmerz und Emotion werden vor allem durch harmonische Färbungen verdeutlicht. Was Bach als Drama erzähle, sei bei Pärt ein großes Gebet, so Künstner. Eine innere Versenkung, in die man zu Beginn mit absteigenden Tönen eintaucht. Und aus der man am Ende mit aufsteigenden Tönen in Richtung Auferstehung auftaucht.
Konzentration der Mittel
Wegen der Konzentration der Mittel brauche es sattelfeste Sänger und Instrumentalisten. Den Jesus wird Bassist Teru Yoshihara singen, den Pilatus Martin Höhler. Zum Evangelisten-Quartett gehören Linda Bennett, Mirjam Kapelari, Marcus Elsässer und Jan-Henrik Witkowski. Für das Instrumentalquartett hat Künstner auf Musiker der Württembergischen Philharmonie zurückgegriffen: Timo de Leo an der Geige, Dennis Jäckel an der Oboe, Christian Adamsky am Cello und Irene de Marco am Fagott. Die Orgel spielt der Metzinger Kantor Stephen Blaich.
Künstner und Langanky wollen mit dem Chor weiter dran bleiben an der Aufführung auch zeitgenössischer Stoffe. Der Chor ziehe mit - nun hoffen sie, dass auch das Publikum sich begeistert für Arvo Pärts meditative Tonwelten. (GEA)

