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CQ - Hier ist DN2IM!

REUTLINGEN. »CQ - Hier ist Delta November zwei India Mike«. Allgemeiner Anruf auf dem 80-Meterband. Das waren die ersten Sätze, die ich noch etwas aufgeregt in das Mikrofon der Amateurfunkanlage gesprochen habe. Nach weiteren zwei Versuchen meldete sich eine Station aus Norddeutschland. Ich stellte mich kurz vor und beschrieb die Sendestation - und so beginnt dann immer das typische QSO, wie wir Funkamateure unsere Gespräche nennen.

Kommunikation über Kontinente hinweg: Marcel Schill ist passionierter Funker. FOTO: ZMS
Kommunikation über Kontinente hinweg: Marcel Schill ist passionierter Funker. Foto: ZmS
Kommunikation über Kontinente hinweg: Marcel Schill ist passionierter Funker.
Foto: ZmS

In meiner Freizeit beschäftige ich mich mit einem weltumspannenden Hobby, das so vielseitig ist, dass es von Technik über Fremdsprachen bis zur Völkerverständigung und Freundschaften über Kontinente hinweg alles bietet. Diese Bandbreite gibt kein anderes Hobby so schnell her. Es war nicht immer so einfach wie heute, Informationen von einem Kontinent zu einem anderen drahtlos zu übertragen. Früher war dies ein echtes Abenteuer. Auch heute noch funktioniert das ohne Internet oder Handy. Direkt von Station zu Station - und ein Abenteuer mit einem ganz besonderen Flair ist es immer noch.

Plaudern mit dem Astronauten

Das Ganze sieht schon sehr geheimnisvoll aus. Eine große Antenne auf dem Hausdach oder im Garten. In der Funkbude (wir nennen sie Shack) jede Menge technische Geräte mit Hunderten von Knöpfen und Schaltern. Fremde Sprachen aus dem Lautsprecher oder piepsende Datensignale und Computer, die das Ganze in ein technisches Konzert einbinden. Da kommt ein wenig Agentenatmosphäre auf. Aber hier ist alles echt und total legal! Funkamateure, oder auch OM's oder YL's (so nennen sich die Funker und Funkerinnen untereinander), dürfen mit ihren selbstgebauten oder auch mit kommerziellen Funkgeräten rund um die Welt funken.

Alles geht von zu Hause aus, vom eignen Funksender, direkt in die Antenne. Von dort wandert das Funksignal über Reflexionen in Schichten der Ionosphäre (ein Teil der Atmosphäre) rund um den Erdball bis zum Zielort. Für Kurzwellenverbindungen braucht man keinen Satelliten - nur einen Sender für die geeignete Frequenz. Funkamateure dürfen erst dann die Sendetaste drücken, wenn sie bei der Bundesnetzagentur - das ist die staatliche Stelle, die unter anderem auch für die Funkamateure zuständig ist - eine Prüfung abgelegt haben.

Diese Prüfung besteht aus drei Teilen. Technik, Gesetzeskunde und Betriebstechnik. Das Hobby ist so umfangreich, dass ich hier nur einen kurzen Abriss geben kann, was alles möglich ist. Für Technikfreaks ist es ein echtes Dorado. Ein Funkgerät selbst bauen und damit ohne weitere fremde Kontrolle senden - das darf sonst kein Funkdienst. Im Moment lerne ich noch intensiv auf die Prüfung. Hierzu darf ich aber trotzdem schon einmal unter der Aufsicht eines lizenzierten Funkamateurs an die Station und auf Sendung gehen. Dafür gibt es ein eigenes Ausbildungsrufzeichen. Das Rufzeichen lautet DN2IM. Wir buchstabieren das immer im Natoalphabet: Delta November Zwei India Mike.

Die schulischen Sprachkenntnisse kann ich jetzt so richtig gut einsetzen. Englisch und Französisch kommen da immer gut. Sprache ist aber nicht die einzige Art der Nachrichtenübertragung zwischen zwei oder mehreren Stationen. Computerdatenübertragung, Fax, Fernschreiben (wie Chatten), Morsen und Fernsehübertragung. All dies ist erlaubt und jeder kann sich auf seinem Spezialgebiet vertiefen. Für die Computerfreaks ist hier genau so viel drin wie für den ehemaligen Marinefunker, der noch gerne die Morsetaste bewegt. Auch ganz exotische Dinge wie ein Gespräch mit einem Forscher von der Georg von Neumayer-Station in der Antarktis. Oder ein wenig fachsimpeln mit einem Meteorologen einer russischen Wetterforschungsstation auf einer driftenden Eisscholle im Polarmeer. Ganz cool: ein Plausch mit einem Astronauten.

Leben retten im Katastrophenfall

Als zum Beispiel Ernst Messerschmidt - wer kennt unseren Reutlinger Astronauten nicht? - während der D1-Mission im Weltraum war, konnten hier in Reutlingen Funkamateure seine Funkaussendungen, für die extra ein Amateurfunkgerät an Bord war, mithören. Oder man bekommt prominente Persönlichkeiten, die sich auch für dieses faszinierende Hobby begeistern, als Gesprächspartner, wie zum Beispiel Juan Carlos oder Priscilla Presley. Was unser Hobby noch kann, ist etwas sehr Elementares, nämlich Leben retten. Wenn einmal alle wichtigen Kommunikationsmittel versagen, dann ist hier die Notlösung, die immer funktioniert. Bei großen Not- und Katastrophenfällen ist es oft nicht mehr möglich - weder mit einem Handy noch mit einem Festnetztelefon - Hilfe zu holen oder Informationen zu übertragen. Hier können wir bei Hilfsaktionen eine unterstützende Notkommunikation aufbauen. Antennenmast aufgebaut, Stromgenerator oder Batterie angeschlossen, Funke ran und wir sind auf Sendung. Auf dem Gebiet der Satellitentechnik mischen wir auch ganz vorne mit. Wer es hochtechnisch mag, der kann über einen der vielen Amateurfunksatelliten Verbindungen aufbauen. Ja, Funkamateure betreiben eigene Satelliten. Man sieht: ein unerschöpflich großes Betätigungsfeld. Viele Menschen haben schon aus diesem interessanten Hobby heraus einen Beruf ergriffen, der sich ebenfalls mit Elektronik, Computertechnik oder physikalischen Forschungen beschäftigt.

Internationales Wellengetümmel

Wer einmal das ganze Flair erleben will, der besucht die größte Amateurfunkausstellung, die wir hier in Deutschland haben. Einmal im Jahr findet in Friedrichshafen die HAM Radio statt. Dort treffen sich Funker aus der ganzen Welt. Firmen haben hier ihre Ausstellungsstände und es gibt einen großen Flohmarkt, der das Bastlerherz höher schlagen lässt. In jedem größeren Ort gibt es einen Ortsverein (OV genannt) des DARC (Deutscher Amateur Radio Club). Dort treffen sich die Funker aus der Umgebung zum Informationsaustausch und geselligen Beisammensein. Wer sich einmal genauer informieren will, der klickt am besten die Internetseite des DARC ( www.darc.de) an oder besucht einen der Vereinsabende des Ortsverbandes Reutlingen.

Und hier zum Schluss noch etwas ganz Interessantes. Wer bei den Funkamateuren ohne eigene Empfangsstation in das internationale Wellengetümmel hinein hören will, der klickt auf die Internetseite www.websdr.org. Dort kann man sich einen Funkempfänger auswählen und mit dem eigenen Computer von zu Hause aus fernsteuern. Eine fantastische Sache. So kann man direkt am Geschehen Teil haben, ohne ein Funkgerät besitzen zu müssen. Viel Spaß -. und vielleicht hört ihr mich da mal. 73 de DN2IM! (Das bedeutet bei uns Funkern: viele Grüße von DN2IM!) (ZmS)

Marcel Schill, Isolde-Kurz-Gymnasium, Klasse 9 a