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Aktuell INTERVIEW

»Wie ein zweites Zuhause«

Foto: ZmS
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TÜBINGEN. »Mein Kind hat Krebs«. Eine erschreckende Diagnose für viele Eltern. Wenn das Kind in der Klinik oft wochen- oder monatelang behandelt werden muss, möchten die Eltern natürlich möglichst nahe bei ihm sein. Der Förderverein Krebskranker Kinder Tübingen macht das möglich. Er unterhält ein Elternhaus, in dem die Eltern wohnen können, während das Kind im Krankenhaus ist. ZmS-Reporterin Lilian Drexler hat sich mit Christine Hoffmann, der Vorsitzenden des Vereins, unterhalten.

ZmS: Frau Hoffmann, wie lange arbeiten Sie hier schon?

Christine Hoffmann: Ich bin schon 22 Jahre dabei und bin schon zwölf Jahre die Vorsitzende.

Warum machen Sie denn diesen Job?

Hoffmann: Ich mache das ehrenamtlich. Es sind inzwischen einfach so viele Aufgaben, dass es ein Vollzeitjob geworden ist. Ich mache das sehr gerne, für mich ist es wie eine große Familie, meine Kinder sind alle erwachsen. Manchmal wird es etwas viel und es ist auch ganz schwierig, hier Nachfolger zu bekommen - vor allen Dingen jemanden, der sich voll einsetzt. Wir im Elternhaus haben viele Aufgaben. Der Verein ist inzwischen wie ein kleiner Betrieb geworden. Im Elternhaus leben die Eltern der krebskranken Kinder, solange die Kinder in der Klinik sind. Wir haben hier auch Mitarbeiter, die bezahlt werden, das geht gar nicht anders. Wir haben eine Hausleitung, eine Halbtagskraft im Büro, einen Sozialpädagogen, der sich um die Eltern und die Kinder kümmert, wenn sie zu Hause sind oder wenn ein Kind verstorben ist. Dann machen sie Wochenendfreizeiten und Elternseminare. Der Pädagoge betreut auch oben in der Klinik die Eltern.

Macht es Sie denn glücklich, die Kinder lachen zu sehen?

Hoffmann: Ja, also das ganz bestimmt! Bei uns wird auch oft gelacht. Und es geht auch auf der Station, auch wenn man das oft nicht glauben kann, lustig zu. Wir haben in der Klinik die Klinikclowns und eine Maltherapeutin und eine ganz nette Erzieherin auf der Station. Da gibt es so viele Angebote, und wenn es den Kindern einigermaßen gut geht, machen sie auch richtig gut mit. Es ist natürlich auch so, dass es viel Trauriges gibt. Es gibt immer wieder Kinder, die sterben oder die mit einem Rückfall kommen, aber damit muss man lernen umzugehen.

Wie entstand die Idee für den Förderverein und das Elternhaus?

Hoffmann: Der Förderverein hatte vor zwei Jahren 25-jähriges Jubiläum. Er wurde 1981 von betroffenen Eltern gegründet, die keine Unterkunft hatten. Fünf Jahre später haben sie dann das heutige Elternhaus gekauft. Das war ein altes Schwesternhaus, das haben wir ein bisschen umgebaut und im Laufe der Jahre immer wieder ein bisschen renoviert und erneuert. Wie gesagt: Das Elternhaus ist für die Eltern wie ein zweites zu Hause.

Was sind die Aufgaben, die der Förderverein zu erfüllen versucht?

Hoffmann: Also zuerst einmal das Elternhaus, damit die Eltern gut untergebracht sind. Wir betreuen die Eltern auch ganz liebevoll, auch wenn es ihnen mal nicht so gut geht. Wir machen einmal Abendessen und Frühstück am Tag und da werden die Eltern auch verwöhnt. Wir betreuen auch ganz intensiv die Klinik mit und unterstützen sie finanziell. Wie man ja aus den Medien weiß, herrscht in den Kliniken großer Mangel an Personal. Daher versuchen wir, die Station aufrecht zu erhalten, indem wir Schwestern finanzieren und eine halbe Arztstelle vorübergehend mitbezahlen. Außerdem finanzieren wir die Erzieherin auf der Transplantationsstation. Und wenn die Eltern in finanzielle Nöte kommen, was oft der Fall ist, weil die Therapien lange dauern und die Eltern oft von weit her kommen.

Bezahlen Sie denn alles mit Spenden oder bekommen Sie auch staatliche Hilfe?

Hoffmann: Nein, wir machen alles nur mit Spenden und das ist eine ganz große Aufgabe - gerade auch mit der Wirtschaftskrise. Das Problem, das wir im Moment haben, ist, dass wir ein neues Elternhaus bauen, weil das »alte« einfach zu klein ist und es nicht mehr zeitgemäß ist, was die hygienische Einrichtung betrifft. Wir haben nur Gemeinschaftsduschen und eine Toilette auf dieser Etage, weil auch oft Kinder bei uns vorübergehend übernachten, bevor sie wieder nach Hause gehen. Die Kinder sind dann hochansteckungsgefährdet. Daher haben wir uns entschlossen, dass wir ein neues Elternhaus bauen. Das alte Elternhaus verkaufen wir, weil wir ja auch das Geld brauchen. Das neue Haus ist dann einfach moderner mit Dusche und WC im Zimmer und großzügiger - vor allem mit einem Aufzug, was auch ganz wichtig ist. Das müssen wir alles mit Spendengeldern finanzieren.

Wie viele Familien unterstützen sie gerade?

Hoffmann: Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben das Haus immer voll (elf Zimmer), einige Eltern schlafen auch auf der Station, wenn es zum Beispiel kleine Kinder sind. Die Eltern wollen dann einfach nicht weg, da die Kinder nachts immer wieder wach werden. Wenn wir in der Klinik nicht immer vollbelegt sind, können die Eltern mit bei den Kindern im Zimmer schlafen, sonst übernachten sie im Spielzimmer. Aber pauschal haben wir in Tübingen das ganze Jahr über so ungefähr 80 Personen, die wir unterstützen. Auf der onkologischen Station - dort gehen die Kinder am Anfang hin - bekommen sie eine Chemotherapie. Dort haben wir 13 Zimmer. Manchmal sind die Zimmer voll, manchmal aber auch nicht. Manchmal, wenn die Eltern anrufen und eine Schlafmöglichkeit brauchen, haben wir ganz nette Nachbarn, die die Eltern gerne im Notfall aufnehmen. Also wir sind eigentlich immer gut ausgebucht.



Wie lange muss ein Kind behandelt werden, bis es gesund ist?

Hoffmann: Die normale Therapie dauert anderthalb Jahre und danach zwei Jahre in Dauertherapie.

Ist der Krebs ansteckend?

Hoffmann: Nein, überhaupt nicht, das ist eine Irrmeinung. Es gibt nur Kinder, die ein ganz schwaches Immunsystem haben. Sie sind dann hoch ansteckungsgefährdet durch die Chemotherapie und durch die Transplantation. Sie müssen aufpassen, solange sie in der Therapie sind, dass sie nicht unter viele Menschen gehen, damit sie nicht angesteckt werden.

Wie viele Eltern können in dem Elternhaus hier wohnen?

Hoffmann: Hier haben wir elf Doppelzimmer, also circa 22 bis 23 Personen.

Wer zahlt die Unterbringungskosten für die Familien?

Hoffmann: Das bezahlt alles auch der Verein. Außerdem zahlt ein Elternteil 15,50 Euro pro Tag. Das können wir aber mit der Krankenkasse wieder abrechnen, sodass die Eltern damit nicht in der Pflicht sind. Wenn zwei Elternteile da sind, dann nehmen wir hierfür keine »Miete«.

Vertrauen Ihnen die Kinder mit der Zeit?

Hoffmann: Ja! Es bauen sich auch ganz nette Kontakte auf.

Gehen die Kinder zur Schule oder kommt ein Lehrer zu ihnen?

Hoffmann: In der Klinik sind Privatlehrer, die vom Staat bezahlt werden. Da ist auch jeden Tag Unterricht außer am Wochenende. Da wird auch mit Computer gearbeitet.

Merkt man den Kindern an, wenn sie Probleme haben?

Hoffmann: Ja, zum Beispiel am Anfang, wenn die Familien kommen und wissen: »Mein Kind hat Krebs«. Die Eltern brauchen dann natürlich auch Zeit, bis sie das wahrgenommen haben. Der Förderverein hilft, indem man zuhört und mit ihnen redet und ihnen gut zuspricht.

Wie geht man am besten mit den Familien um?

Hoffmann: Man versucht, für die Familien da zu sein, ihnen zuzuhören und sie nicht zu ignorieren.

Wie kann man am besten ihnen bei ihrer Arbeit helfen?

Hoffmann: Hauptsächlich durch Spenden, sonst eigentlich nur durch neue ehrenamtliche Mitarbeiter.

Was sind Ihre nächsten Projekte, die man unterstützen kann?

Vorsitzende: Das neue Elternhaus hauptsächlich, die Projekte der Klinik natürlich immer.

Dann bedanke ich mich recht herzlich.

Hoffmann: Gern geschehen. Weitere Informationen findest Du unter www. krebskranke-kinder-tuebingen.de oder in unseren Broschüren, welche wir gerne aushändigen!



Für jede noch so kleine Spende bedankt sich der Förderverein recht herzlich, da er nur manche Kinder unterstützen kann. Das liegt meist an zu hohen Rechnungen. Nach allem, was Sie jetzt darüber gehört haben, kann ich Ihnen versichern, dass alle Spenden in guten Händen sind. Denken Sie nur an die vielen fröhlichen Gesichter ... (ZmS)



Spendenkonten:

Kreissparkasse Tübingen

Kto.Nr. 126063 BLZ 641 500 20 Volksbank Nagoldtal e.G.

Kto. Nr. 70009 BLZ 641 910 30 Volksbank Tübingen e.G.

Kto.Nr. 27946002 BLZ 641 901 10

Lilian Drexler, Realschule Pliezhausen, Klasse 8c