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Schüsse, Tränengas und Angriff auf Mullah bei Protesten

Wieder ist die Trauerzeit nach der Tötung einer Frau im Iran vorbei. Nahe der Hauptstadt schlagen die Massenproteste in Gewalt um. Augenzeugen berichten von einer neuen Dimension der Demonstrationen.

Proteste im Iran
Die Proteste in Teheran richten sich gegen das Regime. Foto: Uncredited
Die Proteste in Teheran richten sich gegen das Regime.
Foto: Uncredited

Tränengas liegt in der Luft, Schüsse sind zu hören und über den Köpfen der Demonstranten kreist ein Helikopter: Nahe der Hauptstadt Teheran sind Proteste gegen den autoritären Regierungskurs erneut in Gewalt umgeschlagen.

»Wir waren ja bei mehreren Protesten dabei, aber das hier spielt in einer anderen Liga«, berichtete ein Augenzeuge in der Stadt Karadsch, westlich von Teheran. Die Bilder, die am Donnerstag wieder in den sozialen Medien geteilt wurden, zeigten verletzte Demonstranten und Sicherheitskräfte.

Menschenmassen strömten auf die Straßen - mehrheitlich waren es Frauen. Immer wieder waren Rufe wie »wir kämpfen, wir sterben, wir ertragen keine Erniedrigung« zu hören, wie Augenzeugen berichteten. Sicherheitskräfte sollen auf die Demonstranten geschossen haben. Einige setzten sich zur Wehr. »Irgendwie hatte keiner Angst«, sagte ein weiterer Mann am Rande der Proteste. »Die Augen der Leute waren voller Hass, da war kein Platz mehr für Angst.«

Auslöser der Demonstrationen

Anlass der Proteste am Donnerstag war das Ende der vierzigtägigen Trauerzeit nach dem Tod der jungen Iranerin Hadis Nadschafi, die Berichten zufolge im September bei Protesten in Karadsch von Sicherheitskräften erschossen worden war. Die Behörden bestreiten dies. Nadschafi ist inzwischen eine der Symbolfiguren der Proteste. Im Islam ist eine Trauerzeit von 40 Tagen üblich. »Wenn man sieht, wie die Familie unter dem Tod der Tochter leidet, kommt einem die Wut hoch«, sagte ein junger Mann.

Seit mehr als sechs Wochen reißen die Proteste im Iran nicht ab. Die traditionelle Trauerzeit hat sich für viele inzwischen als Ritual etabliert, regelmäßig auf die Straßen zu gehen. Nicht nur die Trauer und Wut treibt die Menschen. »Karadsch ist deshalb ein Zentrum für die Proteste, weil hier viele aus der Mittelklasse leben, die aber immer mehr in die Unterschicht abrutschen.« Iranische Medien berichteten auch, dass ein Polizeiposten angezündet worden sein soll. Weitere Bilder in den sozialen Medien zeigten Menschen, die Waffen aus einem verlassenen Polizeiauto entwendeten.

Für Aufsehen sorgte auch eine mutmaßliche Attacke auf einen Geistlichen. Die Nachrichtenagentur Tasnim berichtete, ein Kleriker sei während der Proteste angegriffen und verwundet worden. Ein Bild in den sozialen Medien soll den verletzten Geistlichen auf dem Rücksitz eines Autos zeigen. Die Umstände ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Seit Wochen werden Irans Mullahs als Symbol der autoritären Führung in dem schiitischen Staat kritisiert. In der südöstlichen Stadt Sahedan, in der es bereits Proteste mit vielen toten Demonstranten gab, berichteten Staatsmedien am Donnerstag über einen tödlichen Angriff auf einen schiitischen Prediger.

Auslöser der Massendemonstrationen war der Tod einer anderen jungen Frau, der 22 Jahre alten iranischen Kurdin Mahsa Amini. Die Sittenpolizei hatte sie Mitte September festgenommen, weil sie gegen die islamischen Kleidungsvorschriften verstoßen haben soll. Sie starb dann in Polizeigewahrsam. Seither gehen Zehntausende gegen die repressive Politik der Islamischen Republik auf die Straßen. Mehr als 280 Menschen wurden nach Angaben von Menschenrechtlern seither getötet, mehr als 14.000 verhaftet.

© dpa-infocom, dpa:221103-99-378042/2