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Aktuell Ausstellung

Bilder der unberührten Natur: Arbeiten der Tübingerin Christine Dohms

Christine Dohms zeigt in der Reutlinger Produzentengalerie Pupille fotografische Arbeiten und Ölgemälde: Naturerleben jenseits des Realismus.

Christine Dohms in der Produzentengalerie Pupille.
Christine Dohms in der Produzentengalerie Pupille. Foto: Thomas Morawitzky
Christine Dohms in der Produzentengalerie Pupille.
Foto: Thomas Morawitzky

REUTLINGEN. Der Blick geht nach außen, der Blick geht nach innen. Die Tübinger Künstlerin Christine Dohms zeigt in der Reutlinger Produzentengalerie Pupille eine Ausstellung mit dem Titel »Lightscapes« – Schichtungen von fotografischen Aufnahmen der Natur um Reutlingen werden dort gekontert durch die malerischen Bilder innerer Landschaften.

Die Erfindung der Fotografie hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Malerei, ihre Techniken, Themen, ihr Selbstverständnis, ihre Ästhetik. Davon spricht Susan Klemm anlässlich der Eröffnung der Ausstellung. »Die eigentliche Revolution«, so Klemm, »begann mit den Impressionisten. Da der Zwang, realitätsgetreu abbilden zu müssen, entfallen war, konnte sich die Malerei vom Gegenstand lösen. Eine nie da gewesene Freiheit der Malweise und des Farbauftrags entstand.«

Malen mit der Kamera

Der Impressionismus wiederum hinterließ seine Spuren, prägt die Malerei in seiner zugleich sinnlichen und analytischen Aufschlüsselung visuellen Erlebens bis heute. Man wird kaum eines der vielen fotografischen Bilder betrachten können, die Christine Dohms aus Aufnahmen zusammenstellte, die nahe am Wasser entstanden, die Bewegungen der Wasseroberfläche, ihre Spiegelungen wiedergeben, ohne dabei an Monets berühmten Seerosenteich zu denken. Die Wirkungen, die Dohms in ihrer Malerei erzielt, sind jenen des Impressionismus ähnlich, bis zu einem gewissen Grad; der Weg, den sie geht, ist ein anderer. Sie entfernt sich mit den Mitteln jener Technologie, die den größten Realismus der Abbildung ermöglicht, von eben diesem Anspruch; sie will mit der Kamera malen.

Die zwölf Fotoarbeiten, die Dohms in der Pupille zeigt, bestehen ausschließlich aus übereinandergeschichteten Aufnahmen, die in der Natur entstanden. Das Ziel der Künstlerin ist es, den realistischen Eindruck zu mindern, durch die Überlagerung malerische Effekte hervorzurufen. Sie zeigt Schichten von Grün und flirrendem Wasser, die zu einer Einheit verschmelzen, einem Gewebe aus dunkleren und helleren Grüntönen, aus kleinen Wellen, Bäumen, Büschen, Licht und Schatten: Sehr starke Eindrücke des Naturerlebens, die sich der Suche nach Formen, greifbaren Bedeutungen, entziehen.

Wende in der Coronazeit

Christine Dohms wurde 1963 in Stuttgart geboren, lebt in Tübingen, fühlt sich Reutlingen dabei sehr verbunden: »Hier liegt meine künstlerische Heimat«, sagt sie. Sie studierte zu Beginn der 1990er-Jahre an der Kunstakademie Karlsruhe, später dann Germanistik in Stuttgart. »Nach dem Studium«, erzählt sie, »habe ich lange Zeit sehr konkret gearbeitet, geometrisch, reduziert.« Die Wende kam mit der Coronazeit: Die Künstlerin begann, die Natur aufzusuchen. Sie streifte mit der Digitalkamera umher, auch während eines Aufenthalts in Cuxhaven 2023, als »Artist in Residence« im dortigen Künstlerhaus. Sie suchte Texturen – und Gewässer, deren nähere Umgebung, wurden zu einem ihrer bevorzugten Motive: »Wenn das Licht auf das Wasser fällt und der Wind es kräuselt, dann scheint es aus vielen kleinen Pinselstrichen zu bestehen.«

Jene Schichtungen flirrender Naturfotografien, die so entstanden, hat Christine Dohms »Lightscapes« genannt, Landschaften aus Licht. Die ausgestellten Stücke ließ sie als Gallery Prints erstellen, unter Glas. Auf einem Bildschirm in der Produzentengalerie Pupille sind zahlreiche weitere dieser Werke zu sehen, in digitaler Form, in einer Endlosschleife.

Ausstellungsinfo

Christine Dohms' »Lightscapes« sind bis zum 17. März in der Produzentengalerie Pupille, Peter-Rosegger-Straße 97 in Reutlingen, zu sehen. Geöffnet ist Freitag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Weitere Infos gibt es unter www.pupille-galerie.com. (GEA)

Im kleineren Raum der Galerie derweil treffen Besucher auf Werke, die konträr wirken, in ihrer Anmutung, Entstehung: Gemälde im kleinen Format, durchweg in kühleren Farben, nordische Landschaften, menschenleer. Hier wie dort vermeidet es Dohms, den Einfluss des Menschen auf die Natur zu zeigen: »Ich möchte keine Zerstörungen darstellen«, sagt die Künstlerin, »keine Umweltschäden.« Gemeinsam mit den Fotografien ist den Gemälden der impressionistische Gestus: Pinselstriche, Farbwerte lassen eine Welt entstehen. Aber: Die Welt, die diese Bilder zeigen, existiert nur in der Vorstellung der Künstlerin.

»Innerscapes« hat Dohms sie genannt. Es sind erträumte Bilder, falsche Erinnerungen, wie die Künstlerin sagt, Eindrücke von Landschaften, die sie nie sah, vom Hörensagen nur kennt, gemalt in Öl. Während die »Lightscapes« die Erkennbarkeit ihrer Sujets verschwinden lassen, gehen die »Innerscapes« auf sie zu. Die gewissermaßen komplementäre Betrachtung der äußeren Formen, die innerlich werden, der inneren, die äußerlich werden, ist noch bis zum 17. März möglich. (GEA)