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Aktuell Handwerk

Meister an Esse und Ambos

PLIEZHAUSEN. Schmieden ist eines der ältesten Handwerke der Menschheit. Paul und Heiner Zimmermann – Vater und Sohn – üben es in Pliezhausen aus. Beruhend auf den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde entstehen durch traditionelle Techniken und gestalterisches, zeitgenössisches Denken in der Kunstschmiede unverwechselbare Arbeiten.

Leon Schäfer und Julius Velz am Nagelbaum vor der Zimmermann'schen Schmiedewerkstatt. FOTO: ZMS
Leon Schäfer und Julius Velz am Nagelbaum vor der Zimmermann'schen Schmiedewerkstatt. FOTO: ZMS
Leon Schäfer und Julius Velz am Nagelbaum vor der Zimmermann'schen Schmiedewerkstatt. FOTO: ZMS

Paul Zimmermann, geboren am 26. Januar 1939 in Tübingen, ist Kunstschmied und Metallbildhauer. Er zählt zu den Handwerkers-Meistern der Schmiedekunst, die für innovative und moderne Formen bekannt sind. Der 76-jährige Meister gewann zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen. Seine Arbeiten umfassen Skulpturen, Brunnen, Tore, Ausleger und Schalen bis hin zu Möbeln und Filmausstattungen. Einen weiteren Arbeitsbereich bilden sakrale Arbeiten wie Kreuze, Grabzeichen, Grabschriften und Leuchter für Kirchen und Friedhöfe.

Bei unserem Besuch in Paul Zimmermanns Atelier zeigte er uns, woran er gerade arbeitet: Stühle für eine Terrasse. Eine sehr seltene Auftragsarbeit, wie der Schmied betont. Seine häufigsten Arbeiten sind Grabmale und Grabzeichen, die den Verstorbenen gerecht werden und einen persönlichen Bezug haben sollen.

Schmied statt Konditor

Paul Zimmermann muss kurz überlegen, wenn man ihn fragt, an welchem Werkstück er am längsten arbeiten musste. Er nennt uns einen Auftrag für ein Privathaus, bestehend aus zwei zweiflügligen Einfahrtstoren für Autos, einem Tor für Fußgänger und einem Zaun. Außerdem war eine seiner längsten und zudem eine seiner gewichtigsten Arbeiten drei acht Meter hohe Säulen für eine Metzinger Schule, mit dem Namenszug der Schule. Die Skulptur wog nach der Fertigstellung 4,5 Tonnen.

Zum Werdegang: Zimmermann ging sieben Jahre zur Volksschule. Am Ende des Krieges wurde sein Vater schwer verletzt, dadurch konnte er selbst für ein halbes Jahr nicht zur Schule gehen. Wegen des Krieges wurden viele junge Männer zum Arbeiten gesucht. Eigentlich wollte der Pliezhäuser Konditor werden, er fand jedoch keine Lehrstelle. Im Nachbarort Mittelstadt konnte er in einem kleinen Handwerksbetrieb die Ausbildung zum Schlosser absolvieren.

Warum gerade Konditor? Paul Zimmermann, der schon immer gern zeichnete und gern Süßes aß, erzählte uns von seiner Kindheit, in der es nur zwei- bis dreimal im Jahr Kuchen gab.

Auf unsere Frage, was ihn speziell an seinem Handwerk begeistert, gab uns Zimmermann eine klare Antwort: Es ist die große Tradition: Schmieden ist einer der ältesten Handwerksberufe, die Arbeiten aus den jeweiligen Zeit- und Stilepochen begeistern ihn noch heute. Schlosserarbeiten wie Werkzeuge, Beschläge, Arbeiten an Kirchen und Schlössern dienen heute noch nach mehreren Hundert Jahren als Zeugnisse dieser Zeit.

Wie kommt Paul Zimmermann auf Grabmale? Als eine ihm nahestehende Tante starb, fertigte er das Grabmal an. Durch diese Arbeit bekam er Aufträge, die mittlerweile von Potsdam bis zum Bodensee, sogar bis nach Kanada, aufgestellt sind. Über 300 Grabmale hat Paul Zimmermann angefertigt. Dabei ist ihm stets wichtig, dass die Zeichen speziell als Erinnerung an den Verstorbenen verstanden werden. So verschieden der Mensch ist und war, so verschieden sind Zimmermanns sakralen Arbeiten.

Zum Entstehen einer solchen sakralen Auftragsarbeit: Durch Gespräche mit den Angehörigen werden Gedanken und Ideen geordnet, die dann in den Entwurf einfließen. Durch diese Mitarbeit sind die Trauernden in die Gestaltung des Grabmals einbezogen. Zimmermann fertigt einen Entwurf, eine Zeichnung oder gleich ein Modell an, bevor er mit der eigentlichen Schmiedearbeit beginnt. Zudem soll für Fachleute in der Formensprache die Handschrift des Kunstschmieds erkennbar sein.

Kein Gedanke an die Rente

Auch Paul Zimmermanns Sohn Heiner, geboren am 25. Juli 1969, ist Schmied. Wie funktioniert die Vater-Sohn-Beziehung bei der täglichen gemeinsamen Arbeit im Atelier? Zimmermann antwortet mit Bedacht und sehr ausführlich. Da sein Sohn zehn bis zwölf Tage im Monat durch seine Professur in Schweden unterwegs ist, außerdem in der Kunstschmiede Führungsseminare gibt, hat jeder seinen eigenen Arbeitsbereich. Fragen nach der Meinung des Anderen sind erlaubt, aber jeder nimmt sich zurück und ist tolerant.

Wie lange noch? Paul Zimmermann schmunzelt. Er sei schon seit elf Jahren im Ruhestand, sagt der 76-Jährige. Durch die Anerkennung seiner Arbeiten geht er aber täglich noch gerne zu Esse und Ambos und hofft, dass er noch lange mit Freude jeden Tag arbeiten kann.

Paul Zimmermann gab uns noch den Hinweis auf die Facebook-Seite ( www.facebook.com/atelier.zimmermann/?fref=photo) der Schmiede, wo man die Entstehung einer Rose verfolgen kann. (ZmS)

Leon Schäfer und Julius Velz, BZN Gymnasium, Reutlingen, Klasse 9b