Anfeindung - Ein in der Asylarbeit engagierter Mensch wirdwüst beleidigt und geht in die Offensive. Die Polizei ermittel

Hass-Brief: Asylarbeiter geht in die Offensive

VON MARION SCHRADE

ZWIEFALTEN/REUTLINGEN. Feinsäuberlich hat er den Artikel über das 15-jährige Mädchen, das von einem Asylbewerber aus Afghanistan erstochen wurde, ausgeschnitten und kopiert. Sich dann an die Schreibmaschine gesetzt und auf den Tasten ein paar hasserfüllte Zeilen aufs Papier gehackt.

Foto: Uli Deck
Foto: Uli Deck
»In jedem Dorf/Stadt wo so eine Bestie lebt sollte so etwas passieren«, schreibt der Mensch, der zwei wüste Sätze später am liebsten die AfD oder gleich den »Adolf« an der Macht sähe. Das Ganze unterschreibt er mit »Heil Sieg!«, steckt es in einen Umschlag und schickt es einer Person, die er in seinem Brief persönlich beleidigt und als »Asylantenhilfsschwein« bezeichnet. Weil sich ein Mensch in der Flüchtlingsarbeit engagiert, wird er zur Zielscheibe.

Auf die Rückseite des Kuverts hat der Absender - vielleicht war es aber auch eine Absenderin - einen männlichen Namen und eine Adresse in Dortmund geschrieben. Die Identität ist mit großer Wahrscheinlichkeit erfunden, ein »Fake«. Der Brief wurde zumindest nicht im Ruhrpott, sondern auf der Alb aufgegeben - der Poststempel verrät's. Mit Details und Spuren wie diesen wird sich die Polizei befassen. Denn die betroffene Person hat Anzeige erstattet, die Polizei hat die Ermittlungen bereits aufgenommen, wie Pressesprecher Christian Wörner bestätigt. Die Kripo beschäftigt sich dabei nicht nur mit der Frage, inwieweit dem Schreiber Beleidigung und Bedrohung vorzuwerfen sind: Wenn nationalsozialistische Parolen zitiert werden, schaltet sich automatisch auch die Abteilung Staatsschutz ein, die sich mit politisch motivierter Kriminalität befasst.

Bürgermeister verurteilen Angriff

Der Originalbrief liegt bei der Spurensicherung - und eine Kopie davon auf dem Tisch vor den Bürgermeistern Matthias Henne (Zwiefalten), Kevin Dorner (Hayingen) und Reinhold Teufel (Pfronstetten), die die betroffene Person ins Vertrauen gezogen hat. »Da kriegt man einen dicken Hals«, sagt Henne. Er und seine beiden Kollegen sind vieles. Verärgert, wütend, entsetzt. Nur eins nicht: eingeschüchtert. Denn damit hätte der Verfasser sein Ziel erreicht. Genau das wollen Henne, Dorner und Teufel sowie der Empfänger des Schreibens mit ihrer offensiven Reaktion verhindern. Anstatt den Brief in der Schublade zu verstecken, machen sie die Sache öffentlich und stellen klar: »So was wird bei uns nicht geduldet.«

Die drei Bürgermeister stehen nicht nur voll und ganz hinter der Arbeit, die haupt- und ehrenamtlich Engagierte im Verwaltungsverband ihrer drei Kommunen leisten. Sondern ausdrücklich auch hinter einer Politik der Offenheit und Integration. Vor zweieinhalb Jahren kamen in ihren Gemeinden die ersten Geflüchteten an, inzwischen ist aus den Begegnungen »gelebte Nachbarschaft« geworden, betont Henne. Dass Asylsuchende unter Generalverdacht gestellt werden, ist für ihn ein Unding: »Bei uns hat es keinerlei Übergriffe gegeben«, sagt Henne, der ausschließlich Positives zu berichten hat. Die Menschen, die auf der Zwiefalter Alb angekommen sind, suchen den Kontakt, schließen sich Vereinen an, helfen bei Festen, packen bei Arbeiten im Freibad mit an oder wenn im Kindergarten neuer Sand gebraucht wird.

Als Geschäftsführer des Diakonie-Verbands Reutlingen hat Günter Klinger einen guten Überblick über das, was in der Flüchtlingsarbeit geleistet wird - und auch über was das, was sie mitunter belastet. Er weiß: Dieser Brief ist kein Einzelfall. Immer wieder sehen sich Haupt- und Ehrenamtliche in der Asylarbeit Drohungen und Beleidigungen schriftlicher und mündlicher Art ausgesetzt. Klinger hat schon genügend Beispiele mit eigenen Augen gesehen und von weiteren Vorfällen gehört, die seine Sorge um das politische Klima wachsen lassen.

Dennoch: Die wenigsten, die von Anfeindungen aus der rechten Ecke betroffen sind, haben bisher den Schritt gewagt, das Problem öffentlich zu machen und Anzeige zu erstatten. Weitere Verfahren in der Region sind dem Polizeipräsidium Reutlingen sowie der Staatsanwaltschaft Tübingen derzeit nicht bekannt. Ein zumindest ähnlich gelagerter Fall aber machte 2015 Schlagzeilen: Ralph Schönenborn, damals Bezirksbürgermeister in Oferdingen, trat unter anderem »aufgrund unsäglicher Angriffe« verbaler Art in der Debatte um eine Flüchtlingsunterkunft zurück.

Diakonie will aktiv gegensteuern

»Ich habe den Eindruck, dass es immer hoffähiger wird, offen kund zu tun, dass man sich vom Zuzug bedroht fühlt. Die Sprüche werden immer dreister und frecher, vor allem auch in den sozialen Medien äußern sich solche Leute ganz ungeniert«, sagt Klinger. »Ich sehe mit großer Sorge, was sich da entwickelt.« Auch auf übergeordneter Ebene der Liga der freien Wohlfahrtspflege, der neben der Diakonie Organisationen wie Caritas, Arbeiterwohlfahrt und Rotes Kreuz angehören, sei man nicht gewillt, diese Entwicklung hinzunehmen: »Wir verurteilen das«, betont Klinger, der das Gespräch mit Vertretern der Wohlfahrtsverbände und der Politik suchen und eine gemeinsame Strategie entwickeln will, um zu zeigen: So was geht gar nicht. (GEA)

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