Familien - Der Bedarf an Krippenplätzen steigt von Jahr zu Jahr. Jetzt wird in Bleichstetten eine neue Gruppe aufgebaut

Mehr Raum für St. Johanns Jüngste

VON CHRISTINE DEWALD

ST. JOHANN. Kevin traut nicht so recht: Die fremde Frau mit dem Fotoapparat ist ihm nicht ganz geheuer. Schutz sucht der Einjährige, zusammen mit einem großen Kuschel-Hasen, auf dem Schoß von Andrea Barysch, seiner Bezugserzieherin. Sie kennt er zwar erst seit ein paar Tagen - ein zartes Band des Vertrauens ist aber bereits geknüpft.

FOTO: Christine Dewald
Die ersten Schritte in die Welt außerhalb des engen Familienkreises sind ein großes Abenteuer. Für Kleinkinder wie Kevin, aber auch für alle, die sie dabei begleiten. »Das ist eine sehr sensible Phase«, weiß Claudia Götz, die für die Kinderkrippen in St. Johann zuständig ist. Sie und ihre Kolleginnen wollen deshalb alles tun, um den Kindern - und ihren Eltern - diesen schwierigen Weg zu erleichtern. Im Kinderhaus in Lonsingen und aktuell in Bleichstetten, wo seit wenigen Tagen eine vierte St. Johanner Krippengruppe gestartet ist.

Neue Menschen im Leben

Kevin und Luca sind die ersten, beide etwas mehr als ein Jahr alt, beide aus Würtingen. Zusammen mit ihren Müttern haben sie in den letzten Tagen die Räume im Bleichstetter Kindergarten, die unbekannten Möbel und Spielsachen und vor allem die neuen Menschen in ihrem Leben immer besser kennengelernt: den kleinen Gleichaltrigen und die drei Erzieherinnen Merit Wezel, Andrea Barysch und Heike Schmidt-Brislinger, die unter der Leitung von Claudia Götz die Krippengruppe aufbauen.

Ganz wichtig ist in diesen ersten Tagen und Wochen für jedes Kind immer eine bestimmte Erzieherin - seine Bezugsperson, die ihm Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Kennengelernt haben sich beide bereits, bevor der erste Schritt in die Kinderkrippe getan wurde: bei einem Hausbesuch in der Familie. »Da kann die Bezugserzieherin viel über das Kind erfahren, ein Gefühl für seine Persönlichkeit entwickeln«, berichtet Claudia Götz. »Die Familie und das Kind sind Neuland für die Erzieherin, deshalb ist alles wichtig. Die kleinen Rituale zum Beispiel, die Mütter und ihre Kleinen beim Wickeln oder Einschlafen haben.«

Aus der Sicherheit heraus, die die enge Bindung zur Bezugserzieherin vermittelt, können die kleinen St. Johanner dann Schritt für Schritt ihr neues Umfeld für sich entdecken. Und irgendwann so weit kommen, dass sie sich hier zu Hause fühlen und dass auch andere Erzieherinnen sie wickeln oder zum Mittagsschläfchen ins Bett bringen dürfen. Die Bezugserzieherin bleibt aber in der gesamten zweijährigen Krippenzeit eine feste Größe.

»Kleine Kinder brauchen eine gute, kontinuierliche Betreuung«, betont Claudia Götz. Für sie ist es »eine große Belastung, wenn alle drei Monate die Erzieherin wechselt«. Deshalb war es ihr wichtig, dass die eingearbeiteten Fachkräfte der drei Lonsinger Krippengruppen dort im Kinderhaus bleiben. Die kleine Bleichstetter Außenstelle startet - begleitet von Claudia Götz - mit neuem Personal. Das nicht mehr leicht zu finden ist, wie die Krippen-Fachfrau betont: »Den Fachkräftemangel spürt man.«

Einfühlungsvermögen gefragt

Zumal sich auch nicht jede Erzieherin zur Arbeit mit Kleinkindern berufen fühlt. »Das muss man wollen: die enge Bindung zum Kind, den engen Elternkontakt, Windeln wechseln und jeden Abend mit dreckiger Hose heimkommen, weil man auch gemeinsam isst.« Und nicht zuletzt sind im Krippenalter zwischen eins und drei Jahren zusammen mit den Eltern schwierige Zeiten wie die Autonomie- (früher Trotz)-Phase, das Zahnen oder Sauberwerden durchzustehen. Das ist pädagogische Schwerarbeit, die von den Erzieherinnen viel Einfühlungsvermögen erfordert.

Claudia Götz hat sich bewusst dafür entschieden und weitergebildet, noch bevor in St. Johann die erste Krippe startete. Zusammen mit zwei Kolleginnen hat sie dann das erste Würtinger U3-Provisorium mit aufgebaut, war bei der Konzeption des Lonsinger Kinderhauses und beim Umzug 2016 gefordert. Und hat hautnah mitgekriegt, wie der Bedarf an Krippenplätzen von Jahr zu Jahr zunahm. Die ursprünglich als Reserve gedachte dritte Lonsinger Gruppe ist seit vergangenem Jahr voll.

Im Juli wird mit dann insgesamt 38 Kleinkindern auch das auf vier Gruppen erweiterte Angebot ausgelastet sein. Ob es ausreicht oder womöglich eine fünfte Gruppe gebraucht wird, kann nur die Zeit zeigen. »Das lässt sich nicht langfristig planen«, weiß Claudia Götz, dass immer mit neuen Entwicklungen und Überraschungen zu rechnen ist.

Das möglichst gut zu lösen, den Wunsch nach Flexibilität bei Eltern und Kommune mit dem Bedürfnis der Kinder nach Kontinuität in Einklang zu bringen, ist für die inzwischen 14 St. Johanner Krippen-Erzieherinnen eine Daueraufgabe - und immer wieder auch Spagat. Als Beispiel nennt Claudia Götz die Abholzeit, die sich viele Eltern möglichst flexibel wünschen, die jedoch im Interesse der Kinder geregelt werden muss.

Auch Zuwachs in der Gruppe geht nur behutsam und Schritt für Schritt: »Das Mobile gerät immer ins Wackeln.« Kevin und Luca werden im Februar zwei neue Spielkameraden bekommen, und dann jeden Monat noch ein Kind dazu. (GEA)

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