TÜBINGEN. Es ist Vorwahlkampfzeit. Nein, nicht in den US-Bundesstaaten. Vielmehr hier, direkt vor der eigenen Haustür, im Bundestagswahlkreis Tübingen-Hechingen. Zu ihm gehören neben dem kompletten Landkreis Tübingen auch die Zollernalbkreis-Kommunen Hechingen, Rangendingen, Grosselfingen, Bisingen, Jungingen und Burladingen.
In der Wahlperiode 2017 bis 2021 erlangte der Wahlkreis Tübingen-Hechingen bundesweit einen gewissen Bekanntheitsgrad. Saßen doch zunächst vier und dann für einige Monate sogar noch fünf Politiker aus dieser Region im Bundestag. Die Balingerin Annette Widmann-Mauz als Direktkandidatin der CDU und dazu die Tübinger Chris Kühn (Grüne), Martin Rosemann (SPD), Heike Hänsel (Linke) sowie Christopher Gohl (FDP).

Der benachbarte Wahlkreis Zollern-alb-Sigmaringen, der den großen Rest des Zollernalbkreises und große Teile des Landkreises Sigmaringen abdeckt, hatte zur gleichen Zeit ausschließlich einen Abgeordneten, den CDU-Direktkandidaten Thomas Bareiß. Das änderte sich in der laufenden Wahlperiode jedoch, zu Bareiß gesellte sich noch SPD-Politiker Robin Mesarosch via Landesliste hinzu.
Alle drei brauchen Nachfolger
Inzwischen herrscht sogar Gleichstand in Sachen Anzahl der Volksvertreter auf Bundesebene zwischen beiden Wahlkreisen. Denn im Wahlkreis Tübingen schafften 2021 nur noch Widmann-Mauz, Rosemann und Kühn den Sprung in den Bundestag. Kühn wiederum verabschiedete sich vergangenes Jahr vorzeitig aus dem Parlament und wurde Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung.
Während im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen die aktuellen Abgeordneten wohl beide wieder kandidieren werden, werden die Karten im Wahlkreis Tübingen-Hechingen völlig neu gemischt. Dass Kühn eine grüne Nachfolgerin, einen grünen Nachfolger braucht, war ja schon seit Längerem bekannt, dass aber auch der CDU und der SPD ihre bisherigen Abgeordneten abhanden kommen, ist erst vor wenigen Tagen klar geworden. Sowohl Widmann-Mauz, als auch einen Tag später Rosemann haben ihren Verzicht auf eine erneute Kandidatur für die Bundestagswahl im kommenden Jahr verkündet.
Rosemann möchte sich nach eigenen Angaben mehr um die Familie kümmern, Widmann-Mauz den »Staffelstab in jüngere Hände geben«. Das »Redaktionsnetzwerk Deutschland« (RND) sieht den Widmann-Mauz-Rückzug hingegen noch aus einem ganz anderen Blickwinkel, und zwar als einen von mehreren Rückzugsankündigungen innerhalb der CDU in den vergangenen Wochen.
Spielt Merz eine Rolle?
Und alle haben demnach eines gemeinsam. Es sind Unionsabgeordnete, die früher enge Vertraute von Altkanzlerin Angela Merkel waren. »Seit Friedrich Merz, der in Merkel bekanntlich eine Gegnerin sah, die Partei- und Fraktionsführung übernommen hat, stellt sich die CDU konservativer auf«, konstatiert das RND.
Und dann ist da auch noch die Wahlrechtsreform. Sie besagt unter anderem, dass bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr alle Wahlkreissieger auch einen Platz im Bundestag erhalten. Das könnte vor allem die CDU im Südwesten treffen, wie eine aktuelle Simulation von election.de darlegt. Die Plattform existiert seit 2001 und ist nach eigenen Angaben »für Medien, Parteien und Kandidaten in den Bereichen politische Analyse, Beratung und Wahlberichterstattung tätig«.
In einer kürzlich veröffentlichten Berechnung simulierte election.de, welche Partei derzeit die größten Chancen in jedem einzelnen Bundestagswahlkreis hat, diesen für sich zu entscheiden. »Zur Bestimmung der Gewinn-Wahrscheinlichkeiten wurden insgesamt mehr als 30 Millionen mögliche Wahlergebnisse statistisch simuliert«, erklären die Verantwortlichen. Eine Prämisse für das Ergebnis war, dass die FDP über die Fünf-Prozent-Hürde kommt.
Herauskam, dass in diesem Fall insgesamt bundesweit 26 Wahlkreissieger nicht in den Bundestag einziehen würden. Davon allein sechs in Baden-Württemberg, alle von der CDU. Und siehe da, auch der Sieger, die Siegerin im Wahlkreis Tübingen-Hechingen wäre darunter. Die Berechnung stammt von Mitte Juni, war also schon bekannt, ehe Widmann-Mauz ihren Rückzug verkündet hatte.
Konkurrenz in der CDU
Den früheren langjährigen Mitarbeiter von Widmann-Mauz, Christoph Naser, ficht das alles nicht an. Er hat bereits seinen Hut in den Ring geworfen. Der Vorsitzende der Tübinger Kreis-CDU ist dabei aber nicht lange allein geblieben. Ausgerechnet sein Stellvertreter im Kreis, Martin Stadelmaier aus Ofterdingen, tritt zu Naser in Konkurrenz. Außerdem hat sich der 18-jährige Jakob Schill aus Mössingen als Kandidat gemeldet (wir berichteten).
Die Zollernalbkreis-CDU hält sich dagegen noch völlig bedeckt. Ein Kandidat, eine Kandidatin für den landkreisübergreifenden Wahlkreis ist bisher nicht aus der Deckung gekommen. Sowohl die Kreisvorsitzende und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut als auch der Meßstetter Bürgermeister Frank Schroft haben gegenüber Schwaebische.de bereits eine eigene Kandidatur ausgeschlossen.
Wählen wollen die beiden CDU-Kreisverbände den oder die Widmann-Mauz-Nachfolger/Nachfolgerin auf einer gemeinsamen Sitzung voraussichtlich im November. Ob die Sitzung dann im Landkreis Tübingen oder im Zollernalbkreis stattfinden wird, ist offenbar noch nicht geklärt.
Bei der SPD ist bisher wie berichtet der Vorsitzende des Tübinger Kreisverbandes, Florian Zarnetta, einziger Kandidat. Ob ihm ein Kunststück gelingen könnte wie Herta Däubler-Gmelin? Diese zog 1998 als direkt gewählte Abgeordnete des Wahlkreises in den Bundestag ein. Sonst kam sie stets über die Landesliste Baden-Württemberg zu ihrem Mandat. Die Nominierung der SPD erfolgt am 2. November. (GEA/ZAK)



