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»Es gibt kein Oben und kein Unten«

REUTLINGEN. Vor 20 Jahren stieg Deutschland in die Raumfahrt ein. Der Reutlinger Ernst Messerschmidt war mit dabei. ZmS-Reporter Max Tanneberger interviewte den Raumfahrtpionier.

Er kennt Reutlingen von ganz oben: Ernst Messerschmidt.
FOTO: DPA
Er kennt Reutlingen von ganz oben: Ernst Messerschmidt. FOTO: DPA
Er kennt Reutlingen von ganz oben: Ernst Messerschmidt. FOTO: DPA

ZmS: Waren Ihre Angehörigen besorgt darüber, dass Sie an einer »Mission« teilnehmen, die heute noch nicht voll ausgereift ist?

Ernst Messerschmidt: Natürlich hatten meine Angehörigen Angst, ich könnte bei meinem Weltraumflug nicht mehr gesund zurückkommen. Aus heutiger Sicht wissen wir, dass das amerikanische Space Shuttle eine relativ gefährliche Maschine ist: Im Nachhinein betrachtet ist das Risiko eines Astronauten, nicht mehr lebend auf der Erde zu landen, etwa zwei Prozent pro Flug.

Wie mussten Sie sich auf die Mission vorbereiten und wie lange dauerte es?

Messerschmidt: Ich habe mich knapp drei Jahre auf meine Mission, die Spacelab-Mission D1, vorbereitet. Zwei Drittel der Zeit verbrachte ich in Europa, insbesondere an deutschen Universitäten, um die Einzelheiten des wissenschaftlichen Programms, das heißt die Experimente, welche wir durchzuführen hatten, kennen zu lernen. Auch trainierten wir die Abfolge der Experimente und die Bedienung der Laboranlagen im Spacelab-Simulator beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln-Porz. Die restliche Zeit lernten wir bei der NASA in Houston die Sicherheitsprozeduren und das Fliegen mit dem Space Shuttle.

Bei einem Raketenstart wirkt ein Vielfaches des Gewichtes des Menschen, der in der Kapsel sitzt, auf ihn ein. Was denkt und fühlt man in so einem Augenblick?

Messerschmidt: Man ist konzentriert, hört auf die Geräusche, jederzeit bereit, mit einem Notmanöver zurück zu fliegen.

»Die Schwerelosigkeit ist ein phantastisches Gefühl«

Was genau aß und trank man vor 20 Jahren im Weltraum?

Messerschmidt: Mit alltäglichen Sachen im Weltraum, wie mit Essen und Schlafen, ist es eine besondere Sache. Das Essen ist gewöhnungsbedürftig. Es muss gut zu packen und Essensreste sollen leicht zu entsorgen und nicht übel riechend sein. Die Speisen müssen auch gut gewürzt sein, da man im Weltraum Mineralstoffe schneller als auf der Erde ausscheidet. Diese zeichnen sich ebenso wie die zumeist verwendeten gefriergetrockneten Speisen durch Haltbarkeit aus. In Zukunft wird man auf der Raumstation auch Salat produzieren können. Der Schlafplatz ist eine enge Koje. Wir sehen in 24 Stunden 16 mal Sonnenauf und -untergang, denn die Station umkreist die Erde in 90 Minuten. Da darf man sich nicht irritieren lassen. Der Biorhythmus läuft genau so weiter. Da die Sicht nach außen begrenzt ist, kommt man sich ohnehin vor wie jemand, der bei künstlichem Licht arbeitet.

Gab es Probleme während den 112 Weltumkreisungen?

Messerschmidt: Einige technische Probleme, die aber von uns behoben worden sind.

Wie fühlt man sich, wenn man weiß, dass man so weit von den Freunden, Bekannten und Geliebten entfernt ist?

Messerschmidt: Gut, außerdem war ich überzeugt davon, von meiner einwöchigen »Dienstreise« bald wieder nach Hause zu kommen.

Was ist das für ein Gefühl, schwerelos zu sein?

Messerschmidt: Schwerelosigkeit ist ein phantastisches Gefühl. Man tippt mit dem Finger an die Wand - und schon schwebt man weg von der Wand, langsam und erhaben. An die dritte Dimension gewöhnt man sich innerhalb weniger Tage, es gibt kein »Oben« und kein »Unten«.

Wie viele Leute waren zu der Zeit bei Ihnen im All?

Messerschmidt: Zum ersten Mal waren bei einer Raumflug-Mission acht Astronauten an Bord. Dies hat sich bisher nicht wiederholen lassen: Raumschiff-Kommandant, Pilot, zwei Missionsspezialisten (alle von der NASA) und drei Wissenschaftler: Wubbo Ockels von der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, Reinhard Furrer und ich. Furrer und ich waren für das wissenschaftliche Programm verantwortlich und arbeiteten in zwei Schichten je 12 bis 16 Stunden überlappend pro Tag. Alle acht Astronauten hatten eine wissenschaftliche Ausbildung, waren Doktor der Natur- oder Ingenieurwissenschaften, und alle waren Piloten.

Da man im Weltall schwerelos ist, werden die Muskeln nicht richtig beansprucht. Was taten sie im Raumschiff - und zurück auf der Erde - dagegen?

Messerschmidt: Jeder Astronaut hält sich mit körperlichen Übungen fit. Vor der Landung muss viel getrunken werden, damit das Blut wieder dünnflüssiger wird.

Verlief die Landung reibungslos oder gab es Komplikationen?

Messerschmidt: Die Landung war problemlos. Trotz eines Eintrittswinkels, der mit zirka 20 Grad sieben Mal so steil ist, einer Aufsetzgeschwindigkeit, die mit 400 km/h doppelt so hoch ist wie bei einem Verkehrsflugzeug - etwa dem Airbus, setzte unser Pilot metergenau auf dem vorgesehenen Landekreuz auf. Eine gute halbe Stunde vorher waren wir noch in 300 km Höhe über Australien, mit 25-facher Schallgeschwindigkeit.

»Jeder Astronaut will so oft wie möglich fliegen. Ich auch«

Würden Sie, falls Sie die Möglichkeit dazu hätten, diese Mission noch einmal machen, oder wollen Sie das ihrer Familie zuliebe nicht mehr riskieren?

Messerschmidt: Eine identische Mission zu wiederholen ist nicht sinnvoll, trotzdem möchte jeder Astronaut so oft wie möglich fliegen. Dies gilt auch für mich. Jedoch sollten neue Herausforderungen hinzukommen.

Hängen Sie sehr an Reutlingen? Oder warum sind Sie - nachdem Sie bis 2004 das Europäische Astronautenzentrum in Köln geleitet haben - zurückgekehrt?

Messerschmidt: Ich wurde 1986 an die Universität Stuttgart als Professor berufen, bin 2005 wieder an die Universität zurückgekehrt und wohne in Reutlingen.

Sie haben schon sehr lange sehr viel mit dem Weltraum zu tun. Was fasziniert sie daran?

Messerschmidt: Die Schwerelosigkeit, der Blick zu den Sternen und hinunter zur Erde. Schließlich ist es faszinierend, für wissenschaftliche Untersuchungen in-situ die Vorzüge des Weltalls zu nutzen. (ZmS)



Max Tanneberger Albert-Einstein-Gymnasium Reutlingen, Klasse 9 b